Gesellschaft

Keine Bühne für das Schaulaufen der Empörten

18.05.2018

Der Publizist Henryk M. Broder verzichtet darauf, den Voß-Preis der Stadt Otterndorf anzunehmen. Dazu ein Kommentar von Felix Weiper.



D
enken in Schablonen. Wie simpel das ist. Gut und böse. Schwarz und weiß. Links und rechts. Oben und unten. Im Grunde ist die Welt ja so einfach zu beschreiben. Wer die Willkommenskultur vorbehaltlos unterstützt, ist human. Wer sie hinterfragt, ist ein Populist und als solcher ein Menschenverächter. Henryk M. Broder passt nicht in Schablonen. Seine Kritiker möchten ihn gern klassifizieren, ihn in die Schublade stecken. Nur: Das lässt er nicht mit sich machen. Das Schaulaufen der Empörten in Otterndorf hat der Publizist nicht zugelassen. Er hat ihnen die Bühne verbaut, indem er auf die Annahme des Voß-Preises der Stadt Otterndorf verzichtet und den Festakt abgeblasen hat. Das war klug, das war zugespitzt, das war ganz Broder. Er lässt sich die Diskussion nicht aufzwingen. Und schon gar nicht begibt er sich in die Situation, sich für eine Würdigung rechtfertigen zu müssen.

Man muss die Thesen Broders nicht teilen. Man muss den Polemiker Broder auch nicht mögen. Wer meint, er sei geschmacklos und gehe über Schmerzgrenzen hinweg, der findet viele Textpassagen in seinen Kommentaren und Büchern, die das belegen könnten. Aber an dem Wortkünstler Broder, der es meisterhaft versteht, die Provokation als Stilmittel einzusetzen, kommt man nicht vorbei. Er legt den Finger in Wunden. Er deckt Widersprüche und Absurditäten auf. Er mischt sich in Debatten ein, die relevant sind – ganz aktuell über die Frage, was wir im Rahmen der Willkommenskultur zulassen wollen, welche Zugeständnisse wir machen, wie viel wir preiszugeben bereit sind und wie weit Toleranz gehen darf. Das hat im Voß’schen Sinne ganz viel mit Aufklärung zu tun.

Sozialdemokraten und Grüne im Cuxland haben die Preisverleihung an Broder reflexartig abgelehnt. Der Konflikt ist entlarvend und spiegelt eine gesamtgesellschaftliche Auseinandersetzung wider: Broders Kritikern geht es darum, die Deutungshoheit über Themen wie die Flüchtlingspolitik und die Integration zu behalten. Dabei reklamieren sie die moralische Überlegenheit für sich und verweigern die Diskussion. Wer sich nach ihrem Verständnis politisch nicht korrekt verhält, darf kein Gehör finden, muss in der rechten Ecke stehen und ist ganz sicher nicht preiswürdig. So boykottieren diejenigen, die Broder diffamieren, den Meinungsaustausch. Das ist zutiefst undemokratisch.

Was hätte der Aufklärer Johann Heinrich Voß wohl gesagt? Vermutlich hätte er es bedauert, dass er Henryk M. Broder nicht zum Voß-Preis gratulieren kann und er hätte Respekt vor der Haltung des Publizisten gehabt. Er hätte Broder bescheinigt, dass er für die Freiheit der Meinung steht. Ganz im Voß’schen Sinne.

Mehr zum Thema:

Otterndorf: Broder verzichtet auf den Voß-Preis hier.

"Otterndorfs Voß-Preis hat Schaden genommen" hier.

Aust über Broder: "Er ist er. Und niemand anders" hier.

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