Interview

Bastian Brylla etabliert Plattdeutsch an "bunter" Schule in Cuxhaven

von Maren Reese-Winne | 27.05.2022

CUXHAVEN/BÜLKAU. Die Ritzebütteler Schule in Cuxhaven ist kulturell und sprachlich schon "maximal bunt" - warum ihr nicht noch eine neue Farbe verleihen? Schulleiter Bastian Brylla aus Bülkau hat das getan und Ritzebüttel zur Projektschule Plattdeutsch gemacht.

Nun kann er sich jeden Tag an den Effekten freuen: "Die Kinder sind einfach begeistert und lassen sich darauf ein - und dabei herrscht auch noch eine gewisse Chancengleichheit, weil alle gemeinsam an einem neuen Punkt anfangen." Redakteurin Maren Reese-Winne hat sich mit dem Pädagogen über die Plattdeutsch-Szene an Schulen, Sprachenlernen und Motivation unterhalten.

Welcher Berührungspunkt verbindet Sie selbst mit dem Plattdeutschen?

Drei meiner vier Großelternteile stammten aus Schlesien. Und dann war da der Großvater aus Braunschweig - Opa Heinz, er lebt noch und ist heute 92 Jahre alt. Mit ihm habe ich als Kind viel Zeit verbracht: Wenn wir spazieren gingen und Leute trafen, wurden diese Gespräche oft auf Platt geführt. Da habe ich gern zugehört. Er hat die Sprache aber leider nicht an meine Mutter und mich weitergegeben. Mit Mitte 30 begann ich, mich wieder fürs Plattdeutsche zu interessieren. Im Raum Salzgitter war es schwer, Menschen zu finden, mit denen ich das üben konnte. Meine plattdeutschen Wurzeln konnten erst hier richtig aufblühen, vor allem durch das Netzwerk, das sich nach einer Fortbildung mit Hans-Hinrich Kahrs im Studienseminar Cuxhaven gebildet hat.

Ihr Opa hat im Raum Salzgitter auf Ostfälisch kommuniziert - und welche Form des Niederdeutschen sprechen Sie heute?

Nordniedersächsisch, eindeutig. Auch wenn ich merke, dass durch meinen Opa viele ostfälische Begriffe in meinen Sprachgebrauch gekommen sind. Im Moment sammle ich regelrecht regionalspezifische Ausdrücke. Weit verbreitet ist "Tante Meier" für die Toilette. In Bülkau heißt der Maulwurf auch "Windwarber" oder der Frosch "Pung". Die Bezeichnung "Leuwagen" für Schrubber kennen auch viele. Ich finde das total spannend!

Wie ist Plattdeutsch in Ihrer Schule zu erleben?

Also, wer mich in Musik hat, bekommt schon mal mit Platt zu tun (lacht). Dann sieht allein das Kerncurriculum Deutsch für die Grundschule schon eine Begegnung mit dem Plattdeutschen vor. Bei uns wird das Plattdeutsche darüber hinaus niederschwellig vermittelt: In AGs und im Ganztagsbereich. Auf Schildern überall im Schulgebäude stehen auch die plattdeutschen Bezeichnungen und im Flur haben wir eine Präsentationsfläche vor dem Lehrerzimmer.

Wie kann ich mir die Unterrichtsmaterialien dafür vorstellen?

Gerade ist ein ganz neues Lehrwerk präsentiert worden, "Plattsnack 1"; wir haben hier die nordniedersächsische Ausgabe, alles durch das Land finanziert, das uns die Materialen kostenlos zur Verfügung stellt. Das ist ganz ähnlich aufgebaut wie Lehrwerke für Englisch. Die Landesschulbehörde gibt immer tolle neue Sachen raus, zuletzt zum Beispiel über das Thema Feuerwehr. Wir haben darüber hinaus die Möglichkeit, uns an die Berater für die Sprachen der Region zu wenden, das sind speziell ausgebildete Lehrkräfte. Immer mehr von ihnen sind ebenso wie ich nicht mit Plattdeutsch als Muttersprache aufgewachsen. Dann haben wir unser Netzwerk der Kolleginnen und Kollegen der Projektschulen, in dem wir uns persönlich und über die Plattform schoolmester.de austauschen. Die macht es jedem möglich, tolle Materialien zu finden. Platt ist modern geworden, damit wir alle erreichen. Wir zeigen den Kindern auch immer am Anfang und Ende eines AG-Halbjahres den Film "Ritter Trenk" in plattdeutscher Synchronisation. Vieles können sie sogar schon am Anfang verstehen, am Ende aber sind sie darüber fasziniert, was alles hinzugekommen ist.

