In der Zahl der bekannt werdenden Fälle ist es noch nicht abzulesen, aber Umstände wie jetzt in der Corona-Krise führen in vielen Partnerschaften und Familien zu Stresssituationen, die in Gewalt münden können. Aber es gibt Hilfe - auch jetzt. Foto: Gambarini/dpa
Familien im Stress

Kreis Cuxhaven: Corona-Krise als Treiber häuslicher Gewalt?

von Maren Reese-Winne | 19.11.2020

KREIS CUXHAVEN. In den Fallzahlen schlägt es sich noch nicht nieder, aber Stressituationen wie die Corona-Krise werden leicht zu Treibern häuslicher Gewalt. 

Lockdown, Shutdown, Lockdown light oder einfach nur Kontakteinschränklungen: Die Konzentration auf sich selbst und Zukunftsängste zerren an den Nerven und bringen Paare und Familien oft an ihre Grenzen. Bei den gemeldeten Fallzahlen über häusliche Gewalt schlägt sich das (noch) nicht nieder: Ulrike Reiter vom Paritätischen Cuxhaven stellt beim Vergleich fest: "Gegenüber den Zeiträumen des Vorjahrs gibt es fast keine Veränderung." Das heißt aber auch: Häusliche Gewalt ist da und unter uns.

Gewaltige Dunkelziffer vermutet

Deshalb und auch angesichts der gewaltigen Dunkelziffer von 75 bis 80 Prozent, die Bundesfamilienministerin Franziska Giffey vor wenigen Tagen in Berlin nannte, ist es umso wichtiger, Beratungs- und Hilfsangeboten offen zu halten - auch für akute Notsituationen.

"Wir sind da"

"Und das ist so. Wir sind da, wir sind die ganze Zeit zu erreichen und wir unterstützen, wo wir können", betont Ulrike Reiter und meint nicht nur die von ihr geleitete Beratungs- und Interventionsstelle (BISS) in Bad Bederkesa, sondern auch die Frauenprojekte des Paritätischen in Cuxhaven, den Frauennotruf und das Frauenhaus. Dort finden auch in dieser Corona-Zeit laufend Frauen und ihre Kinder Zuflucht, nachdem sich sich selbst gemeldet haben oder die Polizei zu Hilfe gerufen worden ist.

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Die Einrichtungen des Paritätischen sowie viele weitere Stellen haben 1999 den Arbeitskreis Häusliche Gewalt Cuxhaven gebildet. Die Früchte dieser engen Kooperation werden jetzt geerntet: "Dadurch, dass wir uns so gut kennen, können wir Hilfesuchende sofort und sehr gezielt an die richtigen Stellen vermitteln", stellt Ulrike Reiter fest.

Aus dem Dunkel holen

Die Zahl der Arbeitskreis-Treffen hingegen musste deutlich eingeschränkt werden, ebenso Auftritte in der Öffentlichkeit. Anlässlich des Internationalen Tags zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen am 25. November wollten die Mitglieder des Arbeitskreises eigentlich auf dem Cuxhavener Wochenmarkt über das Thema informieren; wegen der Corona-Schutzbestimmungen ist dies nun nicht möglich. Das Thema aber dürfe darüber nicht ins Dunkel geraten.

"Häusliche Gewalt ist keine Privatsache"

"Sich Hilfe zu holen, ist immer schwer und oft mit Scham verbunden", weiß Ulrike Reiter. Umso größer sei die Verantwortung für Umfeld und Nachbarschaft: "Häusliche Gewalt ist keine Privatsache. Bitte rufen Sie die Polizei, wenn Sie etwas aus der Nachbarwohnung vernehmen", appelliert sie.

"Hast du das auch gehört?"

"Hast du das auch gehört?" - so heißt eine Kampagne des Landes Niedersachsen, mit der der Landespräventionsrat, das Sozial- und das Justizministerium Nachbarn zur Zivilcourage aufrufen: Deren Aufmerksamkeit unterstütze die Betroffenen und könne helfen, Gewalt zu vermeiden. In dieselbe Richtung zielt die Initiative "Stärker als Gewalt" des Bundesfamilienministeriums.

Ganz besonders Kindern müsse unser aller Aufmerksamkeit gehören, fordert Ulrike Reuter: Deswegen sei es auch so wichtig, Schulen und Kitas so lange wie möglich offen zu lassen. "Beim Lockdown im Frühjahr sind die Kinder zu kurz gekommen."

Kinder müssen sich mitteilen können

Kindern müsse die Möglichkeit bewahrt werden, sich mitzuteilen, auch wenn sie "nur" als Zeugen beteiligt seien.

Beleidigungen und Demütigungen anhören zu müssen, nicht schlafen zu können, wenn nebenan die Eltern streiten oder selber zu schlichten zu versuchen, sei nicht nur eine enorme psychische Belastung, sondern beeinflusse oft genug auch den Verlauf des eigenen Lebens - Schule und Berufswahl, Partnerwahl und die eigene Elternrolle. Jede Gewalt-Erfahrung begünstige erwiesenermaßen neue Gewalt.

Hier gibt es Hilfe

Arbeitskreis häusliche Gewalt Cuxhaven mit Informationen zur Gesetzeslage und Links zu Ansprechpartnern/Organisationen: www.ak-haeusliche-gewalt-cux.de

Frauennotruf (24 Stunden): (0 47 21) 57 93 93

Frauen- und Mädchenberatung des Paritätischen: (0 47 21) 57 93 92

Nachbarschaftsinitiative: auchgehoert.de

Für Betroffene und Helfer/innen: staerker-als-gewalt.de

Und natürlich: Notruf 110 (Polizei)

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Maren Reese-Winne

Redakteurin
Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

mreese-winne@no-spamcuxonline.de

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