Vier Patienten aus dem Cuxland schildern ihre Erfahrungen beim Arzt und in Kliniken. Symbolfoto: Pleul/dpa
Medizinische Versorgung

Vier Cuxland-Patienten schildern Erfahrungen

von Wiebke Kramp | 25.10.2018

Wie gut funktioniert die medizinische Versorgung im Kreis Cuxhaven? Dieses Thema trifft den Nerv der Menschen - und es besorgt sie zunehmend.

Unsere Zeitung schilderte in der vorigen Woche den Einzelfall einer jungen Frau aus Otterndorf, die eine fachärztliche Abklärung benötigte und mit ihrer Mutter, die sie begleitete, eine Odyssee erlebte. Sie standen vor verschlossenen Praxistüren bei Vertretungsärzten oder wurden ab- und weiter verwiesen.

In dieses Bild passen weitere Erfahrungen, die Leserinnen und Leser unserer Zeitung schildern. Auch die neuerlichen Beispiele belegen deutlich, dass das Getriebe im Gesundheitssystem nicht immer rund läuft.

Ein Vater aus Hemmoor schildert folgende Begebenheit:

Es geht es um meinen 19 Jahre alten Sohn. Er war vor circa vier Monaten bei einer ärztlichen Einstellungsuntersuchung der Bundeswehr in Hannover. Zum Abschluss wurde ihm gesagt, dass er noch eine augenärztliche Untersuchung für den Lkw-Führerschein brauche. Man stellte ihm eine Überweisung und Kostenübernahmezusicherung der Bundeswehr aus. Am nächsten Tag begann das Drama. Nach etwa vier Stunden und etlichen Telefonaten machte sich Frust breit. Kein einziger Augenarzt in Hemmoor, Otterndorf, Cuxhaven und Stade war bereit, meinem Sohn einen Termin für diese Untersuchung zu geben. Einzig ein Augenarzt in Bremervörde zeigte Bereitschaft, gegen Barzahlung diese Untersuchung durchzuführen. Mein Sohn brauchte dringend diese Untersuchung als Einstellungsvoraussetzung für die Ausbildung. Also vereinbarten wir einen Termin, obwohl dieser nicht in der geforderten Frist lag.

Ich gab meinem Sohn den Rat, sich bei einem ortsansässigem Augenarzt vorzustellen. Dort sollte er persönlich sein Anliegen schildern, damit ersichtlich wird, wie dringend die Untersuchung ist. Nach kurzer Zeit kam mein Sohn ziemlich entmutigt nach Hause. Man habe ihn in der Praxis ausgelacht und nach Hause geschickt. Daraufhin fuhr ich persönlich dorthin und wollte einen Termin für mich selbst machen. Nach circa zwei Minuten konnte ich für den Betrag von rund 80 Euro innerhalb von drei Wochen den Termin vereinbaren. Und jetzt passierte etwas, was man nicht glauben kann, wenn man es nicht selber erlebt hat.

Bei Aufnahme der Daten sagte ich, dass ich den Termin an meinen Sohn abtreten würde, da dieser eine Untersuchung für seinen Ausbildungsplatz brauche. Es wurde gesagt, dass man keine Untersuchungen für die Bundeswehr mache und es keinen Termin für meinen Sohn gebe. Jetzt wollte ich persönlich mit dem Arzt sprechen und ihn mit der Situation konfrontieren. Nach ungefähr 15 Minuten Wartezeit wurde ich aufgerufen. An der Anmeldung stand der Arzt persönlich. Ich wollte ihm die Situation erklären, dass der Ausbildungsplatz von dieser Untersuchung abhängen würde. Das interessierte den Arzt nicht. Nach kurzem Wortgefecht wurde ich der Praxis verwiesen.

