Das Rad der Fortuna dreht sich in Cuxhaven
In der ausverkauften Kugelbake-Halle verschmelzen 147 lokale Sänger plus Solisten zu einem Klangkörper, der die "Carmina Burana" zum Leben erweckt. Mit archaischer Kraft und emotionaler Tiefe wird das Publikum in die Welt des Schicksals entführt.
Der Freitagabend in der Kugelbake-Halle beginnt, bevor die erste Note erklingt. Im Foyer herrscht eine Stimmung, die man mit Händen greifen kann. Menschen begrüßen sich, lachen, suchen ihre Plätze. Wer genau hinschaut, erkennt: Hier sitzen nicht nur Konzertgänger. Hier sitzen Familien, Eltern, Geschwister und Freunde. Denn auf der Bühne stehen gleich Menschen aus ihrer Mitte. Rund 150 Sängerinnen und Sänger aus Cuxhavener Chören, Laiengruppen und Schulklassen haben seit dem Herbst 2025 für diesen einen Abend geprobt. Das Haus ist restlos ausverkauft. Und das spürt man.
Ein Chor wie eine Stadt
Als Oberbürgermeister Uwe Santjer die Gäste und Künstler begrüßt hat, öffnet sich von rechts eine schier endlose Reihe: Der Chor betritt die Bühne, Reihe für Reihe, über Rampe und Treppe. In der Mitte gruppieren sich die Männerstimmen. Von links strömen Schülerinnen und Schüler nach, die ganz vorn auf der Rampe Aufstellung nehmen. Schwarze und graue Hussen überziehen die Bierzeltbänke und verleihen der Szenerie eine unerwartete Eleganz. Vor der Bühne haben die Zwillinge Clara und Marie Becker an zwei Flügeln Platz genommen, flankiert von Thomas Himmel und Carla Schmidtke am Schlagwerk und der Perkussion. In der Mitte: ein Dirigentenpult. Und dahinter Mathias Christian Kosel, der gebürtige Cuxhavener, der dieses Festival seit fünf Jahren mit unermüdlicher Leidenschaft leitet und der an diesem Abend von seiner Position aus jeden Einsatz, jeden Atemzug des Klangkörpers zu formen scheint.
Dann: "O Fortuna”
Der berühmteste Eröffnungschor der Konzertliteratur trifft die Halle wie ein Faustschlag, fast beschwörend. Carl Orffs Kantate über das Rad des Schicksals, das unerbittlich dreht und jeden trifft, hat in diesem Moment nichts von ihrer Wucht verloren. Auf der großen Leinwand im Bühnenhintergrund dreht sich das Rad der Fortuna, langsam und unaufhaltsam.
Was viele mit "Carmina Burana" verbinden, ist meist nur dieser eine Eröffnungschor, der in Filmen, Sportarenen und Werbespots längst zum kulturellen Allgemeingut geworden ist. Das Werk selbst aber ist weit mehr. Die Texte stammen aus einer Sammlung mittelalterlicher Gedichte des 13. Jahrhunderts, verfasst von fahrenden Scholaren und vagabundierenden Klerikern, den sogenannten Goliarden, die über Glück, Liebe, Rausch und die Launen des Schicksals dichteten. Auf Latein, Mittelhochdeutsch und Altfranzösisch. Keine frommen Lieder, sondern das ungezähmte Leben selbst.
Orff hat diese Texte 1935 und 1936 vertont und dabei auf alles verzichtet, was Musik kompliziert macht. Kein romantisches Harmoniespiel, keine opernhafte Eleganz. Stattdessen: Rhythmus, Perkussion und kollektive Energie. Musik, die körperlich wirkt, bevor sie intellektuell begriffen wird. In Cuxhaven trägt dieses Prinzip zwei Klaviere und ein exzellentes Schlagwerkduo. Was zunächst wie eine Reduktion klingt, erweist sich als Gewinn. Der Chor steht im Zentrum. Und er trägt das Werk und den Eröffnungsabend.
Mathias Christian Kosel hatte sich für diesen Abend noch eine weitere Aufgabe vorgenommen. Zwischen den Teilen des Werkes ertönte aus den Lautsprechern seine Stimme, die das Publikum durch die Handlung geleitete. In knappen, präzise gewählten Texten umriss er das ewige Spiel des Schicksals, die Lust des Frühlings, den Rausch der Schenke und die Sehnsucht des Herzens. Was nach einem dramaturgischen Hilfsmittel klingt, erwies sich als kluger Kunstgriff. Denn "Carmina Burana" ist kein Werk mit einer linearen Handlung im klassischen Sinne. Es ist ein Bilderbogen. Und Kosels gesprochene Texte gaben diesem Bilderbogen einen Rahmen, der auch jenen im Saal das Geschehen erschloss, die dem Werk zum ersten Mal begegneten. So wurde aus einem Konzert ein Erlebnis mit erzählerischer Tiefe.
Drei Solisten, drei Welten
Neben dem Chor treten drei Profisolisten auf. Den größten erzählerischen Anteil übernimmt Bariton Peter Schöne, der ab der Spielzeit 2025/26 an der Staatsoper Hannover engagiert ist und von der Kritik als Sänger mit hervorragender Technik gewürdigt wird. Sein Bariton bewegt sich sicher zwischen weicher Kantabilität in "Omnia sol temperat" und der eruptiven Energie von "Estuans interius". Im zweiten Teil erscheint er als trunkener Abt: spöttisch, grotesk, mit einer Stimme, die weniger schön als charaktervoll klingen muss. Er liefert.
Aufhorchen lässt auch Tenor Joaquín Asiáin. Der deutsch-spanische Sänger hat die Partie des gebratenen Schwans bereits mehr als 170 Mal gesungen. In "Olim lacus colueram" schildert er aus der Perspektive eines Schwans am Bratspieß sein Ende: extrem hoch, mit bewusst grotesker Falsettstimme, zwischen Komik und Tragik schwebend. Asiáin bringt das mit sicherer Selbstironie.
Den lyrischen Gegenpol setzt Sopranistin Judith Spiesser, die ihre Ausbildung an der Hochschule für Musik und Theater München absolvierte und von 2020 bis 2022 Ensemblemitglied des Staatstheaters am Gärtnerplatz war. In "In trutina" öffnet sich nach all dem Lärm ein Moment stiller Innerlichkeit. Die innere Zerrissenheit zwischen Tugend und Leidenschaft gestaltet Spiesser mit schwebender Linie und Ruhe. In "Dulcissime" fordert Orff das genaue Gegenteil: höchste Register, Spannung, Ekstase. Auch das gelingt.
Das Rad dreht sich weiter
Als "O Fortuna" am Ende des Abends zurückkehrt, ist der Kreis geschlossen. Alles, was dazwischenlag: Frühling, Rausch, Liebe, Spott und Sehnsucht, steht unter der Macht des Schicksals. So hat Orff es gewollt. Und so hat es Mathias Christian Kosel an diesem Abend erzählt: klar, direkt und mit der vollen Energie eines Klangkörpers, der nicht aus der Ferne gekommen ist, sondern aus dieser Stadt selbst.
Der Applaus ist lang. Er gilt den Solisten, den Musikern und dem Dirigenten. Vor allem aber gilt er den 147 Menschen auf der Bühne, die seit dem Herbst auf diesen einen Moment hingearbeitet haben. Man spürt: Das war kein Event, das war ein echtes musikalisches Erlebnis.


















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