Im Gastgewerbe falle viele Überstunden an. Foto: Gollnow
Arbeitswelt

In dieser Branche fallen im Kreis Cuxhaven die meisten Überstunden an

05.09.2019

KREIS CUXHAVEN. Wenn der Landkreis Cuxhaven richtig schuftet, kommt ein Überstunden-Berg heraus: Rund 2,3 Millionen Arbeitsstunden haben die Beschäftigten hier im vergangenen Jahr zusätzlich geleistet. Davon 1,2 Millionen Überstunden zum Nulltarif - ohne Bezahlung.

Das geht aus dem "Überstunden-Monitor" hervor, den das Pestel-Institut im Auftrag der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) erstellt hat.

Danach haben alle Beschäftigten den Unternehmen im Kreis Cuxhaven 31 Millionen Euro "geschenkt". Allein in Hotels und Gaststätten leisteten die Beschäftigten hier im vergangenen Jahr rund 100 000 Überstunden. Das hat das Pestel-Institut auf Basis des Mikrozensus berechnet.

Die Wissenschaftler sind von bundesweiten Durchschnittswerten ausgegangen. Demnach waren 44 Prozent aller im Landkreis Cuxhaven geleisteten Überstunden im Gastgewerbe unbezahlt. Für 2018 bedeutet dies - bei zwölf Euro Lohnkosten pro Stunde für den Arbeitgeber - ein "Lohn-Geschenk" von 532 000 Euro. "Von der Küchenhilfe im Hotel bis zum Kellner im Biergarten: Wer im Gastgewerbe arbeitet, ist auf jeden Euro angewiesen. Dabei sind 54 Prozent dieser Arbeitsplätze im Kreis Cuxhaven Minijobs", sagt NGG-Geschäftsführer Dieter Nickel. Das Problem der 450-Euro-Kräfte: Sie dürfen keinen Euro hinzuverdienen. "Also werden die Überstunden entweder gar nicht oder schwarz bezahlt - bar auf die Hand. Statt Minijobber mit 450 Euro abzuspeisen, sollte das Gastgewerbe endlich mehr Menschen regulär beschäftigen und ordentlich bezahlen", fordert Nickel.

Die NGG geht in Sachen Arbeitszeit jetzt in die Offensive: Sie stellt sich mit der Gastgewerbe-Kampagne "#fairdient" hinter die rund 4500 Beschäftigten in den Hotels, Restaurants und Gaststätten im Kreis Cuxhaven. Denn ihnen drohe - über den verlorenen Lohn bei Umsonst-Überstunden hinaus - noch ein anderes Problem: Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) dränge die Bundesregierung, die Arbeitszeiten noch flexibler zu machen. "Es geht darum, das Arbeitszeitgesetz zu durchlöchern", meint Nickel. Ziel der Arbeitgeber sei es, die Höchstarbeitszeit auf bis zu 13 Stunden pro Tag auszuweiten", kritisiert der Gewerkschafter.

"Ein Eigentor schießen"

Der Dehoga werde sich mit seinem Vorstoß "ein Eigentor schießen", so die NGG. Denn das Hotel- und Gaststättengewerbe könnte durch eine weitere Flexibilisierung der Arbeitszeit an Attraktivität einbüßen. "Gerade junge Menschen werden dadurch verschreckt. Und das bei der - im Branchenvergleich - ohnehin schon besonders niedrigen Ausbildungsquote", sagt Nickel. Der Gewerkschafter warnt: Mehr arbeiten zu müssen, bedeute immer auch ein höheres Gesundheitsrisiko. Die bestehende Regelung der Arbeitszeit sei deshalb ein wichtiger Schutz der Beschäftigten. Im Gastgewerbe sei es bereits heute gang und gäbe, überdurchschnittlich oft an Wochenenden und Feiertagen, spätabends und auf Abruf zu arbeiten. In Tarifverträgen habe die NGG mit dem Dehoga vielfältige Arbeitszeitmodelle vereinbart. Zu viele Betriebe setzten diese aber gar nicht in der Praxis um, sondern wollten einen Freifahrtschein. "Wir fordern die Unternehmen auf, sich an diese Regelungen zu halten und die Dienstpläne frühzeitig und verlässlich zu schreiben", so Gewerkschafter Nickel.

Die NGG hatte bundesweit mit Bezug auf die Pestel-Studie gegen Unternehmen im Gastgewerbe mobil gemacht. Der Dehoga weist den Vorwurf, viele Überstunden nicht zu zahlen, weit von sich - und fordert flexiblere Arbeitszeiten. Mit deutlichen Worten zitierte kürzlich die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ) den Geschäftsführer des Dehoga Nordrhein, Thomas Kolaric: "Für ein bisschen öffentliche Wahrnehmung im Sommerloch die ganze Branche einer Stadt, einer Region und einem Bundesland mit nicht nachprüfbarem pseudo-wissenschaftlichem Anstrich an den Pranger zu stellen, ist unterste Schublade und sägt letztlich den Ast ab, auf dem auch NGG-Funktionäre sitzen." Mit Polemik komme man nicht weiter, so Kolaric in Richtung NGG, die auch den hohen Anteil an Minijobbern in der Branche kritisiert hatte. "Minijobs als Teufelszeug zu brandmarken, ist Ideologie und ganz weit weg von den Realitäten im Gastgewerbe." Der Dehoga-Geschäftsführer sagte, er kenne Betriebe, die gern aus Minijobbern Festangestellte machen würden, "aber die Minijobber dies nicht wollen, weil sie bereits einen anderen festen Arbeitsplatz haben."

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