"Carmina Burana" vereint Chöre und Neulinge aus Cuxhaven: Erinnerung an früher
Das "Mare Musik Festival 2026" vereint lokale Chöre und Gesangsneulinge aus Cuxhaven und der Umgebung in einer beeindruckenden Aufführung von Carl Orffs "Carmina Burana". Gemeinsamkeiten zu früheren Zeiten sind erkennbar.
Es ist das große Chorprojekt des "Mare Musik Festival 2026": die Aufführung von Carl Orffs "Carmina Burana". Auch wenn es bis Pfingsten noch etwas hin ist, geprobt wird schon jetzt. So zum Beispiel am Montag und Dienstag, als sich Sängerinnen und Sänger im "Windjammer"-Saal der Kurverwaltung in Duhnen mit Mathias Christian Kosel trafen, um sich mit ersten Chorpartien des Orffschen Werkes vertraut zu machen.
Kosel, künstlerischer Leiter des in 2026 zum vierten Mal stattfindenden "Mare Musik Festivals", will mit dem "Carmina"-Projekt unter Beweis stellen, dass das Festival sich eben nicht nur "als Bühne für Virtuosen" versteht, sondern "auch die musikalische Vielfalt vor Ort" fördert. Die Mitwirkung bei der "Carmina", bietet - wie es seinerzeit in dem Aufruf dazu hieß - "Chören, Einzelstimmen und Gesangsneulingen die Gelegenheit, Teil eines professionell geführten Projektes zu werden". Und wie bei der Probe am Montagabend festzustellen, ist der Aufruf auf offene Ohren gestoßen: Sängerinnen und Sänger aus verschiedenen Chören in der Stadt hatten sich gemeldet, dazu Leute, die ganz einfach Lust haben, einmal ein solches Werk mitzusingen. Und ebenfalls mit dabei sind die, die sich damit an eine ganz andere als von ihnen sonst gepflegte Chorliteratur wagen.

Mit seiner im Juni 1937 in der Frankfurter Oper uraufgeführten "Carmina Burana" hat Orff lateinische und deutsche Vagantenlieder des Mittelalters vertont. Entnommen sind sie der Benediktbeurer Liederhandschrift. Es geht in den Gesängen um Frühling und Liebe, um Trunk in der Taverne, um ungebärdige Lebenslust. Die Spanne, vom Komponisten in eine völlig neue Musik gekleidet, reicht zart-naiver Lyrik bis hin zur derberen Tönen und Klängen - vom "Lob des Essens und Trinkens" bis hin zur "Cour d‘ amour", zum ritterlichen Liebesfest. Die Uraufführung des Werkes verzeichnete seinerzeit wie viele Aufführungen nach ihr außer den drei Solisten, Kammerchor und Kinderchor einen Riesen-Orchesterapparat. Den jedoch wird das Publikum des "Mare Musik Festivals" so nicht erleben.

Mathias Kosel hat sich für die knapp 20 Jahre später arrangierte und vom Komponisten autorisierte Fassung Wilhelm Killmayers entschieden. Killmayer, 2017 wenige Tage vor seinem 90. Geburtstag verstorben, war Schüler Orffs. Mit seiner Version der "Carmina Burana" - den drei Solisten Sopran, Tenor und Bariton, einem großen gemischten Chor, einem Kinderchor, zwei Klavieren und Schlagwerk - machte er es so manch einem Dirigenten abseits der großen Musikzentren möglich, Orffs "Carmina" aufzuführen.
Wie zum Beispiel vor 60 Jahren dem in Cuxhaven wirkenden Dirigenten, Komponisten und Musikwissenschaftler Walter Knape, der Orffs "Carmina" mit der Chorvereinigung aufführte. So verzeichnet die Zusammenstellung der Konzerte des Cuxhavener Konzertvereins die Aufführung am 31. Oktober 1965 in der Aula des Gymnasiums für Jungen, heute Amandus-Abendroth-Gymnasium (AAG). Zwei Tage später erscheint unter der Dachzeile "Der große Abend der Cuxhavener Chorvereinigung" die von Claus Katschinski verfasste Konzertkritik in der "Cuxhavener Presse" (und zeitgleich in der "Cuxhavener Zeitung").

Des Lobes voll ist der Kritiker, was die Leistung des Chores angeht, die der Instrumentalisten aus den eigenen Reihen (darunter Paul W. Fritsche am ersten der beiden Flügel) und vor allem auch die der drei Solisten des Abends. "Die drei Solisten haben den Chor, und der Chor hat die Solisten, gegenseitig zu einer prächtigen, unbeschwerten musikalischen Leistung beflügelt", heißt es an einer Stelle der Besprechung. Glanzstück des Bass-Baritons Robert Tietze sei "Ego sum abbas" ("Ich bin der Abt") gewesen, das Glanzstück des Tenors Hans Koevers der "Schwan": eine "treffende Charakteristik - und das in allerhöchsten Kopftönen". In die Herzen der Zuhörer dieser "Carmina"-Aufführung hat sich Katschinski zufolge offenbar die Sopranistin Lieselotte Ehlers mit ihrer zwar nicht großen, "aber reinen, kristallenen Stimme" gesungen.
Zu Walter Knape, dem Dirigenten des Abends, merkt der Kritiker an, dass dessen präzise, zuweilen hart wirkende Schlagtechnik "der nicht weniger harten Rhythmisierung von Carl Orff entgegenkommt". Knapes eigentliche Leistung aber sei vielmehr das Ergebnis des Abends gewesen: "Diese Chöre, Instrumentalisten und Solisten zusammenzuführen, sie in Planung und monatelanger Probenarbeit zu steigern in einer Aufführung, die in ihrer Qualität deutlich über den 'Vier Jahreszeiten‘ von Haydn liegt, die wir vor einem Jahr hörten - in diesem energischen Durchhaltevermögen beweist sich der Dirigent."

Selbst Optimisten, so schreibt Claus Katschinski am Schluss seiner Konzertbesprechung, hätten eine solche "Carmina Burana" nicht erwartet. Mathias Christian Kosel war vor vielen Jahren bekanntlich selbst Schüler des Gymnasiums, in dessen Aula die "Carmina"-Aufführung damals stattgefunden hat. Unter den Jungen, die damals mitgesungen haben, wird er nicht gewesen sein, aber auch er holt nun, Jahrzehnte später, für seine Aufführung beim "Mare Musik Festival" den Schulchor seiner Schule mit ins Boot. Und er führt gleichfalls die Fassung von damals auf, wie er dieser Tage gesprächsweise sagte. An den beiden Flügeln werden Clara und Marie Becker sitzen und den Part für zwei Klaviere in der "Carmina" spielen. Beide dürften dem Cuxhavener Konzertpublikum noch von ihrem Auftritt im Rahmen der "Galeriekonzerte im Schloss" im Dezember 2022 in bester Erinnerung sein.
Von Ilse Cordes