So lief die erste Fahrt von Cuxhaven zur Hallig Hooge
CUXHAVEN. Das gab es noch nie: Zusätzlich zu der im vorigen Jahr erfolgreich gestarteten Sylt-Linie sind jetzt ab Cuxhaven weitere Inseln im Wattenmeer vor Nordfriesland im Tagesausflugsangebot.
Neu sind Anschlussverbindungen nach Föhr und Amrum - und sogar Hallig Hooge ist dabei.
Hooge haut mich um. Die 5,6 Hektar große Hallig mitten im nordfriesischen Wattenmeer strahlt Ruhe aus. Sie vermittelt ein Gefühl von Weite. Hier scheint die Welt eine andere zu sein. Zehntausend Ringelgänse und geschätzte 16 000 Graugänse fressen sich jetzt Speck an, bevor sie bald weiter nach Sibirien in ihre Brutgebiete ziehen. Einfach herrlich ist ihr Geschnatter und Geflatter. Über den kargen Wiesen, die von Prielen durchzogen sind, thronen zehn Warften mit teilweise reetgedeckten roten Backsteinhäusern. Sie sind von Menschen mit Muskelkraft gebaute Schutz- und Siedlungshügel für die 107 Einwohner und Tausende Gäste. Zweieinhalb Stunden habe ich Zeit zum Entdecken.
Aber allein schon der Weg bis hierher hat sich als wunderbares Ziel erwiesen. Besser und entspannter kann ein Ausflugstag auf See kaum sein. Und dieses Wetter ist ein Traum. Die Sonne gibt ihr allerbestes, der Himmel ist wolkenlos, es regt sich nur ein laues Lüftchen aus östlicher Richtung. "Ausgerechnet Hooge?", lacht die Reederei-Mitarbeiterin, als sie morgens an der Gangway in Cuxhaven den Fahrschein kontrolliert. Ja, ich war nämlich noch nie auf einer Hallig. Höchste Zeit also. Die nordfriesischen Reeder Sven Paulsen und Jannes Piepgras bieten erstmals von Cuxhaven aus Touren nicht mehr nur nach Sylt an. Sie setzen Anschlussfähren nach Föhr, Amrum und Hooge - und zurück - ein.
Pünktlich um neun macht der "Adler Cat" an der Innenkante Alte Liebe Leinen los. Aus dem Hafen raus, legt Kapitän Stefan Clausen den Hebel um. Mit 31 Knoten saust der "Adler Cat" auf die Elbe. Handys werden gezückt, winkende Arme sagen den Daheimgebliebenen an der Alten Liebe Tschüß. Erst als es durch die Watten geht, reduziert der Kapitän die Geschwindigkeit. Zum Saisonbeginn sind zwar nur 97 Passagiere an Bord. Heike Clausen und Frank Sönnichsen vom Bordbistro haben dennoch alle Hände zu tun. Seeluft macht eben hungrig und durstig.
Fast alle haben die Tagestour nach Sylt gebucht. Einige Passagiere sind sogar mit Fahrrad an Bord. "Ohne Stress, ohne Stau oder Wartezeiten komme ich jetzt bequem nach Sylt oder Amrum, mit dem Auto wäre ich mindestens sechseinhalb Stunden unterwegs", ist Inselfan Ingrid Sasse aus Debstedt begeistert von der Direktverbindung. Bis Sylt ist es für den "Adler Cat" tatsächlich nur ein Katzensprung. Um 11.33 sind die Leinen im Hafen Hörnum fest. "Cuxhaven bis Sylt ist ein extrem schönes Revier, es ist abwechslungsreich mit Elbefahrt, Flachwassergebieten und Kegelrobbenbänken - und durchaus anspruchsvoll", findet Kaptiän Clausen. Für mich allerdings bedeutet Sylt nur Zwischenstopp. Ich steige in Hörnum auf die nur wenige Schritte entfernt liegende "Adler Express". Noch drei weitere Passagiere aus Cuxhaven haben diese neue Umsteigemöglichkeit ausgewählt. Ihr Ziel ist Amrum, nach Hooge will nur ich. Den beeindruckend breiten Strand Kniepsand und die hohen Dünen sehe ich nur von Seeseite, ich lasse auch diese Insel links liegen. Passagiere steigen auf Amrum aus, neue wieder ein - und schon geht es weiter. Hooge ist in Sicht. Nachdem Kapitän Gerrit Vöge die Bugklappe seiner "Adler Express" geöffnet hat, geht es erneut ruckzuck. Um 13.15 Uhr betrete ich Neuland. Direkt am Fähranleger auf Hooge gibt es Fahrräder zu mieten - oder ein Platz in der Pferdekutsche. Mir wird es bequem gemacht mit Experten zur Seite. Reeder Jannes Piepgras stammt von Hooge. Der gelernte Fischer und Kapitän hat seinen Weg gemacht. Mit dem Aufbau von Offshore-Windparks vor Helgoland hat er einen Schnellfährendienst für Windkraft-Crews aufgebaut. Mittlerweile ist er ins Schiffsausflugsgeschäft eingestiegen. Beteiligt ist er am "Adler Cat", an dem auch Sven Paulsen aus Sylt seine Anteile hat. Reeder Paulsen unterhält übrigens 25 Adler-Schiffe zwischen Usedom und Sylt.
