Die Flaggen von Helgoland (r.), der Bundesrepublik Deutschland (M.), der Europäischen Bewegung (unten) und von Schleswig-Holstein (l.) wurden am 1. März 1952 auf der Hochseeinsel Helgoland gehisst. Seit 70 Jahren gehört Helgoland wieder zu Deutschland. Foto: dpa
Die Flaggen von Helgoland (r.), der Bundesrepublik Deutschland (M.), der Europäischen Bewegung (unten) und von Schleswig-Holstein (l.) wurden am 1. März 1952 auf der Hochseeinsel Helgoland gehisst. Seit 70 Jahren gehört Helgoland wieder zu Deutschland. Foto: dpa
Historisch

Warum der 1. März auf Helgoland ein Feiertag ist

von Wiebke Kramp | 27.02.2022

HELGOLAND. Am 1. März 1952 - also vor 70 Jahren und sieben Jahre nach Ende des 2. Weltkriegs - wurde Helgoland freigegeben. Grund zu großer Freude. Aber die Festgäste feierten auf einem Trümmerfeld.

Die friedliche Wiedereroberung erzeugte eine Wirkung. Sie wurde weit über die Grenzen der jungen Bundesrepublik hinaus wahrgenommen. Die Freigabe beutete, dass der Aufbau der zerstörten Insel beginnen konnte. Diese unglaubliche Pionierleistung ging einher mit der Rückkehr der im unfreiwilligen Exil in rund 180 Ortschaften lebenden Helgoländer Bevölkerung in den anschließenden Jahren. Eine völlig zerstörte Insel erwartete die angereisten Helgoländer, Vertreter aus Politik und Behörden sowie Journalisten.

Der Korrespondent des Stader Tagesblattes schilderte die Ankunft so: "Als gegen 10 Uhr die Felseninsel Helgoland aus dem Dunst des Horizonts auftaucht, drängten sich alle Fahrgäste unseres kleinen Schiffes an die Reling. Ein völlig fremdes Bild bot die Insel. Mit ihren schräg abfallenden Uferkanten wirkte sie wie eine Geröllhalde. Das hatte keiner erwartet, als wir die Fahrt von Cuxhaven antraten. Doch den erschütterndsten Eindruck erhielten wir erst auf der Insel selbst. Sie bot ein Bild der völligen Zerstörung."

Der Krieg und die Zeit bis 1952 hatten tiefe Wunden gerissen, nicht nur an der Insel, sondern auch in der Bevölkerung. Verstreut an der norddeutschen Küste bis hinein ins Binnenland mussten die Insulaner ausharren. Sie schmiedeten unentwegt Pläne, ihre Insel zurückzuerobern - und wurden an vielen Stellen national und international vorstellig, sogar beim Papst. Nach sieben langen Jahren der Evakuierung konnten die Einwohner zurückkehren in die Heimat.

In der Nacht zum 1. März 1952 war es endlich so weit. Helgoländer Fischer signalisierten mit angezündeten grünen, roten und weißen Fackelfeuern den Beginn einer neuen Epoche der Insel. "Helgoland ist wieder frei" titelten viele Zeitungen. Am Morgen des 1. März 1952 fuhren von Büsum aus drei Fahrzeuge, unter ihnen auch der Rettungskreuzer "Hindenburg", los. Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Lübke, seine Gäste, Behördenvertreter und Vertreter des Helgolandausschusses hatten sich zur großen Freigabefeier auf den Weg gemacht. Trümmer, Schutt und Asche erwarteten die rund 400 Gäste. Sie versammelten sich auf einem planierten Trümmerfeld auf dem Südhafengelände dicht bei der Anlegestelle der Schiffe.

