Flucht vor 70 Jahren:

Aus Bessarabien nach Cadenberge geflohen

17.12.2015

CUXHAVEN. Else Lächler aus Lüdingworth wurde 1931 in Eichendorf (heute Doina) in Bessarabien (heute Moldau) geboren. 1940 musste sie mit ihrer Familie auf Befehl Hitlers „heim ins Reich“. Als Entschädigung erhielt die Familie einen Hof in Westpreußen (heute Polen), von wo sie später vor der Roten Armee fliehen musste und schließlich in Cadenberge landete. Unserer Redaktion erzählte die Rentnerin ihre Geschichte.

Die Flüchtlinge stehen mit ihren Pferdewagen rund um einen zugefrorenen See unter einem sternenklaren Himmel in Pommern, das heute in Polen liegt. Sie sind auf der Flucht vor der Roten Armee. Auf einmal beginnt einer von ihnen zu singen und einer nach dem anderen fällt ein. Als das Lied „Heimat, deine Sterne“ erklingt, fließen bei den Menschen die Tränen. An diesen zugleich traurigen und schönen Moment erinnert sich die Rentnerin bis heute.

Im Alter von sieben Jahren wurde Else allein, ohne Eltern, per Schiff mit einem Krankentransport über die Donau nach Bukarest gebracht. Was für eine Krankheit sie damals hatte, weiß die 84-Jährige heute nicht mehr. In Bukarest blieb sie eine Woche im Krankenhaus, bevor es nach Vierzehnheiligen in Oberfranken weiterging. Dort traf Else die Eltern, Großeltern und ihren Bruder wieder.

Als erstes lernten die Neuankömmlinge, morgens direkt nach dem Waschen und Anziehen die Fahne zu hissen und „Heil Hitler“ zu schreien. Im Kloster, wo die „Umsiedler“ untergebracht wurden, herrschte fast so etwas wie Alltag. Die Männer arbeiteten, die Mütter kochten für alle und die Kinder wurden sogar so gut wie möglich unterrichtet. Nach fast einem Jahr wurde Elses Familie nach Hollendorf (heute Bzowo/Warlubie) in Westpreußen gebracht, wo die Polen von ihren Höfen vertrieben worden waren. Dort hielten sie, wie schon in ihren früheren Heimat, Pferde, Kühe, Schweine und Kaninchen. Als der Vater zum Kriegsdienst eingezogen wurde, bekam die Familie polnische und russische Kriegsgefangene als Helfer zugeteilt.

Der Krieg rückte immer näher. Trecks, die aus Ostpreußen kamen, rollten an dem Hof vorbei. Eines Nachts trommelte es an der Haustür, Else erschrak zu Tode. Die Wehrmacht war bereits dabei, eine Kantine auf dem Hof aufzubauen. Hals über Kopf wurde ein Wagen zurechtgemacht, die Mutter packte warme Decken und Futter für die Pferde ein. Kleidung wurde kaum mitgenommen, schließlich wollte die Familie bald wiederkommen. Bis heute erinnert sich die 84-Jährige daran, wie es war, als sie sich von ihrem kleinen Hund verabschieden musste. Sie habe geheult wie ein Schlosshund, erzählt sie. Am Anfang wurde Tag und Nacht durchgefahren, da die Front schnell näherkam. In Pommern durften die Flüchtlinge bei einer Familie übernachten, die Kühe und eine Schrotmühle besaß. Es wurde Stuten und Brot gebacken, dazu gab es Milchsuppe und Nudeln – die erste warme Mahlzeit seit Tagen. Weiter ging es über die Oder. Die Pferdewagen wurden mit improvisierten Fähren übergesetzt.

Als der Treck ein Dorf erreichte, in dem noch ein Bäckerladen geöffnet hatte, wurden die Kinder Brot kaufen geschickt. Plötzlich gab es Fliegeralarm. Als die Kinder aus dem Laden kamen, war der Treck bereits weitergefahren, um nicht unter Beschuss zu geraten. Sie rannten los, um die Wagen einzuholen. Soldaten hoben die Kinder auf einen Wehrmachts-LKW und brachten sie zurück zum Treck, der unter Bäumen außerhalb des Dorfes Schutz gesucht hatte.

Else und ihre Familie gelangten bis Hamburg-Harburg, wo sie den großen Luftangriff erlebten. Der ganze Himmel sei voller „Tannenbäume“ gewesen. Die Pferde hätten vor Angst gezittert, auch das hat die Rentnerin nie vergessen. In Neuhaus bekamen die Flüchtlinge zu hören, sie sollten wieder zurückfahren, hier wäre kein Platz. Also drehte die Familie wieder um und fuhr nach Cadenberge. Auf den letzten Metern gab es einen gewaltigen Schreckmoment. Der Schimmel, der den ganzen Weg durchgehalten hatte, brach vor dem Wagen zusammen. Er erholte sich aber bald wieder, sodass es weitergehen konnte.

Elses Vater kam in kanadische Kriegsgefangenschaft und konnte über das Rote Kreuz wieder mit ihnen Kontakt aufnehmen. Später schickte er sogar ein Care-Paket mit Schokolade und Kaffee. Else Lächler lernte in Cadenberge ihren Mann kennen und zog mit ihm nach Lüdingworth, wo sie bis heute lebt. Ihr Mann ist inzwischen verstorben.

Wenn die alte Dame aktuelle Bilder von Flüchtlingen sieht, kommen die Erinnerungen hoch. „All die kleinen Kinder machen mich traurig. Ich kenne das, wenn man los muss“, sagt Else Lächler. Einige Flüchtlinge habe sie in Lüdingworth bereits kennengelernt. „Die möchten sich integrieren“, ist ihr Eindruck.

Von Katharina Jothe

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