Kommentar

SPD-Blamage in Hechthausen: "Schaut mal hinter die Fassade der Kandidaten..."

von Egbert Schröder | 22.06.2021

HECHTHAUSEN. War es blauäugig, naiv oder einfach nur gutgläubig? Das mag jeder selbst einschätzen. Auf jeden Fall hat die SPD in Hechthausen einen Bock geschossen, meint unser Redakteur Egbert Schröder.

Nämlich, als die SPD einen unbekannten Kandidaten für die Kommunalwahl auf die Liste setzen wollte, der über soziale Medien aus seiner rechtsradikalen Gesinnung keinen Hehl machte. "Deutschland ist das Land der Deutschen. Opa ist im Krieg gefallen. Oma hat es wieder aufgebaut und nun sollen wir unser Land kampflos aufgeben?", fragt er und macht unter dem Motto "Sterben muß sich wieder lohnen" Werbung für "die "Operation Tapferkeit" und ein "Bundes-Wehrverdienstkreuz".

Nicht zu erklären

Wie kann es passieren, dass ein potenzieller Kandidat mit einer solchen Geisteshaltung gerade für die SPD in den Wahlkampf ziehen wollte? Das ist nicht zu erklären - nicht in einem Zeitalter, in dem die Parteien Facebook, Instagram und Co. nutzen wie nie zuvor.

Einträge schnell gelöscht

Die SPD hätte sich erst einmal informieren müssen, wer denn als Neubürger mit ihr paktieren wollte. Das ist nicht geschehen. Nur durch Zufall ist dies herausgekommen. Dass der inzwischen von der Liste entfernte Kandidat selbst nach einem Gespräch mit der SPD seine kommunalpolitischen Ambitionen beerdigte, kann man glauben - oder auch nicht. Ich glaube es nicht. Da war schon reichlich Druck im Kessel, als die sozialdemokratische Spitze mit Bürgermeister Jan Tiedemann und SPD-Fraktionschef Uwe Dubbert von dessen politischer Gesinnung erfahren hatten. Und wenn der Mann behauptet, dass sein Facebook-Profil "gefälscht" sei, dann frage ich mich, warum mehrere Jahre alte Facebook-Einträge gerade an einem Freitagnachmittag gelöscht werden, wenn ein Lokalredakteur davon Wind bekommt. Morgens noch im Netz, abends verschwunden - für wie blöd hält man Journalisten und die Öffentlichkeit, um da keinen Zusammenhang zu erkennen?

Thema im Wahlkampf

Ich finde, dass es aber auch legitim ist, dass die CDU das Thema im aufkeimenden Wahlkampf aufgreift und Konsequenzen fordert. Hätte sie selbst einen solchen Fauxpas begangen, wäre gerade Uwe Dubbert derjenige gewesen, der die CDU wegen mangelnder Sorgfalt bei der Kandidatenkür - als ehemaliger Staatsanwalt - in die Mangel genommen hätte. Aber: Für ihn spricht eine ganz klare Haltung: Er lässt keine Gelegenheit aus, um insbesondere im Kreistag gegen die zum Teil perfide AfD-Politik Stellung zu beziehen und der Partei die Stirn zu bieten.

Der Fehltritt der SPD in Hechthausen ist passiert und sie ordnet ihn als "Fehler" ein. Gut so: Jeder Personalchef eines Unternehmens checkt erst einmal online, wen er sich als Bewerber in den Betrieb holt. Da hat die SPD gepennt.

"Bürgerlisten" entstehen

Ich bin mal gespannt, ob es sich in Hechthausen um einen Einzelfall handelt. Zurzeit laufen die Listenaufstellungen im Cuxland und es zeigt sich, dass sich abseits der etablierten Parteien auch viele "Bürgerlisten" bilden, in denen politische Neulinge antreten. Aus meiner Sicht ist es sinnvoll, dass abseits der Parteien Wahlmöglichkeiten existieren. Doch der Fall in Hechthausen hat gezeigt, wie schnell man die Bredouille gerät, wenn man sich nicht mit dem Hintergrund der Kandidatinnen und Kandidaten beschäftigt.

Wahlkampf legitim

Und so ganz nebenbei: Dass jetzt der Kommunalwahlkampf für den 12. September langsam an Fahrt aufnimmt und Fehltritte von Parteien thematisiert, kommentiert und für eigene Zwecke genutzt werden, ist wenig überraschend - sondern völlig normal und legitim. Das ist eben Politik.

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Egbert Schröder

Redakteur
Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

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