Ein "Schlag ins Kontor": Jugendherberge Wingst schließt - Aus nach 88 Jahren
Ein Paukenschlag: Die Schließung der Jugendherberge Wingst in der Samtgemeinde Land Hadeln (Kreis Cuxhaven) trifft die Region hart. 201 Gästebetten fallen weg - und das schon zeitnah.
Es ist eine Hiobsbotschaft für die Wingst und die gesamte Region. Auf einen Schlag fallen 201 Gästebetten weg. Die Jugendherberge Wingst schließt zum Ende der Saison 2026, damit endet nach 88 Jahren eine Ära. Das gibt jetzt der Landesverband Nordmark des Jugendherbergswerks (DJH) bekannt und führt in erster Linie wirtschaftliche Gründe an. Ein rasch steigender Investitionsbedarf sowie die starke Saisonalität des Betriebs hätten zu der Entscheidung geführt, den Standort aufzugeben, heißt es in der Erklärung des Landesverbandes.

"Für uns ist das ein Schlag ins Kontor", sagt der Wingster Bürgermeister Patrick Pawlowski, und Samtgemeindebürgermeister Frank Tielebeule nennt es "eine schlimme Nachricht und ein fatales Zeichen für unsere touristische Entwicklung".
Einrichtungen in der Wingst wie der Zoo, der Spielpark, das Schwimmbad oder das Waldmuseum würden dadurch erhebliche Besucherverluste erleiden. Gerade außerhalb der Ferien seien die Schülergruppen in der Jugendherberge ein wichtiger Gästegarant gewesen. Ebenso würden Ausflugsziele in der ganzen Region in Mitleidenschaft gezogen durch wegbrechende Gästezahlen.

"Für uns ist der Gästeverlust durch die Schließung der Jugendherberge ein schlimmer Faktor", erläutert Patrick Pawlowski und kündigt an, dass man zügig überlegen und sich zusammensetzen müsse, wie ein Stillstand an diesem Standort vermieden werden könne. "Ein Leerstand darf dort nicht passieren. Jetzt müssen wir uns Gedanken machen, wie es mit einer Neuausrichtung weiterlaufen kann. Nicht den Kopf in den Sand stecken ist angesagt, sondern nach vorne blicken."

Frank Thielebeule kündigt an, jetzt die Zahlen aufzubereiten, um herauszufinden, was es für die einzelnen Einrichtungen bedeuten werde, wenn die Besuchenden nicht mehr kommen. Er kündigt zudem an, dass sich nun nach Unterstützungsangeboten und potenziellen Partnern umgeschaut werden müsse.

"Wir haben diesen Entschluss unter Abwägung aller Fakten getroffen - und er ist ein schwerer Schritt", gibt Thies Grothe, Vorsitzender des DJH-Landesverbands Nordmark, bekannt. Die dauerhafte Schließung einer Jugendherberge bedeute den Verlust eines wichtigen pädagogischen Ortes - eines Raums für soziales Lernen, gemeinschaftliche Erfahrungen und Begegnungen. Als gemeinnütziger Träger der Kinder- und Jugendhilfe sei ihnen die Bedeutung jugendtouristischer Infrastruktur und außerschulischer Lernangebote sehr bewusst. Sie seien aber als Landesverband zu nachhaltigem und verantwortungsvollem Handeln verpflichtet, auch in wirtschaftlicher Hinsicht. "Jugendherbergen, die dauerhaft nicht kostendeckend betrieben werden können, dürfen das Gesamtnetz nicht langfristig belasten. Somit ist die Schließung leider unumgänglich geworden", so Grothe. Die Jugendherberge sei seit vielen Jahren nur durch eine Quersubventionierung innerhalb des Landesverbandes im Netz gehalten worden.

Um den Standort zukunftssicher zu erhalten, wäre eine Generalsanierung der gesamten Gebäudesubstanz erforderlich, teilt der DJH-Landesverband Nordmark mit. Er rechnet vor, dass dazu kurz- und mittelfristig Investitionen im zweistelligen Millionenbereich getätigt werden müssten. Ein Weiterbetrieb, sichergestellt durch erste Einzelinvestitionen, sei vor diesem Hintergrund wirtschaftlich nicht verantwortbar, da die Refinanzierung aus dem laufenden Betrieb nicht zu erwarten sei.
Edeltraud und Jens Artinger werden nach 24 Jahren als Herbergsleitung Ende Februar in den Ruhestand gehen und dann auf eine "ganz besondere und erlebnisreiche Zeit" zurückblicken - vor allem auch auf ihr "tolles und sehr engagiertes Team". Der Verband hat für die verbleibende Saison eine personelle Übergangslösung gefunden: Als Tandem übernehmen Küchenleiterin Ivonne Lange und Rezeptionsmitarbeiterin Nina Schmidt die kommissarische Leitung.

Rund um die Wingster Herberge
Seit 164 Jahren existiert das Haupthaus der Jugendherberge Wingst. Seit 1938 wird es als Herbergsbetrieb geführt, damals und bis kurz nach der Jahrtausendwende von Familie Tabel. Im Laufe der Jahre sind weitere Gebäude(teile) hinzugekommen - zuletzt in den 1980er Jahren. Aktuell verfügt die Herberge über 201 Betten in 57 Zimmern in fünf Gebäudeteilen auf einem 40.000 Quadratmeter großen Grundstück, das an den Wald grenzt.
Von den Fünfzigerjahren bis Anfang der 2000er boomte diese Jugendherberge als Gruppengemeinschaftshaus mit Ferienfreizeiten, Klassen- und Wochenendfahrten. Vor allem in Hamburg und Berlin war sie bekannt und beliebt. Seit Februar 2002 leiten Edeltraud und Jens Artinger die Jugendherberge. Die Diplom-Sozialarbeiterin und der gelernte Koch verzeichneten in der Spitze knapp bis zu 27.000 Übernachtungen von über 9.300 Gästen im Jahr 2003. 2016 beherbergten sie geflüchtete Jugendliche aus Syrien und Afghanistan.
Die Jugendherberge wird heute vorwiegend von Schulklassen aus den Stufen 1 bis 6 und der Vorschule (83 bis 85 Prozent) sowie Freizeitgruppen genutzt. Nur vereinzelt reisen Familien und berufliche Bildungsgruppen sowie Einzelreisende an. Bekannt war die Jugendherberge Wingst durch Aufenthalte von Kindern aus Tschernobyl sowie die Unterbringung von Berufsschülern im Winter und Frühling. Nach Fertigstellung des Internats in Cadenberge brach diese Gästegruppe weg. Das Haus in seiner 88-jährigen Beherbergungsgeschichte nur drei Leitungen: Tabel Senior, Tabel Junior und die Artingers.