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Axel Petermann berichtet in Cuxhaven über spannende Kriminalfälle und die Psychologie des Bösen. Foto: Sven Hillert, @shhfoto
Axel Petermann berichtet in Cuxhaven über spannende Kriminalfälle und die Psychologie des Bösen. Foto: Sven Hillert, @shhfoto
Interview vor seinem Auftritt

Warum Menschen töten: Bekannter Profiler Axel Petermann kommt nach Cuxhaven

von Maren Reese-Winne | 06.10.2026 Zuletzt aktualisiert: 06.10.2026 18:44 Uhr

Am Tisch zu sitzen und vorzulesen, ist nicht seine Sache. Wenn Profiler Axel Petermann am Donnerstag, 8. Oktober, im Haus der Kurverwaltung in Cuxhaven-Duhnen auftritt, berichtet er aus dem echten Leben: Mord, echte Fälle, Fallstricke und Taktik.  

Vorab aber hat er sich mit Redakteurin Maren Reese-Winne über seine Tätigkeit unterhalten und einiges verraten.

Herr Petermann, Profiler - ist das eigentlich eine anerkannte Berufsbezeichnung und auf welchem Wege kommt man dorthin?

Der Begriff "Profiler" kommt aus dem amerikanischen Sprachraum. So wurden jene Kriminalisten bezeichnet, die sich Mitte der 1970er Jahre in Quantico/Virginia beim FBI intensiver mit Serienmördern und deren Verhalten beschäftigten. 
Hier in Deutschland wird der Begriff eher kritisch gesehen, denn die Erstellung eines Täterprofils ist lediglich ein möglicher letzter Schritt einer umfassenden Tathergangsanalyse. "Profiler" ist keine geschützte Berufsbezeichnung und auch kein Beruf, den man klassisch erlernen kann. Ich selbst bin ein vom BKA zertifizierter polizeilicher Fallanalytiker. Voraus ging eine mehrjährige berufsbegleitende Ausbildung. Andererseits benutze auch ich den Begriff "Profiler", da sich die meisten Menschen darunter etwas vorstellen können.
Ursprünglich bin ich Polizeibeamter und Kriminalist, habe viele Jahre in Mordkommissionen gearbeitet und später beim Aufbau der Operativen Fallanalyse in Deutschland mitgewirkt. Der Weg führt also in der Regel über eine fundierte kriminalistische Ausbildung und vor allem über praktische Erfahrung in der Bearbeitung schwerer Gewaltverbrechen. Fallanalyse ist kein Blick in eine Kristallkugel. Sie basiert auf der Bewertung des Täterverhaltens anhand seiner Entscheidungen vor, während und nach der Tat, auf der möglichst genauen Rekonstruktion der einzelnen Tatsequenzen, auf kriminalistischer Erfahrung und auf Erkenntnissen verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen.

Welche Begabungen muss ein Profiler aufweisen?

Neugier ist sicherlich wichtig - und die Fähigkeit, genau hinzusehen und die am Tatort gefundenen Spuren, das Ausmaß der Verletzungen, die Art und Weise des Tötens sowie schließlich die Entscheidung des Täters, was mit dem getöteten Opfer geschieht, nicht vorschnell zu interpretieren. Denn manche "Bilder eines Tatortes" sehen auf den ersten Blick gleich aus, können aber eine völlig unterschiedliche Bedeutung haben. Deshalb zählt immer die Gesamtheit der Spuren und nicht ein einzelnes Detail. Man darf sich nicht zu früh auf eine Erklärung festlegen. Gute Fallanalytiker müssen Widersprüche aushalten können und bereit sein, ihre eigenen Annahmen immer wieder zu überprüfen.
Dazu kommt etwas, was vielleicht zunächst widersprüchlich klingt: Man braucht Einfühlungsvermögen. Ich muss versuchen zu verstehen, was in einem Täter vorgegangen sein könnte, ohne seine Tat zu entschuldigen oder moralisch zu bewerten. Gleichzeitig darf man die Opfer nie aus dem Blick verlieren. Denn häufig erzählen gerade ihr Leben und ihr Verhalten vor der Tat sehr viel darüber, warum sich Täter und Opfer begegnet sind.
Eine Fallanalyse basiert für mich deshalb im Wesentlichen auf drei Säulen: der Interpretation der vom Täter getroffenen Entscheidungen, der chronologischen Rekonstruktion des Geschehens und der intensiven Beschäftigung mit der Biografie des Opfers. Gerade darin können sich wichtige Hinweise auf mögliche Motive finden. Denken Sie beispielsweise an einen Intimizid, also die Tötung innerhalb einer Partnerschaft: Geht die Trennung von der Frau aus, kann dies bei einem bestimmten Täter als massiver Kontroll- und Machtverlust erlebt werden, den er nicht akzeptieren will. Das kann für das Verständnis des späteren Tatgeschehens von erheblicher Bedeutung sein.

Der Titel Ihres neuen Buchs lautet "Die Psyche des Bösen": Gibt es Charakterzüge, Erfahrungen oder äußere Bedingungen in einer Biografie, die das Risiko erhöhen, zum Täter oder zur Täterin zu werden?

