Nils Janke aus Altenwalde: Die bewegende Geschichte eines Torwarts mit Prothese
Mit neun Jahren verliert Nils Janke bei einem Unfall einen Teil seines linken Fußes. Heute steht er im Tor des TSV Altenwalde und trainiert Nachwuchsspieler - trotz Prothese.
Der Ball segelt über den Sportplatz des TSV Altenwalde. Nils Janke steht zwischen den Pfosten und macht sich bereit. Zwei schnelle Schritte zurück, ein kurzer Absprung, die Arme nach oben gestreckt - sicher fängt er den Ball ab und landet wieder auf dem Rasen. Seine Mitspieler drehen bereits ab, niemand denkt darüber nach, dass der Torwart, der dort gerade selbstverständlich seinen Job gemacht hat, einen Teil seines linken Fußes verloren hat.
Es ist genau diese Selbstverständlichkeit, die Nils Janke ausmacht. Auf dem Fußballplatz will er nicht als der Spieler mit der Prothese wahrgenommen werden. Er ist Torwart, Mannschaftskamerad, Trainer. Erst nach dem Spiel, wenn er in der Kabine seine Sportschuhe auszieht, bemerken manche Gegner überhaupt, dass etwas anders ist. "Viele wundern sich dann, weil sie im Spiel gar nicht gemerkt haben, dass ich eine Prothese trage", sagt der 27-Jährige, für den das heute alles normal ist. Doch vor 18 Jahren sah das alles noch ganz anders aus. Damals schien es, als würde sein Leben eine völlig andere Richtung nehmen.
Mit seinem Bruder unterwegs auf dem Aufsitzrasenmäher
Ostern 2007. Nils Janke ist neun Jahre alt und lebt mit seiner Familie in Alsfeld. Wie so oft fährt er gemeinsam mit seinem älteren Bruder auf dem Aufsitzrasenmäher über das Grundstück. Es ist nichts Besonderes, keine außergewöhnliche Situation. "Das haben wir immer so gemacht", erinnert er sich heute. Dann passiert etwas, das nur wenige Sekunden dauert und dennoch sein Leben verändert. "Ich bin in einem blöden Moment heruntergefallen und mit meinem Fuß ins Mähwerk gekommen." Nils Janke erinnert sich: "Ich hatte keine Schmerzen. Ich stand unter Schock." Sein Vater und sein Großvater kommen angelaufen, ziehen ihn unter dem Rasenmäher weg, binden seinen Oberschenkel mit einem Gürtel ab, um die Blutung zu stoppen. Als der Notruf eingeht, wird sofort ein Rettungshubschrauber alarmiert. Wenig später landet er direkt im Garten der Familie. "Ich kann mich erinnern, dass Leute auf mich zugelaufen kamen", erzählt Nils Janke. "Dann bin ich eingeschlafen." Die nächsten Erinnerungen beginnen erst wieder im Krankenhaus.

Dort erfährt der Neunjährige langsam, was geschehen ist. Zunächst wird er in Marburg versorgt. Drei Zehen seines linken Fußes können nicht mehr gerettet werden. Doch die Ärzte geben nicht auf. Nach wenigen Tagen wird er nach Mannheim geflogen, wo Spezialisten versuchen, den Fuß zu rekonstruieren. "Mein Vater und mein Opa haben zu Hause sogar noch nach Knochenteilen im Garten gesucht, damit man die wieder zusammensetzen kann."
Doch die Chancen werden mit jedem Tag kleiner. Die Wunde ist stark verschmutzt, die Verletzungen zu schwer. Die verbliebenen Zehen sterben ebenfalls ab. Nach einer Woche wird Nils Janke erneut verlegt, diesmal nach Ludwigshafen. Dort steht plötzlich eine Entscheidung im Raum, die selbst viele Erwachsene überfordern würde. Soll weiter versucht werden, den Fuß zu retten? Oder soll amputiert werden? "Meine Eltern wollten es nicht weiter versuchen", sagt Nils Janke heute. "Die endgültige Entscheidung haben sie aber mir überlassen." Er entscheidet sich für die Amputation. Bis zum Mittelfuß wird alles entfernt. Die Fußsohle vernähen die Ärzte auf die Oberseite des verbliebenen Fußes. "Jetzt bin ich oben und unten am Fuß kitzelig", scherzt er.
Nach einem halben Jahr stand er schon wieder auf dem Platz
Nils Janke beginnt nicht, über Dinge nachzudenken, die künftig unmöglich sein könnten. Stattdessen konzentriert er sich darauf, wieder laufen zu lernen. Sechs Wochen nach der Operation bewegt er sich bereits mit Gehhilfen fort. Wenige Monate später bekommt er seine erste Prothese. Und nur ein halbes Jahr nach dem Unfall steht er wieder auf dem Fußballplatz. "Ohne Fußball geht es nicht."

Immer wieder ermutigten ihn seine Eltern, neue Dinge auszuprobieren. Immer wieder schoben sie ihn an, wenn Zweifel aufkamen. "Meine Eltern haben immer gesagt, dass ich mich nicht unterkriegen lassen darf. Das hat mich motiviert." Wenn man Nils Janke fragt, was er heute nicht tun kann, muss er lange überlegen. "Mir fällt nichts ein. Fallschirmsprung, Bungee-Jumping, alles geht."
Er trägt mittlerweile eine Silikonprothese. Eine für den Alltag, eine für den Sport. Er arbeitet in der Logistik, trainiert die U13 des JFV Cuxhaven und engagiert sich regelmäßig als Schiedsrichter bei Beach-Soccer-Turnieren. Dort steht er sogar ohne Prothese im Sand. Probleme mit anderen Menschen habe er nie gehabt, erzählt er. Vielleicht, weil er immer offen mit seiner Geschichte umgegangen ist. Und wie ist sein älterer Bruder klargekommen? Nils Janke hat ihm nie Vorwürfe gemacht. Aber er weiß, dass er lange mit den Folgen zu kämpfen hatte. "Er wurde von meiner Familie aufgefangen, aber er hatte lange daran zu knabbern." Heute wissen aber alle: "Es war ein Unfall."
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