Jannes Piepgras und sein Vater chauffieren mich mit dem Auto. "Backenswarft, Kirchwarft und Hanswarft - das schafft man in den knapp zweieinhalb Stunden und bekommt einen guten Eindruck", sagt Matthias Piepgras. Er vermietet Ferienwohnungen. Naturliebhaber und Leute, die runterkommen wollen, seien Hooge-Urlauber. Er empfiehlt rechtzeitiges Buchen, denn das Angebot sei begrenzt. "220 Gästebetten und 240 Jugendunterkünfte gibt es hier." Die meisten Einwohner lebten vom Tourismus. Rund 90 000 Tagesgäste und 45 000 Übernachtungen werden pro Jahr gezählt.
"Blick auf´s Meer gibt es hier von überall", schmunzelt er. Aber die Nordsee kann auch anders. "Land unter" sei etwa fünf Mal im Jahr. Dann guckten nur die Warften aus der tosenden Nordsee. Was die Piepgras' über das Orkantief Xaver berichten, klingt wie blanker Horror. Die Flut war bis an die Warftkante gestiegen, Wellen schwappten über bis fast an das Haus. Aufwarftung, also Erhöhung, ist ein großes Thema. "Der Klimawandel zeigt sich eben auf einer Hallig deutlicher als anderswo." Matthias Piepgras wird schlagartig ernst. Denn nicht nur Schönwetter wie heute prägt hier das Leben. Vor der Naturgewalt Respekt zu haben und mit ihr umzugehen, ist für Halligbewohner überlebenswichtig.
Gern wäre ich auf Hooge geblieben. Aber es nützt nichts, 15.40 Uhr bin ich auf den "Express" nach Sylt gebucht und anschließend auf den 17 Uhr-"Cat" nach Cuxhaven. Einmal Hallig und zurück endet nach kurzweiligen zehn Stunden und 34 Minuten an der Alten Liebe - und ich habe eine neue gefunden. Hooge, ich komme wieder. Aber vorher will ich noch Amrum entdecken...
Die Verbindung:
Ab Cuxhaven fährt die "Adler Cat" jeden Freitag, Sonnabend und Sonntag nach Sylt. Start ist um 9 Uhr, nach zweieinhalb Stunden ist der Hafen in Hörnum erreicht. Von dort fahren Busse. Die Rückkehr erfolgt gegen 19.25 Uhr. Auf der "Adler Cat" haben bis zu 224 Fahrgäste Platz. Der Katamaran fährt bis zu 30 Knoten. Im Nationalpark Wattenmeer wird die Geschwindigkeit gedrosselt.
Wer nach Amrum, Hooge oder Föhr möchte, steigt auf Sylt im Hörnumer Hafen in die Anschlussfähre. Nach Amrum und Hooge ist das die knapp 42 Meter lange "Adler Express". Das 24 Knoten schnelle Schiff bietet Platz für 420 Fahrgäste. Es pendelt mehrmals täglich auf der Route Nordstrand-Hooge-Amrum-Sylt.www.adler-schiffe.de
Hallig:
Die kleinen Marscheninseln Halligen erheben sich nur wenige Meter über dem Meeresspiegel. Ihre Häuser stehen auf aufgeschütteten Erdhügeln, den Warften. Sie sind nicht oder nur wenig durch einen leichten Sommerdeich geschützt, so werden sie bei Sturmfluten überschwemmt. Das unterscheidet sie von anderen Inseln. Die zehn deutschen Halligen - sieben sind bewohnt - gruppieren sich kreisförmig um die Insel Pellworm vor Nordfriesland.
Eine Bildergalerie von der Reise gibt es hier.