Auf diese Erlebnisse hätte ein 27-jähriger Cuxhavener gern verzichtet:

Beim Fußballspiel in Cadenberge ließ ich mich zur Halbzeit wegen Unwohlseins, Taubheitsgefühls im Arm und in den Lippen auswechseln. Rettungssanitäter waren wegen eines anderen Zwischenfalls schon vor Ort und kümmerten sich dann um mich. Weil es mir immer schlechter ging, transportierten sie mich nach Cuxhaven in die Klinik. Dort angekommen, wurde ich in ein Zimmer geschoben und war bestimmt zehn bis 15 Minuten allein, bis endlich eine Krankenschwester kam und mich an die Geräte anschloss. Dann ließ man mich wieder allein - bestimmt noch mal 20 Minuten. Zum Glück traf meine Mutter zwischenzeitlich ein. Mir ging es schlecht. Nach ungefähr 40 Minuten kam dann endlich der Arzt. Er fragte mehrmals nach, was ich hätte. Er sprach nur gebrochen Deutsch. Er forderte ein CT an, das hat allerdings gedauert, weil wohl zunächst niemand aus der Abteilung anwesend war. Anschließend wurde ich wieder ins Zimmer geschoben.

Mittlerweile waren mindestens zwei Stunden verstrichen. Die CT-Bilder wurden offensichtlich unterdessen versandt und von einem Arzt zu Hause begutachtet. Mein behandelnder Arzt telefonierte die ganze Zeit. Ich bekam dabei mit, dass ich ins Klinikum Reinkenheide verlegt werden sollte, aber dort war wohl alles voll. Auf einmal wurde es dann sehr eilig. Ich wurde im Krankenwagen festgeschnallt und es ging mit Hochgeschwindigkeit und Sirenen nach Stade. Dort kümmerte man sich sofort um mich, checkte alle Vitalfunktionen und machte verschiedene Tests. Nach dem CT stand fest, dass ich keinen Schlaganfall erlitten hatte - und die Ärztin sagte mir, ich könne jetzt nach Hause.

Da stand ich nun also abends in Stade in der Klinik. Zum Glück brachten mich nette Leute zum Bahnhof, wo ich mit dem Zug nach Cuxhaven zurückfuhr. Eine richtige Diagnose wurde übrigens nicht gestellt, ich werde mich um einen Termin beim Neurologen bemühen. Hätte ich tatsächlich einen Schlaganfall gehabt, wäre mir wohl nicht mehr ausreichend zu helfen gewesen, weil viel zu viel Zeit verstrichen war.

Eine Leserin aus Hollnseth schreibt:

Unsere Tochter hatte eine akute Entzündung am Nagelbett des großen Zehs, ein eingewachsener Zehennagel, offene und nässende Wunde. Sie ist berufstätig und muss den ganzen Tag stehen und laufen. Sie kontaktierte ihren Hausarzt, der ihr eine Überweisung zur Chirurgie ausstellte, da eine OP unumgänglich war. Am gleichen Tag hat sie noch den Kontakt zur chirurgischen Praxis hergestellt, da dieses telefonisch nicht möglich war (keiner ging ans Telefon), fuhr sie selbst hin. Das Ergebnis : Sie hätte einen Termin zum Anschauen (nicht zur OP) in zwei Wochen bekommen. Daraufhin riefen wir zwei Krankenhäuser an und fragten, was wir tun können. Aus beiden Häusern wurde uns bestätigt, die Notaufnahme im Krankenhaus in Anspruch zu nehmen.

Gesagt, getan. Weil sich der Zustand nicht verbesserte, sind wir zwei Tage später in die Notaufnahme ins Krankenhaus gefahren. Nach 2,5 Stunden Wartezeit wurde sie ins Behandlungszimmer gerufen, mit dem Ergebnis: "Für so einen Fall ist die Notfallsprechstunde nicht zuständig!" Es sei nicht lebensbedrohend und die offene Wunde sehe noch nicht eitrig aus. Außerdem müssten die ansässigen Praxen mitbekommen, dass das Krankenhaus nicht alles abdecken könne. "Wir gehen auch schon auf dem Zahnfleisch", waren die Worte.

