Sorgen ums Gesundheitssystem

Offener Brief: 58 Ärzte erheben ihre Stimme

27.01.2018

KREIS CUXHAVEN. Mit einem Offenen Brief reagieren 58 Ärztinnen und Ärzte aus Cuxhaven und umzu auf die Entlassung des Chefarztes Dr. Bernward Steinhorst aus der Otterndorfer Capio-Klinik, auch auf die Entwicklung des Gesundheitssystems im Allgemeinen.  

Unterschrieben haben insgesamt 58 niedergelassene Ärzte und Psychologen aus Cuxhaven, Otterndorf, Cadenberge, Neuhaus, Hemmoor, Bülkau sowie der Wurster Nordseeküste und Geestland. Unter der Überschrift „Gewinnmaximierung schlägt Patientenwohl? Oder: Was wir Ärzte zu dem Fall ,Dr. Steinhorst‘ zu sagen haben“ schreiben die Unterzeichnerinnen und Unterzeichner:

„Der Unmut vieler Bürger, Patienten und Ärzte über die Beurlaubung und anschließende Kündigung von Dr. Steinhorst, Chefarzt der Chirurgischen Abteilung im Capio KH Otterndorf, ist sowohl auf offener Straße als auch in den Arztpraxen und Kommentaren laut und deutlich zu vernehmen.

Wir möchten uns zunächst bei Herrn Dr. Steinhorst für die exzellente Zusammenarbeit bedanken. Wir werden ihn als hoch qualifizierten Kollegen vermissen. Sein fachlicher Rat wird in unserer Region fehlen. Wir wünschen ihm für die berufliche Zukunft alles Gute und eine neue Klinik, die ihn als chirurgischen Chefarzt verdient hat.

Wir ambulant tätigen Ärzte weisen unsere Patienten ausschließlich nach unserer Wertschätzung der ärztlichen Kollegen in die Kliniken ein. Einziger Maßstab ist und bleibt die ärztliche Qualität sowie die gesamte medizinische Versorgung.

Weder marketinggesteuerte Hochglanzprospekte noch die Einrichtung ,Runder Tische‘ zum Meinungsaustausch mit den niedergelassenen Ärzten sind für unsere Einweisungen entscheidend.

Marketinginstrumente verschleiern aus unserer Sicht, dass in erster Linie die jeweilige Klinikgeschäftsführung die notwendigen Strukturen schaffen muss, damit Ärzte hoch spezialisierte und moderne Arbeit leisten können und das Pflegepersonal sensibel und fachlich kompetent seine Arbeit am Menschen erfüllen kann. Sonst nützen am Abend auch lecker belegte Schnittchen in freundlicher Runde herzlich wenig. Das eigentliche Problem ist die zunehmende Ökonomisierung und Privatisierung der Kliniken. Der Präsident der Bundesärztekammer Prof. Montgomery hat dies so ausgeführt: ,Die Politik hat seit Anfang der neunziger Jahre den Preiswettbewerb in unserem Gesundheitswesen forciert.

Die Folgen sind für uns Ärzte tagtäglich spürbar, etwa wenn sie von Klinik- und Kostenträgern dazu angehalten werden, primär in ökonomischen Dimensionen zu denken und nach rein betriebswirtschaftlichen Vorgaben zu handeln.‘ ,Demnach rückt in vielen Kliniken das Patientenwohl immer mehr in den Hintergrund gegenüber der Gewinnmaximierung‘ (Studie veröffentlicht im Allgemeinarzt 20/17).

Wir Ärzte sehen täglich die Auswirkungen dieses Ökonomisierungswahns. Wir kritisieren schon lange die überaus kurze Liegedauer bei alten und gebrechlichen Patienten nach Operationen oder nach schweren Erkrankungen.

Viele der Angestellten in unseren Kliniken betreuen wir auch in unseren haus- oder fachärztlichen Praxen. Wir erfahren durch diese Gespräche unmittelbar von den teilweise schwierigsten Arbeitsbedingungen, von mangelnder Wertschätzung und verzeichnen bei ihnen eine rapide Zunahme der Erkrankungen in den Bereichen Psychosomatik/Depression und Burn-out. Gerade die medizinischen Führungskräfte sollten dieses System kritisch hinterfragen dürfen. Dies hat wohl auch Dr. Steinhorst getan. Wir möchten ausdrücklich allen Mitarbeitern der Kliniken danken, die sowohl an und für die Patienten arbeiten; den Pflegekräften, die bei knappem Personalschlüssel und Zeitvorgaben die Menschen noch kompetent und fürsorglich pflegen; den ÄrztInnen, die unabhängig von DRG- Fallpauschalen den Menschen und die Behandlung seiner Erkrankungen in den Mittelpunkt des ärztlichen Handelns stellen.

