Zwischen Applaus und Gänsehaut: Otterndorfer Olympionike rudert durch Venedig
Der Otterndorfer Olympionike Andreas Reinke erlebt bei der italienischen Vogalonga ein außergewöhnliches Abenteuer auf den Kanälen der Lagunenstadt Venedig - und erinnert sich dabei an die Faszination seines Sports.
Als Andreas Reinke unter der berühmten Rialtobrücke hindurchrudert, bleibt für einen Moment alles andere nebensächlich. Die Sonne steht über Venedig, das Wasser ist spiegelglatt, Motorboote gibt es an diesem Tag nicht. Tausende Menschen säumen die Ufer, applaudieren den Teilnehmern. "Da hatte ich Tränen in den Augen", sagt der Otterndorfer. "Die Sonne schien, das Wasser war ruhig und die Menschen vor dem Markusplatz haben geklatscht. Das war schon etwas ganz Besonderes."
Der Otterndorfer weiß, wie sich große sportliche Momente anfühlen. Andreas Reinke gehört zu den wenigen Olympioniken im Landkreis Cuxhaven. 1988 startete er als Ruderer bei den Olympischen Spielen in Seoul. Auch wenn es damals nicht zu einer Medaille reichte, bleibt das Ereignis bis heute der Höhepunkt seiner sportlichen Laufbahn. Vor allem die Atmosphäre im olympischen Dorf habe sich tief eingeprägt.
Die Idee kam spontan im italienischen Restaurant
Heute sitzt Andreas Reinke nur noch hobbymäßig im Boot. Doch die Leidenschaft für den Rudersport ist geblieben. Und so entstand vor zwei Jahren bei einem Treffen mit ehemaligen Mannschaftskollegen eine Idee, die nun Wirklichkeit geworden ist. Zum zweiten Mal seit den Spielen von Seoul kam die damalige Olympia-Crew in Berlin zusammen. Beim Besuch eines italienischen Restaurants fiel schließlich die Entscheidung. "Keiner von uns war je da. Aber wir haben beschlossen, dass wir an der Vogalonga teilnehmen", erzählt Andreas Reinke.
Die Vogalonga, auf Deutsch "das lange Rudern", zählt zu den außergewöhnlichsten Wassersportveranstaltungen Europas. Einmal im Jahr starten in Venedig motorlose Boote aller Art. Mit dabei sind Kanus, Kajaks, Drachenboote, Ruderboote, Gondeln und sogar Eigenbauten. Motorisierte Schiffe bleiben an diesem Tag außen vor. Ursprünglich entstand die Veranstaltung als Protest gegen den zunehmenden Motorbootverkehr. Mehr als drei Jahrzehnte später lockt sie Teilnehmer aus ganz Europa an.
Die Crew saß vorher nicht einmal zusammen im Boot
Für Andreas Reinke und seine Mitstreiter begann das Abenteuer mit der individuellen Vorbereitung schon vor dem Startschuss. Eine gemeinsame Vorbereitung im Boot gab es allerdings nicht. "Jeder hat sich individuell vorbereitet. Ich bin die Medem hoch- und runtergerudert, um die Hände vorzubereiten", sagt der Otterndorfer. "Wir saßen vorher keinen Kilometer zusammen im Boot. Wir sind einfach eingestiegen und losgefahren."

In Italien traf sich die Gruppe schließlich wieder. Gemeinsam wohnten die ehemaligen Leistungssportler vor Ort und genossen die besondere Atmosphäre der Lagunenstadt. Der Höhepunkt folgte am Veranstaltungstag. Um Punkt 9 Uhr donnerte die traditionelle Kanone am Markusplatz. "Und dann fahren alle los und es ist überall ein buntes Chaos", beschreibt Andreas Reinke die ersten Minuten auf dem Wasser. Die Dimensionen beeindruckten selbst den Olympiateilnehmer. Nach offiziellen Angaben waren rund 2.300 Boote mit etwa 9.800 Teilnehmern unterwegs. Andreas Reinke vermutet sogar noch mehr. "Ich glaube, es waren eher 3.000 Boote. Überall waren Fahnen zu sehen, viele waren verkleidet. Das war ein tolles Bild."
Auch mit über 60 Jahren sind alle noch fit - und schnell
Die Strecke führte zunächst über das Markusbecken vorbei an den Inseln Vignole und Sant'Erasmo. Anschließend ging es Richtung Burano, bevor der Kurs durch die weite Lagune und später an Murano, der berühmten Glasbläserinsel, vorbeiführte. Über den Canal Grande und unter der Rialtobrücke hindurch kehrten die Teilnehmer schließlich zum Markusplatz zurück. Dass die ehemalige Olympia-Crew das Rudern nicht verlernt hat, zeigte sich unterwegs deutlich. "Wir haben Gas gegeben und waren sehr schnell. Wir sind zwar alle über 60, aber fit. Es hat einfach Spaß gemacht", sagt Andreas Reinke.
"Nicht mal die Hände taten weh"
Nach 2 Stunden und 10 Minuten erreichte die Mannschaft das Ziel. Das GPS zeigte sogar knapp 40 statt der offiziell angegebenen 30 Kilometer an. Doch Zeiten und Platzierungen spielen bei der Vogalonga sowieso nur eine Nebenrolle. "Es gibt keinen Gewinner, denn es geht nicht ums Gewinnen." Es sei einfach eine besondere Veranstaltung vor einer einzigartigen Kulisse, von der selbst ein Olympionike, der schon die größte Bühne des Sports erlebt hat, bleibende Eindrücke mit nach Hause nimmt. Muskelkater oder schmerzende Hände gehören übrigens nicht zu den bleibenden Eindrücken nach der langen Tour: "Nicht mal die Hände taten weh, wie ich es erwartet hatte", berichtet Andreas Reinke. Sein Fazit: "Es war super und man muss es einmal erlebt haben. Wer Venedig wirklich erleben will, sollte zur Vogalonga fahren."
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