Einblicke in den Arbeitsalltag

Jeder in seinem Tempo: So läuft die Arbeit bei der Lebenshilfe Cuxhaven

von Wiebke Kramp | 02.12.2022

Kreis Cuxhaven. Der 3. Dezember ist der Internationale Tag der Menschen mit Behinderungen. Unsere Redakteurin war als Tagespraktikantin bei der Lebenshilfe in Cuxhaven dabei und erhielt Einblick in den Arbeitsalltag.

Die orangefarbenen Busse rollen morgens auf den Hof. Sie bringen die meisten Mitarbeitenden, die um 8 Uhr mit der Arbeit in den verschiedenen Werkstätten beginnen.

In den Werkstätten der Lebenshilfe in Cuxhaven und Hemmoor arbeiten rund 440 Menschen mit und rund 240 ohne Beeinträchtigung. An einem Tag darf unsere Redakteurin als Tagespraktikantin im Werkhof an der Neuen Industriestraße in Cuxhaven dabei sein. Und sie erhält Einblicke in verschiedene Arbeitsabläufe. Guter Grund, darüber am Internationalen Tag der Menschen mit Behinderungen (3. Dezember) zu berichten.

Dienstleister sind von A bis Z beschäftigt

Die Dienstleistungsgruppe unterstützt nicht nur die Verwaltung, sondern sie bietet auch externe Dienstleistungen an wie Aktenschreddern oder Wäscheservice. Dieser Gruppe bin ich zugeordnet. Hier sind 22 Mitarbeitende zwischen 20 und 60 Jahren mit unterschiedlichsten Behinderungsbildern tätig. Oliver Stepniak und seine beiden Kollegen Wienke Pauls-Johanns sowie Andreas Braun achten darauf, dass jeder nach seinen Fähigkeiten zum Einsatz kommt. "Unser Spektrum reicht von A wie Abfallbehälter bis Z wie Zeitungspapier aufsammeln", erklärt der gelernte Heilerzieher Stepniak. Seit elf Jahren ist er bei der Lebenshilfe Cuxhaven beschäftigt, seit sechs Jahren bei den Dienstleistern: "Für mich ist das die ideale Gruppe, hier ist immer Bewegung und wir haben es mit den unterschiedlichsten Tätigkeiten zu tun."

Die Telefonzentrale ist zum Beispiel mit zusätzlichen Kommunikationsaufgaben betraut - die drei Mitarbeitenden sorgen auch dafür, dass das Bildschirmsystem im Haus mit Inhalten von Speiseplänen bis Bundesligaergebnissen befüllt ist.

Hohes Maß an Selbstständigkeit

Viele erledigen ihre Arbeiten mit einem hohen Maß an Selbstständigkeit - so wie der freundliche Sven. Er kann zwar nicht sprechen, macht sich aber durch Handzeichen oder per schriftlicher Mitteilung bemerkbar. Seine Aufgabe ist es, jeden Morgen kurz nach Arbeitsbeginn alle Toilettenräume zu überprüfen, ob sich dort genügend Papier, Handtücher und Desinfektionsmaterial befinden. Wo etwas fehlt, füllt er nach. Das Material zieht er in einem kleinen Handwagen hinter sich her. Sven ist sehr akribisch in seiner Erledigung. Zweimal am Tag macht er diese Kontrollrunde.

Saschas und Hassans Aufgabe ist es, das Leergut am Pfandautomaten einzusammeln und die Automaten neu mit Softdrinks und Wasser zu befüllen. Später am Tag, kurz vor Feierabend, ist es noch an Sascha, der von sich nur in der dritten Person spricht, in den Waschräumen sämtliche Papierkörbe zu leeren. Der wuchtige junge Mann kommt dabei ins Schwitzen. "Aber Bewegung tut ihm gut und ist wichtig", findet Oliver. Kein Wunder, nach Feierabend bei der Lebenshilfe trainiert er schließlich die 1. Herren von Rot-Weiss Cuxhaven. 

Auch für den Hünen Helge hat sich eine passende Abriet gefunden. Meist draußen auf dem Werkstattgelände wird er handfest eingesetzt für Gartenarbeiten, Rasenmähen oder Mülltonnendienste. Sein Spezialgebiet und Steckenpferd sind Autos - und so erinnert er die Mitarbeiter schon mal daran, wenn der nächste TÜV-Termin ansteht. 