Dank und Hochachtung gehören allen Berufsgruppen im Medizinwesen. Sie alle leisten eine wertvolle und hochqualifizierte Arbeit, die stetig durch weitere Einsparungen in ihrem Bereich gefährdet ist. Sie alle halten aber durch ihren Einsatz ein System aufrecht, das leider völlig aus der Balance geraten ist.

Wir unterzeichnenden Ärzte sind bestimmt keine ,altruistischen Spätromantiker‘. Wir wissen, dass das System von Ökonomisierung, Bürokratisierung, Arbeitsverdichtung und Aushöhlung des ärztlichen und pflegerischen Berufsstandes sicher nicht durch wenige Unterschriften zu ändern ist.

Aber wir möchten Sie alle für dieses Thema sensibilisieren. Wir möchten auch noch einmal unsere lokalen und überregionalen Politiker auffordern, Entscheidungen in der medizinischen Versorgung kritisch zu hinterfragen. Wer kontrolliert eigentlich noch ausreichend die großen Medizinkonzerne bzw. unsere Krankenhäuser? Und wo sind die mahnenden Stimmen geblieben? Im Deutschen Ärzteblatt vom 8.12.2017 wendet sich zumindest die ,Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin‘ (DGIM) aus Sorge um ein schwindendes Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient an die Ärzteschaft, Klinikbetreiber sowie an die Politik. In diesem Artikel – ,Klinik Codex: Medizin vor Ökonomie‘ – wird betont, dass dem Ökonomisierungsprozess in der medizinischen Versorgung eine auf ärztlicher Ethik und Wertung beruhende Haltung im Arbeitsalltag entgegenzustellen ist. Der ,Klinik Codex‘ endet mit diesen treffenden Worten: ,Wir werden unsere ärztliche Heilkunst ausüben, ohne uns von wirtschaftlichem Druck, finanziellen Anreizsystemen oder ökonomischen Drohungen dazu bewegen zu lassen, uns von unserer Berufsethik und den Geboten der Menschlichkeit abzuwenden.‘

In diesem Sinne hat unser geschätzter Kollege Dr. Steinhorst seine Arbeit im Capio KH Otterndorf verstanden. Es hat ihm wohl nichts genutzt...“

Die Unterzeichner: Claudius Rösner, Dr. Jens-Holger Ruppelt, Prof. Dipl.-Psych. Dr. phil. Lothar Wittmann, Dipl.-Psych. Sabine Wittmann, Dr. Norbert Labitzke, Dr. Ulrike Labitzke, Christoph Große-Ophoff, Dr. Uta Numssen, Dr. Jürgen Lemmerhirt, Dr. Gerda Lemmerhirt, Dr. Klaus Haferkamp, Dr. Antje Haferkamp, Dr. Jens Kohfahl, Dr. Sieghard König, Dierk Brauel, Dipl.-Psych. Susann Herzog, Dr. Delia Wirth, Dr. Peter Humbert, Dr. Bianca Kaps-Schumacher, Dipl.-Psych. Marion Kessel, Rudolf Valentin, Petra Tservistas, Jens Dreyßig, Lutz Wiebusch, Dr. Sarwar Akbar, Martina zu Knyphausen, Rudolf Rafai, Dr. Annegret Lammers-Reißing, Cornelia Heybl, Carsten Nehl, Dr. Christoph Weber, Dr. Hartwig Stutzer, Sven Behrens, Dr. Christiane Kindler-Behrens, Dr. Martin Dohse, Dr. Ines Juhnke-Deichert, Dr. Antje Kilgus, Dr. Oliver Kilgus, Heinz Bolten, Dr. Roland Hartwig, Dr. Uwe Reimpell, Dr. Werner Jacklbauer, Dr. Carsten Haack, Frauke Maylahn, Dipl.-Med. Christiane Klünder, Helmut Schlichte, Ulrich Nawrath, Dipl.-Med. Barbara Kreitel, Dr. Taro-Friedrich Möller-Titel, Dr. Ulrike Leonow, Jochen Timmermann, Dr. Ulrich Krämer, Dr. Werner Breitenberger, Dr. Corinna Foerster, Priv.-Doz. Dr. Wolfgang Maria Franck, Dr. Dirk Hering, Dr. Guido Schmitz-Elvenich, Dr. Peer Vanini.

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