Darum wurde Neuhaus (Oste) keine Hugenotten-Hochburg
Neuhaus (Oste) hätte fast eine Hochburg der Hugenotten werden können, doch fehlende Ressourcen und Perspektiven führten zum Scheitern. Die Geschichte von Migration und Arbeitswanderung im Elbe-Weser-Raum zeigt Dr. Horst Rößler (Bremen) lebendig auf.

Neuhaus wäre fast zu einer Hochburg von Hugenotten geworden, aber das Projekt scheiterte. Sogenannte Hollandgänger waren Saisonarbeiter, die - ähnlich wie heute osteuropäische Obstpflücker - zeitweise in der Landwirtschaft ihr Brot hart in den Niederlanden verdienten. Die Schicksale der kleinen Leute aus der Unterschicht sind es, die Dr. Horst Rößler beleuchtet.
Vertreibung aus der Heimat oder Wanderbewegungen finden in der Sozialgeschichte des Elbe-Weser-Raums tiefe Verankerung. Der Historiker, der sich schon lange zu der Thematik Migration und Arbeitswanderung forscht, kennt die unterschiedlichen Gründe. Meist war es der Wunsch nach besserem Fortkommen und das Fliehen vor wirtschaftlichen Problemen.
In einem Vortrag in der Stadtscheune beleuchtete der Historiker verschiedene Facetten. So wäre Neuhaus (Oste) fast zu einer Hugenotten-Kolonie geworden. Hugenotten waren calvinistische Religionsflüchtlinge aus Frankreich, denen dort im 16. und 17. Jahrhundert gewaltsame Konfessionalisierungen drohten. Religion galt als Staatstreue und wer sich weigerte, zum Katholizismus zu konvertieren, dem blieb nur die Auswanderung - auch ins damals schwedische Herzogtum Bremen-Verden. An der Weser im Bereich Lehemündung - dem Gebiet des heutigen Bremerhavens - wollte die schwedische Krone nach 1648 eine Festungsstadt und Handelszentrum aufbauen mit angeworbenen Lutheranern, Calvinisten, aber auch Katholiken und Juden.
Aber der Aufbau einer neuen Stadt überstieg doch die Möglichkeiten. Aber die gezielte Anwerbung von Hugenotten im späten 17. Jahrhunderts blieb bestehen, und man benötigte einen Ort, um sie anzusiedeln. Die Wahl fiel auf den Flecken Neuhaus, der damals nicht unbedeutend war und auf dem Wasserweg über eine gute Anbindung zum Beispiel nach Hamburg verfügte. 35 Familien siedelten sich zunächst auch in Neuhaus und Umgebung an. Aber mangels Wohnraums und wirtschaftlicher Perspektiven und fehlender königlicher Privilegien scheiterte der Plan und die meisten Flüchtlinge zogen weiter.
Ein anderes Kapitel waren die sogenannten Hollandgänger. Ab dem 17. Jahrhundert war es wirtschaftliche Not, die die Männer buchstäblich bewegte, aus dem Elbe-Weser-Raum als landwirtschaftliche Saisonkräfte in die Niederlande zu gehen. Sie verließen im Frühjahr ihre Heimatdörfer und kehrten im Spätsommer in ihre Heimatdörfer zurück. In den Niederlanden schufteten sie im Akkord vornehmlich als Grasmäher beziehungsweise in der Moorkultivierung.
Saisonale Wanderarbeiter waren im gesamten 19. Jahrhundert die Ziegler aus dem Lippischen Land, die sich das Spezialwissen der Ziegelmacherei angeeignet hatten und im Elbe-Weser-Gebiet als Saisonkräfte dienten. Die Mannschaften blieben größtenteils unter sich und kehrten nach Ende der Beschäftigung wieder in ihre Heimat zurück.
Als Zuckerbäcker in London täti
Arbeitswanderer anderer Art hingegen waren die Zuckerbäcker in London. Sie arbeiteten in den Zucker-Raffinerien der britischen Hauptstadt. Auch hier war es bei den Söhnen von Kleinbauern oder Häuslingen die drohende Mittellosigkeit, die sie nach London zog. Es handelte sich dabei meist um Auswanderung. Im 18. und 19. Jahrhundert gab es die große Bewegung von Arbeitswanderern nach London. Viele kamen aus dem Elbe-Weser-Dreieck und sie zogen über ihre sozialen Netzwerke Gleichgesinnte nach. Das dortige Zentrum der Zuckerindustrie lockte mit guten Löhnen vor allem junge Männer. Viele der Arbeiter und Handwerker stammten aus Norddeutschland. Das Viertel im East End erhielt wegen seiner starken deutschen Prägung den Spitznamen "Little Germany". Neben Arbeitern ließen sich auch deutsche Bäcker, Metzger und Gastwirte nieder. Es gab eine deutsche Kirche mit angeschlossener Schule. 1861 waren von 1450 Personen, die als Zuckerbäcker beschäftigt waren, 85 Prozent aus Deutschland.
Größer werdende Bedeutung gewann ab 1830 die Auswanderung in die USA. Menschen aus dem Elbe-Weser-Dreieck nutzten die Häfen von Bremen, Cuxhaven und Bremerhaven als naheliegenden Ausgangspunkt für die weite Reise über den Atlantik. In den Städten lockten vielfältige Erwerbsmöglichkeiten und auf dem Land günstiger Grunderwerb, zum Beispiel im Mittleren Westen. Auch hier kam es - wie schon zuvor in London - zur sogenannten Kettenwanderung. Die Auswanderer schrieben nach Hause und boten Ausreisewilligen in der Heimat ihre Unterstützung an. Und auch unverheirateten Frauen eröffneten sich Chancen, zum Beispiel als Dienstmädchen Anstellung zu finden.
Es gab deutsche Communities auf dem Land, aber auch in New York selbst, wo in "Little Germany" in Manhattan 1860 allein 160.000 Deutsche lebten. Die Auswanderer aus Norddeutschland pflegten ihr gesellschaftliches Leben in Geselligkeits- und Unterstützungsvereinen. Solch landsmannschaftliche Netze seien auch heute bei Migranten hochaktuell, schlug Dr. Rößler die Brücke in die Gegenwart.
Von Arbeitssuche bis Hoffnung auf bessere Bedingungen
Die Veranstaltung des Kreisarchivs als Teil der Reihe "Demokratie und Erinnerungskultur" des Landkreises Cuxhaven zeigte auf, dass das Thema Vertreibung, Flucht und Wanderbewegungen kein aktuelles Phänomen beschreibt, sondern historische Wurzeln hat. Wie Fachbereichsleiterin Julia Kuhnt darstellte, gab und gibt es eben viele Gründe von Arbeitssuche bis Hoffnung auf bessere Bedingungen, warum Menschen in der Fremde leben.
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