Auch Holger, der nicht sprechen und sich kaum bewegen kann, erfüllt seinen Arbeitspart. Sein Platz ist neben dem Schredder in Nachbarschaft zu den Schreibtischen von Wienke und Oliver. Sobald Papier zum Vernichten abgelegt wird, schiebt es Holger in den Aktenvernichter.

Bücher für den Online-Verkauf einchecken

Alle Mitarbeitenden in dieser Gruppe zeigen mir freundlich und zugewandt ihren Arbeitsplatz - aber so richtig helfen kann ich ihnen dabei nicht. Bei Bianca ist das anders. Die zierliche Rollifahrerin nimmt vor dem PC Platz und ich daneben als Assistentin. Gemeinsam begutachten wir gebrauchte und sogar nagelneue Bücher nach ihrem Zustand und pflegen sie - wenn sie unseren hohen Ansprüchen genügen - in ein spezielles Online-Portal ein, damit sie über Amazon verkauft werden können. Dieses Programm ist extra für Menschen in Behindertenwerkstätten entwickelt worden.

Bianca und ich sind ganz schön pingelig. Müssen wir auch sein, denn mehr als drei kleinste Mängel dürfen diese Bücher nicht haben. "Der Buchrücken ist nur leicht geknickt, der Rest sieht gut aus - das können wir nehmen", urteilt Bianca und klickt sich durch die Software, um das Buch für den Verkauf einzuchecken. Selbst mit dem Einsatz der Spezialmaus ist es für die Spastikerin nicht einfach, auf die entsprechenden Felder zu klicken.

Stapel für Verkauf vorbereitet

Aber so richtig helfen darf ich ihr nicht, sie legt großen Wert auf Selbstständigkeit. So assistiere ich nur, reiche ihr die Bücher und platziere sie nach positiver Begutachtung in die entsprechend nummerierten Kartons. Bianca und ich sind fleißig. Bis Feierabend haben wir zig Stapel abgearbeitet und für den Verkauf vorbereitet. "Wir sind ein gutes Team", finde ich und sie nickt mir zustimmend zu.

Diese Bücher sind übrigens Spenden an die Lebenshilfe. Sie sind zum Wegwerfen viel zu schade und so erhalten sie eine eine Chance. Was nicht in den Online-Verkauf kommen kann, soll zu einem späteren Zeitpunkt in den Flohmarktverkauf gehen.

Mehrer Botschaften am Ende eines Arbeitstages

Mehrere Botschaften nehme ich an diesem Tag mit. Jeder wird nach seinen Fähig- und Fertigkeiten eingesetzt und ist dementsprechend Teil des Produktionsprozesses und Arbeitsalltags. Die Aufgaben sollen - so gut es geht - eigenständig erfüllt werden, wenn nötig, gibt es dafür Assistenz. Jeder darf hier sein individuelles Arbeitstempo an den Tag legen.

Aber die schönste Botschaft geben mir die Kollegen für einen Tag mit auf den Weg in den Feierabend: Ja, ich dürfe sehr gerne wiederkommen. Das berührt mich sehr.

Das ist die Lebenshilfe Cuxhaven

Bereits seit 1961 begleitet und unterstützt die Lebenshilfe Cuxhaven als gemeinnützige Selbsthilfeorganisation Menschen mit Beeinträchtigung in ihrem täglichen Leben. Erklärtes Ziel ist die volle und wirksame Teilhabe und Einbeziehung von Menschen mit Beeinträchtigung am Leben in der Stadt und im Landkreis.

Die Lebenshilfe Cuxhaven unterhält Werkstätten an den Standorten in Cuxhaven (Verpackung/Montage, Holz, Metall, Wäscherei,Küche Hauswirtschaft, Dienstleistungen, Büro, Töpferei, Gärtnerei, Buchbinderei) und Hemmoor (Verpackung/Montage, Metall, Garten-und Landschaftsbau, Dienstleistungen, Küche, Hauswirtschaft). Die Lebenshilfe Cuxhaven beschäftigt rund 240 Kräfte ohne und 440 Menschen mit Beeinträchtigung in den Werkstätten für behinderte Menschen. 

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Wiebke Kramp

Redakteurin
Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

wkramp@no-spamcuxonline.de

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