Ministerpräsident Friedrich-Wilhelm Lübke übergab die Insel an die Helgoländer mit den Worten: "Zum ersten Male seit dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches sind in dieser Stunde Vertreter der einheimischen Bevölkerung, der deutschen Behörden und der deutschen Presse auf der Insel Helgoland versammelt, ohne besatzungsrechtlichen Beschränkungen unterworfen zu sein. Mit dem heutigen Tage geht die Verwaltung der Insel wieder in deutsche Hände über. Es ist ein denkwürdiger Augenblick, den wir alle mit Bewegung und innerster Teilnahme erleben, ein Augenblick, der auch zugleich einen neuen Zeitabschnitt in der wechselvollen Geschichte Helgolands einleitet. Es kann kein schöneres Sinnbild für diese Stunde geben als das Hissen derjenigen Flaggen, die die gemeinsame Verbundenheit all derer symbolisch bekunden, die Helgoland ihr eigen nennen: der deutschen Bundesflagge, der schleswig-holsteinischen Landesflagge und der Helgoländer Flagge. In diesem Sinne rufe ich: Heiß Flagge! Helgoland beweist uns, dass eine solche Lösung möglich ist im friedlichen vernünftigen Ausgleich bestehender Gegensätze, wenn nur der aufrichtige Wunsch besteht, sie zu überwinden. Helgoland wird damit zum Symbol einer neuen Hoffnung, die uns gläubig und zuversichtlich macht, zum Symbol einer neuen Mahnung, die uns Geduld und Pflichterfüllung lehren soll, und zum Symbol einer neuen Gemeinschaft, die weit über unser Volk hinaus ein ganzes Europa, eine ganze Welt, in Frieden und Freiheit umfassen soll."

Als auf Lübkes Geheiß die Flaggen an den drei im Hafengelände errichteten Masten emporflattern, zogen die Männer ehrfürchtig ihre Hüte. Im Namen der Helgoländer Bevölkerung antwortete Hans Heiseke: "Gestatten Sie mir, Herr Ministerpräsident, Ihnen im Namen aller Helgoländer meinen herzlichen Dank auszusprechen. Wünschen und hoffen möchte ich für meine kleine Heimat, dass niemals wieder solche schweren Schicksalsstürme über diesen Felsen hinwegbrausen mögen wie in dem letzten Jahrzehnt, sondern dass von nun an Frohsinn und Zufriedenheit auf ihm herrschen mögen."

Startsignal in eine neue Zeit

Die Feierlichkeit war das Startsignal in eine neue Zeit. Es herrschte Aufbruchstimmung und beachtlicher Pioniergeist. Infrastruktur wurde in Windeseile aufgebaut. Bereits 1. März 1952, so beschrieben es einige erstaunte Journalisten, hatte die Post im Keller eines zerbombten Hauses am Nordosthafen sich häuslich eingerichtet. Ein gelber Briefkasten sowie ein Pappschild mit der Aufschrift "Deutsche Bundespost" wiesen auf die funktionstüchtige Dienststelle hin. Auch das Wasser- und Schifffahrtsamt Tönning, der Zoll, die Polizei, Verwaltungsangestellte und der Inselarzt Dr. Kropatschek hatten schon Quartier bezogen, ebenso wie Mitarbeiter der Wetterwarte, der Biologischen Anstalt sowie der Vogelwarte. Geschätzt 60 Personen lebten in den Anfangstagen des Wiederaufbaus in primitivsten Verhältnissen.

Nicht losgelöst von der Vorgeschichte zu betrachten

Der 1. März 1952 darf nicht losgelöst gesehen werden von den militärischen Absichten und vor allem dem Größenwahn Deutschlands, vor allem zu Zeiten des Nationalsozialismus, als die Seefestung noch weiter ausgebaut und militarisiert wurde. Dieses Datum beendete eine Verkettung schicksalhafter historischer Entwicklungen und Entscheidungen, die keinesfalls auf dieser kleinen Insel mitten in der Nordsee getroffen wurden - die aber damit zum Spielball der Mächte geworden war. Um Ursache und Wirkung nicht zu verwechseln, muss der Tag, an dem Frieden und Freiheit auf Helgoland einkehrten, immer im Kontext der Geschichte betrachtet werden. Das Fundament des Übels wurde bereits im Ersten Weltkrieg zementiert. Seitdem erfolgte wegen der strategisch hervorragenden Lage mitten in der Deutschen Bucht vor der Elbe- und Wesermündung der Ausbau zur Seefestung, der vor und vor allem im Zweiten Weltkrieg weiter fortgesetzt wurde. Geschaffen wurde ein wichtiger Marinestützpunkt mitten in der Deutschen Bucht. Nur wenige Tage vor Ende des Zweiten Weltkrieges kam es am 18. April 1945 zum großen Bombardement durch alliierte Flugzeuge.

