Eine Krankenschwester auf der Infektionsstation betrachtet in Schutzkleidung und mit einer Atemmaske zwei Abstrichröhrchen. Foto: Bernd Thissen/dpa
Ausnahme-, keine Notsituation

Kommentar zum Corona-Virus: Ausbruch verändert Blick auf vieles

von Maren Reese-Winne | 29.02.2020

CUXHAVEN. Wie, nur Nasenspray? Keinen Mundschutz wie sonst alle?" Der Apotheker stöhnt, holt einen Riesen-Kanister Desinfektionsmittel und meint: "Die Leute drehen alle durch ..."

Eine Szene, so erlebt von meiner Tochter in Hannover. Im Drogeriemarkt sehe ich leer gefegte Desinfektionsmittel-Regale. Ja, sind wir nun alle verrückt geworden? Noch können viele sich nicht so recht entscheiden, ob sie alles lächerlich machen oder doch allmählich Panik schieben sollen.

Letzteres ist ganz sicher nicht angebracht. Die Corona-Infektion verläuft oft mild, längst nicht alle müssen ins Krankenhaus, viele sollen die Infektion nicht einmal bemerken - sagt der Verstand. Doch wie schrecklich wäre es, andere unwissentlich mit einem Keim zu infizieren, der für sie zum Killer werden könnte. Was daran beschönigt werden soll, mag mir nicht einfallen und der Hinweis, dass auch jedes Jahr genug Menschen an der Influenza sterben, hilft auch nicht weiter. Daher sind ordentliche und sachliche Informationen zum Händewaschen und zur Rücksicht keinesfalls übertrieben, sondern ein Beitrag dafür, den Ausbruch in den Griff zu kriegen, auch wenn dies im Moment aussichtslos erscheint.

Seit Wochen sehen wir, wie sich die Ausbreitung scheinbar nicht stoppen lässt, erfahren fast stündlich von neuen Krankheitsfällen - bis hin zu detaillierten Angaben, an welchem Tag in welchem Kino um welche Uhrzeit auf welchem Platz ein Infizierter einen Film gesehen hat und dass man sich, wenn man dieselbe Vorstellung gesehen habe, doch bei den Behörden zu melden und auf eine häusliche Quarantäne einzustellen habe.

So schnell kann das gehen. 14 Tage nur zu Hause - ohne jegliche Vorbereitung -, das ist ja schon ohne Krankheit eine unwirkliche Vorstellung. Was ist mit der Arbeit? Was mit älteren Verwandten, die vielleicht versorgt werden müssen? Was ist, wenn die Medikamente ausgehen? Und was liegt eigentlich noch in den Vorratsschränken? Die Frage stellt sich umso mehr, nachdem die Bilder von leer gekauften Supermärkten, verlassenen Straßen und Polizeikontrollen in Italien zu sehen waren.

Fast beschämt schiebe ich also lieber mal einen randvollen Einkaufswagen an die Kasse, interessiert beäugt von den Umstehenden, die mit einem Kohlkopf und einer Packung Milch anstehen. "Sie sind heute schon die zweite", sagt die Verkäuferin. Zu Hause entpuppt sich der Einkauf als wahrlich nicht übertrieben - von den allgemeinen Empfehlungen zum Notvorrat noch weit entfernt. Komisch, dass ich mich immer noch entschuldige, obwohl wir doch andere Sorgen haben müssten. Denn der Corona-Ausbruch regt zum Nachdenken an - zum Beispiel darüber, ob es wirklich richtig sein kann, dass wir uns in den elementarsten Lebensbereichen so abhängig machen, dass die Medikamentenversorgung oder der Nachschub an Schutzmasken zusammenbricht, wenn die Produktionsstätten in Fernost schließen.

Aber manchmal braucht man in einer verunsichernden Situation auch Gelassenheit. Spontan entfährt mir, als eine Freundin fragt: "Was sollen wir denn nun machen?" der Satz: "Den Humor bewahren." Empfehlenswert ist da die Auseinandersetzung der Radio-Familie Freese im NDR mit dem Thema Corned Beef, der Zutat, die in keinem Notfallvorrat fehlen darf - keiner möge es, aber es stehe für "eine Verdeutlichung der Ernsthaftigkeit"… die Empfehlung, man möge sich mit Quinoa-Rösti und Lavendelschorle bevorraten, habe da womöglich nicht die gewünschte Durchschlagskraft. Malzkaffee und Dauerwurst - das stehe für Katastrophenvokabular. Von der Katastrophe sind wir nun weit entfernt. Hoffen wir, dass mit dem Frühlingseinbruch ebenso wie die Influenza-Saison auch der Corona-Ausbruch eingedämmt wird.

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Maren Reese-Winne

Redakteurin
Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

mreese-winne@no-spamcuxonline.de

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