Diskussion am Runden Tisch

Ärzte besorgt über Ökonomisierung

27.01.2018

CUXHAVEN. Wohin steuert unser Medizinwesen und was ist den Konzernen entgegenzusetzen? Darüber diskutierten Cuxhavener Ärzte. Von Maren Reese-Winne

Ist der eingeschlagene Weg überhaupt noch zu stoppen? Wie bald wird auch die ambulante Versorgung in Konzernhänden sein? Und wird der medizinische Nachwuchs irgendwann – weil er es nie anders gekannt hat – den restriktiven Umgang mit Medikamenten und Zeit für Patienten ganz normal finden?

Viele Ärzte aus der Stadt Cuxhaven und dem Umland betrachten die Entwicklung des Gesundheitswesens besorgt und kritisch (siehe auch Seite 12). Die Entlassung des Chefarztes Dr. Bernward Steinhorst aus der Capio-Klinik Otterndorf war für rund 20 von ihnen – Frauen wie Männer – vor kurzem Anlass zu einem Gedankenaustausch in Cuxhaven.

In der Runde wurde noch einmal die Wertschätzung für den Otterndorfer Kollegen – fachlich wie menschlich und auch immer wieder von den Patienten zurückgemeldet – deutlich. Dabei gehöre das Cuxland mit Sachverstand gestärkt und nicht geschwächt, zumal auch Dr. Steinhorsts Verdienst um die Ausbildung hoch gewesen sei. „Und wie lange die Besetzung von Chefarzt-Positionen dauern kann, haben wir zum Teil bei Helios in Cuxhaven erlebt“, hieß es.

Über große Strecken ging es an dem Abend aber um das Gesundheitssystem an sich. Meldungen über unterbesetzte Kliniken und andererseits steigende Operationszahlen mit deutlich messbaren Ballungen in einzelnen Regionen ziehen sich durch die gesamte Bundesrepublik (Letzteres ist im Übrigen fesselnd wie in einem Krimi dargestellt in der ARD-Reportage „Operieren und Kassieren“, abrufbar in der ARD-Mediathek).

„Die Ökonomisierung ist der falsche Weg“, diese Meinung vertrat die Runde lokaler Mediziner angesichts der zunehmenden Macht der Konzernzentralen. Im Cuxland und Bremerhaven beispielsweise sind das Helios und Ameos, in Otterndorf Capio, auf Helgoland Paracelsus und – im weiteren Umfeld – in Hamburg vorwiegend Asklepios. Schlagzeilen machten alle.

Während sie, die Niedergelassenen, noch selbstständig entscheiden und handeln könnten, seien die „Kliniker“ sehr viel mehr den Auswirkungen ausgesetzt.

Die selbstständigen Ärztinnen und Ärzte fürchten allerdings die schrittweise „Übernahme“ der ambulanten Versorgung – 40 Prozent der Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) in Niedersachsen seien bereits in Konzernhand; 20 Prozent der Sitze für Niedergelassene in Deutschland nicht mehr frei verfügbar.

„Profit schlägt Patientenwohl“ – angesichts solcher Schlagzeilen in Fachblättern befanden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Runde: „Irgendwann müssen wir reagieren.“ Vielfach vertrügen sich die Vorstellungen der „Privaten“ nicht mehr mit ihren ethischen Werten. Was viele Klinikriesen unter „maximaler Leistung“ verständen, habe „mit Medizin nichts zu tun“. An einen Systemwechsel – zurück zu Krankenhäusern in öffentlicher Hand – mochten die Fachleute indes nicht glauben. Vielleicht zurückzudrehen wäre etwas am Abrechnungssystem der DRGs, der fallbezogenen Abrechnungen.

Ohne Rücksicht auf die Ausgangssituation und individuelle Genesung der Patienten legen sie Beträge und Zeiten für jede Diagnose und Behandlung fest. „Das australische Schwachsinnssystem“, bilanzierte ein Anwesender sarkastisch.

Die Patienten würden vielfach so früh entlassen, dass die Niedergelassenen sie erst mal wieder aufbauen müssten. „Blutig“ Entlassene forderten mehr Nachbehandlung; unzureichende Begleitung bei der Medikation und Mängel in den Entlassungsberichten riefen nach Aufklärung.

Wenn die Konzerne die mit dem Geld der Versicherten erzielten Erlöse an ihre Aktionäre ausschütten dürften (der Helios-Mutterkonzern Fresenius bejubelte Anfang 2017 beispielsweise „das 13. Rekordjahr in Folge“), dann stimme mit dem System etwas nicht mehr: „Enteignung von Pflichtbeiträgen mit Ansage“, so eine Wortmeldung.

Das Gesundheitssystem steuerten nicht etwa medizinisch versierte Entscheidungsträger, sondern Geschäftsleute. In den Krankenhäusern gäben Verwaltungskräfte die Richtwerte vor und die Kassen seien auch mit im Spiel, legten willkürlich immer höhere Mindestmengen für Operationen fest und schwächten damit Strukturen auf dem Land. Diese Fokussierung verführe dazu, „überflüssige OPs in Mengen durchzuführen“. Das führe zwangsläufig zu einem Vertrauensproblem. Disziplinen, die (wenig lukrative) Gespräche und Zuwendung erforderten, drohten hingegen abgebaut zu werden.

Die besorgniserregende Entwicklung bedürfe dringend einer gesellschaftlichen Diskussion, die Politik aber verhalte sich „sibyllinisch“ (vieldeutig). „Doch auch die Patienten können auf das, was mit ihrem Geld passiert, einwirken“, fanden die Anwesenden.

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