Moin Cuxhaven

Wattgeruch weckt Erinnerungen: Die Küste atmet Vergangenheit

von Jens Potschka | 25.06.2026

Seit Jahren begeistert die Kolumne "Moin Cuxhaven" die Leserinnen und Leser der Cuxhavener Nachrichten und der Niederelbe-Zeitung. Inzwischen sorgt die Rubrik auch auf cnv-medien.de für Unterhaltung. Heute geht es um den Geruch von Ebbe und Flut.

Es braucht keinen Anlass. Kein Bild, kein Lied, kein Datum. Nur den Wind, der sich dreht, und plötzlich ist er da, dieser typische Geruch. Salz, Schlamm, Seetang, etwas Uraltes, das sich nicht benennen lässt, weil die Sprache keinen treffenden Begriff dafür parat hält. Der Geruch der Ebbe.

Das ist das Unheimliche an den Sinnen. Sie lügen nicht. Das Gedächtnis des Verstandes ordnet, glättet, vergisst nach Belieben. Aber unser olfaktorisches Gedächtnis erinnert sich an alles, was wir erlebt haben, ohne es zu wissen. Es archiviert nicht nach Wichtigkeit, sondern nach Intensität, nach dem, was uns wirklich berührt hat. Ein Sommer. Ein Morgen. Eine Person, die längst gegangen ist. Das Kind, das man einmal war.

Marcel Proust brauchte eine eingetunkte Madeleine, um eine ganze Kindheit zu entfalten. Wer an der Küste aufgewachsen ist, braucht weniger. Ein Windhauch reicht. Der Wattgeruch ist kein schöner Geruch, das muss man zugeben. Touristen verziehen die Nase. Manche halten ihn für unangenehm, für das Versagen der Natur an einem zu warmen Tag. Aber wer hier groß geworden ist, der weiß: Das ist kein Geruch des Verfalls. Das ist der Geruch des Lebens selbst, in seiner ungeschminkten, morastigen, wunderbaren Unordnung.

Das Watt atmet. Zweimal täglich zieht es sich zurück und gibt preis, was es verbirgt: Würmer, Muscheln, Spuren, Geheimnisse. Und dieser Atem hängt in der Luft, lange nachdem das Wasser wiedergekommen ist. Vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum Menschen an die Küste zurückkehren, immer wieder, auch wenn das Leben sie längst woanders hingeführt hat. Nicht wegen der Aussicht, nicht wegen der Ruhe, sondern weil hier, in diesem einen Atemzug, die Zeit sich kurz aufhebt.

Weil für einen Moment alles gleichzeitig wahr ist: das Damals und das Jetzt, das Kind und der Erwachsene, der Verlust und die Dankbarkeit. Die Ebbe macht das Watt sichtbar. Der Geruch bringt die Erinnerung zurück. Beides hat seine Zeit. Beides kommt wieder.

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