Die eine Persönlichkeit des Mörders gibt es nicht. Und es gibt auch keine bestimmte Kindheitserfahrung oder keinen einzelnen Charakterzug, aus dem zwangsläufig ein Gewalttäter entsteht. Natürlich begegnen uns in Täterbiografien immer wieder Faktoren wie Gewalterfahrungen, Vernachlässigung, Demütigungen, problematische Bindungen oder bestimmte Persönlichkeitsmerkmale. Aber Millionen Menschen erleben schwierige Kindheiten oder Lebenskrisen und werden niemals gewalttätig.
Entscheidend ist meistens ein komplexes Zusammenspiel aus Persönlichkeit, Biografie, sozialen Erfahrungen und einer konkreten Situation. Genau deshalb finde ich Täterbiografien so interessant: Mich beschäftigt weniger die Frage, ob jemand "böse" ist, sondern wie ein Mensch schließlich an einen Punkt gelangt, an dem er einem anderen Menschen das Leben nimmt. Bei meiner Lesung in Cuxhaven werde ich über einen solchen Fall berichten: über einen Mann, der bereits als Elfjähriger den Drang verspürte, ein vierjähriges Mädchen aus der Nachbarschaft zu töten - und später zum dreifachen Mörder wurde.

Axel Petermann berichtet in Cuxhaven über spannende Kriminalfälle und die Psyche des Bösen. Foto: Stefan Kuntner, @shhfoto

Schaffen Sie es trotz der wiederholten Begegnung mit Gewalt und Grausamkeit, einen Alltag zu führen, in dem Sie noch ruhig schlafen können? Und können Sie Ihren Mitmenschen privat noch ohne analytische Hintergedanken begegnen?

Ja, zum Glück. Ich beschäftige mich inzwischen seit mehr als fünf Jahrzehnten mit Kriminalität und insbesondere mit Tötungsdelikten. Natürlich gab und gibt es Fälle, die mich auch persönlich berühren und die man nicht einfach an der Bürotür zurücklässt. Aber man entwickelt eine professionelle Distanz. Und ich analysiere glücklicherweise auch nicht ständig meine Familie, Freunde oder Menschen, denen ich beim Bäcker begegne. Meine Frau würde mir vermutlich etwas erzählen, wenn ich zu Hause permanent den Profiler geben würde. Vielleicht schaut man allerdings etwas genauer hin als andere Menschen. Wer jahrzehntelang mit Mord und Gewalt beschäftigt war, weiß, dass hinter einer scheinbar vollkommen normalen Fassade manchmal sehr viel verborgen sein kann.

Sind Sie noch aktiv tätig beziehungsweise werden Sie zu aktuellen Fällen hinzugezogen oder konzentrieren Sie sich inzwischen ganz auf Ihre Autorentätigkeit?

Ich bin zwar seit einigen Jahren nicht mehr im aktiven Polizeidienst, arbeite aber weiterhin als freier Fallanalytiker. Angehörige, Rechtsanwälte oder andere Beteiligte wenden sich mit ungeklärten oder umstrittenen Todesfällen an mich, und gelegentlich beschäftige ich mich auch mit historischen Kriminalfällen. Gerade war ich beispielsweise in Norwegen, um auf Bitten einer Mutter den Tod ihres Sohnes in einer privaten Sauna zu untersuchen - offiziell ein Suizid. Auffällig ist, dass nur ein Jahr später ein weiterer Mann in derselben Sauna auf gleiche Weise ums Leben gekommen war. Solche Konstellationen werfen natürlich Fragen auf, denen man nachgehen muss, ohne das Ergebnis vorwegzunehmen.
Gerade diese Arbeit ist für mich nach wie vor ausgesprochen spannend, weil man mit heutigen kriminalistischen und forensischen Möglichkeiten manchmal Fragen neu stellen kann, die vor vielen Jahren nicht beantwortet werden konnten. Daneben schreibe ich natürlich meine Bücher, halte Vorträge und Lesungen und arbeite für verschiedene Fernsehformate.

Was zeichnet Ihr neues Buch im Besonderen aus und was erwartet das Cuxhavener Publikum bei Ihrem Auftritt am Donnerstag in Duhnen?

"Die Psyche des Bösen" beschäftigt sich mit realen Fällen und vor allem mit der Frage, die mich während meines gesamten Berufslebens begleitet hat: Warum töten Menschen? Ich erzähle von Tätern, Opfern und Ermittlungen, aber auch davon, was wir aus Tatorten und Verhaltensweisen herauslesen können. Dabei geht es mir nicht um möglichst grausige Details. Mich interessiert der Mensch hinter einer Tat und der Weg zu einem Verbrechen.
Am Donnerstagabend möchte ich das Publikum im "Windjammer" in Cuxhaven-Duhnen ein Stück weit mit in diese Arbeit nehmen. Ich werde natürlich aus dem Buch erzählen, aber es soll keine klassische Lesung werden, bei der ich zwei Stunden hinter einem Tisch sitze und vorlese. Abschließen möchte ich mit dem Interview eines Serienmörders, das ich vor einigen Jahren mit ihm führen konnte, nachdem es mir gelungen war, seine Mordserie aufzuklären. Ich möchte anhand tatsächlicher Fälle zeigen, wie Ermittler und Fallanalytiker denken, welche Bedeutung manchmal scheinbar nebensächliche Spuren haben - und weshalb der erste Eindruck durchaus in die falsche Richtung führen kann. Ein paar Überraschungen sollten wir uns allerdings für Donnerstagabend aufheben.

Vielen Dank, Herr Petermann!

Info: Der Abend mit Axel Petermann mit dem Titel "Die Psyche des Bösen" beginnt am Donnerstag, 8. Oktober, um 20 Uhr im Saal "Windjammer" im Haus der Kurverwaltung in Duhnen. Ein Eintrittsgeld wird erhoben.

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Maren Reese-Winne

Redakteurin
Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

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