Mit dieser Erkenntnis fuhren wir wieder zur chirurgischen Praxis. Mit dem Erfolg: Am nächsten Tag gab es zwar einen Termin, aber wieder nur zum Anschauen. Der OP-Termin sollte dann in drei Wochen sein!!! Erst auf Drängen, dass unsere Tochter aber eine Krankschreibung bis zum Termin haben müsste, da ein Arbeiten so nicht möglich wäre, wurde tatsächlich am nächsten Tag die OP möglich.

Eva Eckmann aus Hechthausen sammelte folgende Erfahrungen:

Unser Gesundheitssystem ist eines der besten weltweit - meine Tochter lebt in England, da ist man anderes gewohnt, zahlt aber auch kaum Krankenkassenbeitrag. Trotzdem ist gerade in den letzten Jahren die ärztliche Versorgung vor allem bei den Fachärzten so schwierig geworden. Ich bin Rheumatikerin und musste wegen ungünstiger Blutwerte meine Rheumamedikamente absetzen; dann ging mein Stader Rheumatologe in den - zweifellos - verdienten Ruhestand.

Die Situation war nicht einfach, ohne Medikamente und ohne Rheumatologen. Meine Hausärzte in Hechthausen standen mir zwar zur Seite, konnten aber einen neuen Versuch mit einem anderen Medikament nicht durchführen, da die Basis-Rheumamedikamente sehr teuer sind und dies das Budget gesprengt hätte, schließlich war ich nicht der einzige Patient, der plötzlich ohne rheumatologische Versorgung da stand. Von dem Moment an, als ich wusste, dass mein Rheumatologe in den Ruhestand gehen würde, habe ich versucht, in einer anderen Praxis einen Termin zu bekommen. Aber wo? Hamburg? Bremen? Dann habe ich schließlich im März dieses Jahres einen Termin Ende Dezember in Cuxhaven in der Rheuma-Ambulanz bekommen. Mir wurde gesagt, das sei noch großes Glück. Mittlerweile habe ich, durch Bemühen meines Hausarztes in Hechthausen, ein bezahlbares Medikament gefunden.

Es gab aber auch Wochen, in denen ich Schmerzen hatte und der Gedanke, dass der Zustand bis Dezember so weitergehen sollte, mich verzweifeln ließ. Hätte ich meine Hausärzte nicht an meiner Seite gehabt, ich weiß nicht, wie es weitergegangen wäre.

Mitreden:

Wer krank ist und leidet, der möchte sprichwörtlich gut und zügig behandelt werden. Doch ob beim Facharzt oder in den Krankenhaus-Notaufnahmen - es häufen sich allenthalben Beschwerden darüber, dass das Gesundheitssystem offensichtlich seine Fallstricke zulasten von Patienten offenbart.

Ihre Erfahrungen interessieren uns daher. Es geht unserer Zeitung nicht darum, die Arbeit von Ärzten und Klinikpersonal in Misskredit zu ziehen. Anhand solcher Fallbeispiele möchten wir aufzeigen, wo Fehlerquellen liegen und wo nachgebessert werden muss.

Die Redaktion ruft weiter zu dem Leserforum auf. Wir möchten gern schriftlich und in Kürze erfahren und darstellen, welche negativen oder positiven Erfahrungen Leserinnen und Leser in hiesigen Kliniken oder Praxen gesammelt haben. Natürlich freuen wir uns in diesem Zusammenhang auch über fachkompetente Zuschriften aus dem medizinischen oder pflegerischen Bereich.

Bitte vergessen Sie nicht, uns Ihren Namen, Absender und Telefonnummer mitzuteilen - auf Wunsch drucken wir Ihre Zuschrift aber gern anonymisiert ab. Zuschriften richten Sie bitte per E-Mail an: kramp@nez.de oder per Post an: CNV-Redaktion, Wiebke Kramp, Kaemmererplatz 2, 27472 Cuxhaven.

Wiebke Kramp

Redakteurin
Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

wkramp@no-spamcuxonline.de

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