Immer weniger Teams: Nachwuchsfußball vor großen Herausforderungen
Immer weniger Jugendteams, weniger Ehrenamtliche, veränderte Lebenswelten: Auch im Landkreis Cuxhaven steckt der Fußball-Nachwuchs in der Krise. Experten und Trainer suchen nach Wegen, Kinder wieder für den Sport zu begeistern.
Von Tamme Küver
Der deutsche Jugendfußball schrumpft immer weiter. Laut Statistiken des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) hat sich die Zahl der männlichen A- und B-Jugendmannschaften in den vergangenen 20 Jahren um fast ein Drittel reduziert - und das trotz kontinuierlich steigender Mitgliederzahlen. Auch der Landkreis Cuxhaven ist betroffen.
Statt 20 Ligen, wie es noch vor 15 Jahren der Fall war, gibt es im Cuxland heute noch zehn gemeldete Kreisligen und -klassen bei A- bis D-Junioren. Die Zahl der Teams in diesen Ligen ist in den vergangenen 15 Jahren von 127 auf gerade einmal 73 gesunken.
Aber nicht nur Jungs sind betroffen. Trotz des Hypes um den Frauenfußball ist in den vergangenen Jahren im Landkreis kein wirklicher Anstieg an Mädchen-Teams zu verzeichnen. Eine eigene Kreisliga kann das Cuxland im Juniorinnen-Bereich schon nicht mehr stellen, weshalb es eine gemeinsame Liga mit dem Kreis Stade gibt. Dadurch müssen auch schon Elf- bis Zwölfjährige Auswärtsfahrten bis in die Nähe von Hamburg auf sich nehmen.
Dr. Reiner Theis von der Universität Koblenz beschäftigt sich mit der Frage, warum der Fußball offenbar immer weniger Anklang bei Kindern und Jugendlichen findet. Die sogenannte "Drop-Out"-Problematik beschreibt eben diesen immer früheren Ausstieg von Heranwachsenden. Die immer frühere Organisation des Fußballs sei eine Ursache, erklärte Theis gegenüber der Tageszeitung "Westfalenpost". Immer mehr Kinder würden in sehr frühen Jahren anfangen, Fußball zu spielen. Was auf den ersten Blick positiv wirkt, führe oft zu einem früheren Wechsel in den Ligabetrieb, wodurch ein viel leistungsorientierteres Hobby für Kinder entsteht. Laut Theis würden so oft nur die guten Kinder spielen gelassen werden, die schlechteren müssten die meiste Zeit auf der Bank auskommen. Dies könne den Kindern den Spaß nehmen, der besonders bei den Kleinen noch absolut im Vordergrund stehen sollte.
Aber auch die Rahmenbedingungen machen es den Kindern nicht einfacher. Daniel Niehaus, langjähriger Junioren-Trainer bei der SpVgg Bison, eine Spielgemeinschaft aus den Orten Bülkau, Ihlienworth, Steinau, Odisheim und Neuenkirchen, blickt besorgt auf die sinkende Zahl der Ehrenamtlichen: "Auch die Eltern sind ein wichtiger Teil des Jugendfußballs", weiß der Coach. Egal ob als Fahrdienst, Organisator oder einfach nur als Motivator an schlechten Tagen, Eltern spielen eine wichtige Rolle. Oft seien diese heutzutage allerdings aus beruflichen Gründen nicht mehr so abrufbar, bedauert Niehaus.
Aber auch das Leben der Kinder und Jugendlichen ändert sich stets. Social Media, bei den meisten Heranwachsenden bereits fester Bestandteil der Freizeitgestaltung, macht oft etwas mit dem Leben der Jugendlichen: Einerseits kann es durch exzessiven Konsum das Risiko auf Übergewicht erhöhen, wie die Medizinische Universität Wien Anfang 2024 im Rahmen einer Studie herausfand. Ungeeignete Werbeinhalte lassen demnach das Risiko für Übergewicht und Adipositas steigen. Andererseits trenden immer mehr Sportarten.
Aber auch das Thema Schule kann die Zahlen im Jugendfußball beeinflussen: Der Abituranteil junger Erwachsener lag 2024 laut der Bundeszentrale für politische Bildung bei knapp 30 Prozent. Wer im Anschluss an den Schulabschluss studieren möchte, findet im Kreis Cuxhaven nur über Umwege Möglichkeiten. Oftmals müssen junge Erwachsene die Heimat verlassen, um ein Studium antreten zu können. In dem Fall ist es schwer, mehrmals in der Woche für Fußball in die Heimat zu fahren.
Wie kann man den Fußball denn nun aber "jugendtauglicher" machen? Prof. Dr. Reiner Theis schlägt im Gespräch mit der "Westfalenpost" vor, bei den ganz Jungen auf neue Spielformen zu setzen, um "den Kindern Spaß an der Bewegung zu vermitteln". Es sei wichtig, erst eine Quantität zu schaffen, aus der sich dann Qualität entwickeln könne. Auch Bison-Jugendtrainer Niehaus hat Ansätze: "Man muss die Schule mit dem Sport verbinden."