Wie das Einhorn Apothekennamen prägte
Die Ostener Apotheke hat das Fabeltier seit 1895 im Namen und eine weitere Apotheke mit dem gleichen Namen existiert bereits seit 1399 in Stade
von Hinrich Hildebrandt
Tatsächlich verkauften Apotheken Pulver, das angeblich aus Einhornhorn bestand, als Medizin. In Wirklichkeit handelte es sich dabei jedoch zumeist um Material aus dem Stoßzahn des Narwals.
Bereits im Jahr 1755 stellt der Ort Osten an der Oste einen Antrag zur Eröffnung einer eigenen Apotheke, doch es gelingt der Oberndorfer Apotheke lange Zeit, dies zu verhindern. In den folgenden Jahrzehnten wachsen die Bestrebungen für eine örtliche pharmazeutische Versorgung. So wird die Ostener Apotheke am 10. Oktober 1808 als Nebenapotheke der Oberndorfer Apotheke gegründet. Seit 1853 ist sie selbstständig, ab 1895 trägt sie das Einhorn im Namen. Die jetzige Inhaberin, Dr. Edda Renelt, übernahm den Betrieb im Jahr 2001 von ihrem Vater, der ihn seit 1972 besaß. Frau Renelt weist auf das Apothekensterben in Deutschland hin: "Im Jahr meiner Übernahme gab es noch viele Apotheken mit dem Einhorn im Namen."

Obgleich die Gesamtzahl der Apotheken in Deutschland stark zurückgeht, gibt es weiterhin eine Reihe von Einhorn-Apotheken in ganz Deutschland, beispielsweise in Kassel, Stade und Osnabrück.
Das Einhorn begleitet die Menschheit seit Jahrtausenden. Als Erste beschreiben indische Gelehrte den "Gefährten des Menschen im Geiste", wie der ZEIT-Journalist Hanno Rauterberg es anlässlich einer Ausstellung über das Fabeltier in Potsdam formuliert hat. Sein Fleisch soll bitter schmecken, aber aus seinem Horn ließen sich großartige Gegenstände schnitzen. In Pokalen aus Einhornhorn verwandle sich Wasser in Medizin. Ab dem Mittelalter erscheinen auch hierzulande Berichte über die Kräfte des Einhorns. Hildegard von Bingen empfiehlt im 12. Jahrhundert, ein Gericht aus pulverisierter Einhornleber und Eigelb zuzubereiten, das vortrefflich gegen Lepra helfen sollte. Und Schuhe aus Einhornleder sorgten für vitale Füße. "Einziges Problem: Woher das Leder nehmen, woher die Leber?", fragt Hanno Rauterberg.

Selbst in christlichen Motiven von Künstlern tritt das Fabeltier bisweilen als Symbol für die Allmacht und Kraft Jesu Christi auf. Sogar eine Ausstellung eines Einhorn-Skeletts mit Horn hat es in Quedlinburg gegeben. Doch bereits im Jahr 1638 kann Ole Worm, Leibarzt des dänischen Königs nachweisen, dass es sich dabei nicht um Hörner, sondern um Zähne des Narwals aus dem Nordmeer handelt. Dennoch lässt sich der nachfolgende König Friedrich III. einen Thron im Stil eines Fabeltiers errichten, um seine über das Weltliche hinausgehende Kraft zu demonstrieren.

In Apotheken wird Pulver verkauft, das angeblich aus Einhornhorn besteht und eine starke heilende Wirkung gegen Krankheiten haben soll. In der mittelalterlichen Symbolik steht das Einhorn außerdem für Reinheit und Schutz vor Gift. Genau das passt zum Beruf der Apotheker:innen, die Arzneien mischen und Gifte kennen. Daher wählen viele Apotheken das Fabeltier als Symbol und behalten es trotz Modernisierungen mitunter über Jahrhunderte hinweg, ähnlich wie die bekannten Apothekenzeichen Schlange und Kelch.

Lange verziert ein goldenes Einhorn die älteste Stader Apotheke an ihrem ursprünglichen Standort in der Hökerstraße. In alten Dokumenten der Stadt Stade wird bereits im Jahr 1399, also zur Hansezeit, ein Apotheker erwähnt. Jahrhundertelang ist die Rats- und Einhorn-Apotheke die einzige in der Stadt. Sie untersteht der Stadtobrigkeit, das heißt sie zahlt dem Stadtrat eine "Recognition" für ihre Konzession. Auch nach der Verlegung des Standorts von der Hökerstraße nach Riensförde behält sie ihren Namen.

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