Wahre Liebe: Michael Wolff und die Trecker

03.01.2008

Er ist Maler, Musiker, Tischler und Lebenskünstler: Der Schiffdorfer verewigt hochbetagte und verrottete PS-Models in zarten AquarelltönenBreitbeinig steht er da. Er ist ein starker Typ. Aber auch ein bisschen heruntergekommen. Der Lack ist eben ab. Vielleicht liegt es am Licht, dass man sich seinem Charme trotzdem nicht entziehen kann. Oder an den liebevollen Details, die ihm sein Maler mit feinem Pinselstrich aufs Blech gezeichnet hat. Michael Wolff fährt mit der Hand über den schlichten Rahmen seines Aquarells. Er ist vernarrt - vernarrt in alte Trecker.

Gammelig müssen sie sein, alt und verschlissen. Am liebsten sind ihm die zerbrochenen, die seit Jahren draußen in der Natur verrotten, von Brombeersträuchern überwuchert sind oder zwischen Brennnesselbüschen hervorlugen. Ein Trecker ist wie ein guter Wein, der lange lagert. Er wird immer besser und interessanter für mich. Michael Wolff lächelt. Er weiß, dass es für fremde Ohren komisch klingt, wenn er sich für die dieselbetankten Schwerarbeiter ein Kompliment nach dem anderen ausdenkt. Aber sie seien nun mal eine echte Liebe.

 

Eine echte Liebe

 

Vor zehn Jahren hat ihn die Leidenschaft für das schwere landwirtschaftliche Gerät gepackt. Damals war er gerade von Bremerhaven nach Schiffdorf gezogen, in das Haus seiner Lebensgefährtin. In dem bäuerlichen Backsteinbau hat er viel Platz für seine Gemälde und Kupferstiche. Fast in jedem Raum hängen die Werke des Malers und Grafikers, der mit seinem kurzen grauen Vollbart und den lustigen Augen eher wie ein gutmütiger Weihnachtsmann wirkt, als ein eigenwilliger Künstler. Doch der Mann, der seinen Gästen gern Selbstgebackenes serviert und stundenlang Geschichten aus seinem bewegten Leben erzählen kann, braucht auch Auszeiten. Manchmal ziehe er sich wochenlang in seine Atelierwohnung zurück.

Hinter dem Deich in Rechtenfleth entstehen viele seiner Auftragsarbeiten, von denen er lebt. Kupferstiche mit Hafenmotiven und Schiffen wie der Polarstern zum Beispiel, Leuchttürme, Schlosshotels oder ein Tischlerarbeitsplatz, wie es ihn früher auf der Lloyd Werft in Bremerhaven gab. Doch die Malerei als Broterwerb kennt Grenzen: Wenn ich mal wieder einen Trecker hab, schiebe ich alles andere beiseite.

Dass der Typ auf dem Kupferstich von der Lloyd Werft fast so aussieht wie der Künstler, ist kein Zufall. Wolff selbst absolvierte dort Mitte der 60er Jahre eine Tischlerlehre. Meine schönsten Jahre, schwärmt der 61-Jährige. Dabei hatte sich der Sohn eines Lehrers und einer Buchhändlerin seine Zukunft ganz anders ausgemalt. Als Junge, der zwischen Fischkisten und Dampfern groß geworden war, wollte er zur See fahren. Die Fischerei interessierte den Gymnasiasten dabei weniger als das Getier und die Schiffe. Ich wollte Meeresbiologe werden, schon als Kind habe ich Fische und Krebse präpariert.

 

Ein Faible für die Tuba

 

Doch Wolffs Karriere entwickelte sich anders. Nach der Tischlerausbildung wechselte er zur Bundeswehr nach Lüneburg. Hier intensivierte er eine weitere Leidenschaft, der er seit seinem 13. Lebensjahr frönt: Der Tuba. Vier Jahre lang gehörte er dem Heeresmusikcorps der Bundeswehr an. Später lebte er in Hamburg, spielte in Clubs mit Bill Ramsey, Udo Lindenberg, Hans Scheibner und tourte mit den Jazz Lips.

Mitte der 70er Jahre lockten Schiffe und das Meer wieder mehr als die Musik. Seine Liebe zu alten Fischdampfern, die es zuhause nicht mehr gab, zog ihn in die Niederlande. Im romantischen Hafenstädtchen Enkhuizen professionalisierte Wolff, der bei der Bundeswehr eine Grafikerausbildung absolviert hatte, seine künstlerischen Fähigkeiten. Jedes Mal, wenn er als Museumsmaler genug Geld verdient hatte, fuhr er als Maat auf alten Plattbodenschiffen eine Zeitlang zur See.

1980 zog es den vielseitigen Künstler wieder in seine Geburtsstadt Bremerhaven. Wolff richtete sich eine Radierwerkstatt mit Blick auf die Weser ein und zeichnete Motive, die er an Touristen verkaufte. Um seine Fähigkeiten als Maler auszubauen, studierte er an der Kunsthochschule in Bremen und besuchte die Akademie für bildende Künste in Trier. Doch die Stadt in Rheinland-Pfalz war für das Nordlicht zu weit weg vom Meer.

 

...mehr wert als Geld

 

Maritime Motive gehören nach wie vor zu Wolffs liebsten. Warum er sein Malerherz irgendwann an alte Trecker verlor, kann er nicht so recht erklären. Vielleicht liegt es an der Farbgebung von Dingen, die im Vergehen sind und von der Natur allmählich zurückerobert werden. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass Wolff am liebsten Dinge malt, die eine Geschichte zu erzählen haben. Längst sucht er seine PS-Models im gesamten Cuxland. In Sellstedt, Meyenburg, Otterndorf, Flögeln und im Sietland ist er schon fündig geworden. Gerade eben hat er einen ganzen Treckerfriedhof entdeckt. Wo der steht, verrät er lieber nicht. Zuerst will er die Schönheiten selbst im Bild festhalten, bevor meine natürlichen Feinde, die Restauratoren, kommen.

22 Trecker-Aquarelle umfasst Wolffs Sammlung bislang. 30 sollen es mindestens werden. Viele waren schon auf Ausstellungen zu sehen. Doch sie kehren alle in die kleine Malstube Wolffs nach Schiffdorf zurück. Verkaufen würde er die Bilder nie. Die Trecker sind mir mehr wert als Geld. Die Dinger sind für mich Kraftspender. Sie machen mir Mut, weiterzumalen.

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