Eine Gruppe von 15 Helgoländer Widerständlern, die die Insel friedlich übergeben wollte, scheiterte. Die Männer wurden verraten, verhaftet und kamen vor das Schnellgericht in Cuxhaven. In Sahlenburg wurden fünf der Männer am 21. April standrechtlich erschossen. Die Zivilbevölkerung harrte in den Helgoländer Bunkeranlagen während der Bombardements aus und wurde in den nächsten Tagen aufs Festland evakuiert. Auf den Tag genau zwei Jahre später, 1947, erschütterte ein weiterer rabenschwarzen Tag die Felseninsel. Den Engländern ging es dabei um die Vernichtung der Militäranlagen. Sie legten Helgoland mit der bis heute größten nichtnuklearen Sprengung in Schutt und Asche. "Big Bang" wird dieses Ereignis in den Geschichtsbüchern genannt. Als einziges Gebäude trotzte der Flakturm aus Stahlbeton, der heutige Leuchtturm, der Sprengladung. Erhalten blieben auch Teile des in den Felsen gebauten Zivilschutzbunkers - und der Maulbeerbaum aus Pastors Garten. Bevor am 1. März 1952 die Freigabe erfolgte, hatten über ein Jahr zuvor die beiden Heidelberger Studenten René Leudesdorff und Georg von Hatzfeld auf dem gesperrten Trümmerfelsen medienwirksam die Europaflagge gehisst, um auf das Schicksal aufmerksam zu machen. Aber auch etliche Helgoländer machten sich an maßgeblichen Stellen - zum Beispiel in London und sogar beim Vatikan - stark für ihre Heimat - und deutlich, dass sie zurückkehren wollten.

Insulaner wohnten in rund 180 Orten auf dem Festland

Die heimatvertriebenen Helgoländer waren verstreut im ganzen Bundesgebiet - vornehmlich aber küstennah in Norddeutschland. In rund 180 Orten sollen sie im Exil gelebt haben. Fast 500 hatten notdürftig in Schleswig-Holstein Unterkunft gefunden, 170 Familien waren es in Niedersachsen und 110 in Hamburg. Mehr als 100 Familien fanden in Cuxhaven Exil und 53 im Kreis Pinneberg. Und die Helgoländer hielten zusammen und untereinander Kontakt. Wichtiges Organ war das Mitteilungsblatt des Clubs Halunner Moats. James Krüss als Mitherausgeber festigte damit ab 1948 die Bande der verstreut lebenden Helgoländer erheblich mit.

Aufruf zur Helgoland-Spende

Als die evakuierte Bevölkerung endlich nach sieben langen Jahren heimkehren konnte, bauten die Insulaner die in Schutt und Trümmern liegende Insel neu auf. Dabei nahmen sie viele Entbehrungen in Kauf. Grundlage der Neubebauung war ein Architektenwettbewerb. Der Ideen-Wettbewerb - ausgeschrieben vom Kreis Pinneberg - rief bereits 1951, noch vor der Freigabe, ausdrücklich die fähigsten Städtebauer, Architekten und Ingenieure zur Mitarbeit auf. Die Kosten des Wiederaufbaus wurden seinerzeit auf 60 Millionen DM beziffert. Als Sofortprogramm standen die Wiederherstellung der Hafeneinrichtungen, der Seenotstation sowie der Bau von rund 50 Wohnungen auf der Agenda. Zur Finanzierung riefen Bundespräsident Heuß, Bundeskanzler Adenauer und die Ministerpräsidenten der Länder die Deutschen zu einer Helgoland-Spende auf. Die eigentliche Aufbauleistung vollzog sich in nur wenigen Jahren. Schnell nahm auch der Seebäderverkehr zur Insel wieder an Fahrt auf. Fand der Tourismus in den ersten Jahren noch auf der Düne statt, so entstanden auf der Insel in den Folgejahren Hotels, Frühstückspensionen sowie Privathäuser und auch die öffentliche Infrastruktur wurde vorangetrieben.

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Wiebke Kramp

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Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

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