Wie können Schulen das Plattdeutsche bei sich zum einem Schwerpunkt machen?

Es gibt zum einen die Bezeichnung als "Plattdeutsche Schule" - da muss die Sprache aber schon eine sehr große Rolle spielen. Wir sind jetzt im dritten Jahr eine "Projektschule Plattdeutsch". Das ist mit einer Förderung und einer Stundenentlastung verbunden. Ich habe dafür zum Beispiel eine plattdeutsche Bücherei für die AG angelegt und bereite Veranstaltungen vor. All das müssen wir dann auch dokumentieren und berichten.

Macht Platt auch fit für andere Sprachen?

Das ist interessant gerade bei unserer bunten Schülerschaft mit Kindern aus vielen unterschiedlichen Muttersprachen. Man könnte vermuten, dass eine weitere Sprache sie nur durcheinanderbringt und sie am Ende gar keine Sprache richtig können. Tatsächlich ist aber lernpsychologisch nachgewiesen, dass dies keine Zusatzbelastung darstellt, sondern das Sprachenlernen noch fördert. Es wird dabei dasselbe Areal angesprochen, das ich brauche, wenn ich zum Beispiel später mal Chinesisch lernen möchte. Das Plattdeutsche ist kein Dialekt, sondern eine eigene Sprache mit eigener Grammatik und vielen eigenen Vokabeln. Die Faszination für Sprache wird auch in dreisprachigen Lehrbüchern - Deutsch, Plattdeutsch, Englisch - geweckt.

Sie haben an Ihrer Schule ja noch andere Schwerpunkte ...

Richtig, als Kernaufgabe sehen wir unsere Schulsozialarbeit an. Da gibt es viele andere verbindende Elemente wie den Sport, aber Platt gehört eben auch dazu. Es verbindet, ohne dass es andere ausschließt. Wenn man Plattdeutsch spricht, kann man einfach sehr viel Freude haben.

Wie begleitet Sie die Sprache in Ihrem eigenen Alltag auf dem Land und im Privatleben?

Im Dorfladen in Osterbruch versuche ich beim Einkaufen regelmäßig, mit Leuten in Kontakt zu kommen. Gerade Ältere freuen sich sehr darüber und verstehen das auch als Vertrauensbeweis. Es passiert auch, dass sie unwillkürlich zunächst auf Hochdeutsch antworten und dann erst umschalten. Mit meinen Kindern spreche ich viel Platt und lese ihnen plattdeutsche Bücher vor. Manchmal passiert es schon, dass mein vierjähriger Sohn plötzlich etwas auf Platt sagt. Das ist doch toll. Es wäre mehr als bedauerlich, wenn diese Sprache in ein, zwei Generationen weg wäre!

Zur Person

Bastian Brylla (40) ist seit dem Schuljahr 2018/19 Leiter der Ritzebütteler Schule. Schulleitungserfahrung besitzt er seit bereits fast elf Jahren.

Mit seiner Ehefrau und zwei Söhnen bewohnt er einen alten Apfelhof in Bülkau-Auestade.

Brylla stammt aus Salzgitter-Lichtenberg, studierte in Braunschweig und legte das 1. und 2. Staatsexamen als Grund-, Haupt- und Realschullehrer mit dem Schwerpunkt Grundschule ab. Seine Fächer sind Deutsch, Sachkunde, Biologie und Sport.

Neben der plattdeutschen Sprache hat er sich auch dem Umweltschutz verschrieben und ist neuerdings Mitglied im Pomologenverein (Apfelkundler). Mit Reimer Esselborn aus Osterbruch kann er sich dort auch auf Platt verständigen.

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Maren Reese-Winne

Redakteurin
Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

mreese-winne@no-spamcuxonline.de

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