Aufruf zur Solidarität im Cuxland: "Wer wegschaut, macht sich mitschuldig"
Menschen mit Behinderung weht ein harter Wind entgegen, Diskriminierung wird offen ausgelebt und Teilhabe als Luxus dargestellt. Wir haben Jürgen Wintjen, den Vorsitzenden des Inklusionsbeirats im Kreis Cuxhaven, um eine Einordnung gebeten.
Herr Wintjen, seit dem 26. März 2009, also seit 17 Jahren, ist die UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland geltendes Recht. Doch zum Beispiel im Bildungssystem, im Berufsleben, beim Wohnen und im Gesundheitswesen gibt es immer noch große Versorgungslücken; Diskriminierung ist an der Tagesordnung. Wie ist Ihre Einschätzung dazu?
Mit der Anerkennung der UN-BRK durch die Bundesrepublik hat diese Gesetzeskraft. Leider kennen viele Menschen, insbesondere in Menschen verantwortlichen Positionen, die UN-BRK kaum oder überhaupt nicht. Solange die Nichtbeachtung ohne Konsequenzen bleibt, wird sich wenig ändern, leider.
Was haben sie als besonders schönes Beispiel für ein Inklusionsprojekt im Landkreis vor Augen und wo müsste noch zugelegt werden?
Da freue ich mich, mehrere Projekte nennen zu können:
- Den Neubau des Gästehauses des der BBS Cadenberge. Das Haus ist komplett barrierefrei, verfügt auch über barrierefreie Zimmer zur Übernachtung.
- Den Neubau der Oberschule "Achtern Diek" in Dorum. Die Schule ist ebenfalls komplett barrierefrei. Bei beiden Baumaßnahmen war unser Beirat von Anfang an beteiligt.
- Die Veranstaltung "Cuxland-Talk" im letzten Jahr unter dem Motto "Warum Vielfalt so wichtig ist". Hier kamen Betroffene zu Wort und berichteten über ihre Erfahrungen mit Inklusion.
- Das Projekt "Wie barrierefrei sind unsere Gemeinden" in Zusammenarbeit mit dem Schülerrat und der Schulleitung der Grundschule Lunestedt. Die Schüler haben zusammen mit den Lehrkräften den Ort begangen, um zu schauen, wo es an Barrierefreiheit mangelt. Das Ergebnis war überraschend positiv. Negativ aufgefallen waren die nicht barrierefreien Spielplätze.
Es gibt im ganzen Landkreis nur einen einzigen barrierefreien Spielplatz - in der Stadt Cuxhaven. Eine Abfrage bei allen Kommunen hat dieses Ergebnis ergeben. Hier besteht also Handlungsbedarf. Dabei wäre ein erster Schritt, Spielplätze barrierefrei erreichbar zu machen und zumindest ein barrierefreies Spielgerät zu installieren.
Wie gut wird Ihrer Meinung nach der Inklusionsbeirat in der Kreisverwaltung und -politik wahrgenommen und beteiligt?
Da hat sich in den letzten fünf Jahren viel getan. Unser Beirat wird von der Kreisverwaltung und der Politik gut wahrgenommen. In den meisten Fällen erfolgt eine Beteiligung (wir sind aber auch wachsam). Die Politik nimmt sich unserer Themen an. Besonders erwähnen möchte ich hier die Unterstützung durch den Landrat.
Der Ausschluss von Kindern mit Behinderungen vom Regelschulsystem stellt aus Sicht von Experten oft den Auftakt "lebenslanger Exklusionsketten" (also: schlechtere Berufschancen, wirtschaftliche Not, weniger Teilhabe) dar. Was muss sich verändern, damit Inklusion in der Schule leichter und selbstverständlicher wird?
Es muss ein gutes Übergangskonzept von Kita zur Schule geben. Erziehungsberechtige müssen vor Schulbeginn eine gute Beratung bekommen, um zu entscheiden, ob der Besuch der Regelschule für das Kind das Beste oder der Weg zu einer Förderschule richtig ist. Die Schulen müssen besser auf "Inklusionskinder" vorbereitet werden. Schulassistenzen sind wichtig für das Gelingen, dabei muss genau hingeschaut werden, ob für jedes Kind eine Schulassistenz erforderlich oder eine Poolbildung zielführender ist.
In den sozialen Netzwerken sehen sich Menschen mit Behinderungen oder ihren Familien unverhohlenen Angriffen und Übergriffen ausgeliefert, mit denen sie als unwerte Mitglieder der Gesellschaft und Kostentreiber dargestellt und sogar mit dem Tod bedroht werden. Wie kann sich die Gesellschaft dagegen wappnen und sich solidarisieren?
Die Gesellschaft - also WIR - muss den Betroffenen zur Seite stehen, nicht nur mit Worten, auch mit Taten. Wegschauen hilft nicht, dann macht man sich mitschuldig. Wir müssen immer wieder deutlich machen, dass jeder jederzeit von einer Behinderung betroffen sein kann.
Nach Angaben des Rats der Europäischen Union sind Menschen mit Behinderungen EU-weit um 50 Prozent stärker von Armut und sozialer Ausgrenzung bedroht und bekommen zudem die Lücken in der medizinischen Versorgung besonders stark zu spüren. Dennoch drohen Kürzungen bei den Sozialleistungen. Wie vermitteln Sie anderen, dass Teilhabe kein Luxus ist?
Teilhabe ist ein Menschenrecht. Behinderte Menschen erhalten keine Almosen, sondern Nachteilsausgleiche. Warum soll ein behinderter Mensch zum Beispiel den Hintereingang zu einem Gebäude nutzen, nur weil der Vordereingang nicht barrierefrei ist? Letztendlich sagt Artikel 3 unseres Grundgesetzes, dass niemand aufgrund seiner Behinderung diskriminiert werden darf. Keine Möglichkeit der Teilhabe bedeutet Diskriminierung!
Wie bewerten Sie für Menschen aus dem Landkreis die Zugangsmöglichkeiten zum ersten Arbeitsmarkt und kennen Sie Beispiele, wo das bestens läuft?
Der Zugang zum ersten Arbeitsmarkt ist schlecht, kaum vorhanden, daher kann ich keine guten Beispiele nennen.
Ohne Handy und PC geht im Alltag, etwa beim Fahrkartenkauf, aber auch beim Zugang zu ärztlicher Versorgung, fast gar nichts mehr. Was sind die Konsequenzen für Menschen mit geistiger Behinderung, Demenz oder wirtschaftlicher Not? Ist die Digitalisierung Fluch oder Segen? Welche Hilfen gibt es?
Digitalisierung ist Fluch und Segen zugleich. Wenn die Technik funktioniert, kann zum Beispiel ein nicht sehender Menschen wichtige Informationen hören/abhören. Menschen mit geistige Behinderung bedürfen der Unterstützung durch Dritte. Der Zugang zur ärztlichen Versorgung scheitert für behinderte Menschen nicht nur an der Digitalisierung, sondern oft schon alleine daran, dass die Arztpraxen nicht barrierefrei erreichbar und selbst nicht barrierefrei sind. Wenn etwa ein Rollstuhlnutzer zum Zahnarzt muss, dann gestaltet sich in der Zahnarztpraxis die Umsetzung vom Rollstuhl auf den Behandlungsstuhl oft als schwierig.
In Cuxhaven geht der Bau der Cuxland-Halle ihrem Ende entgegen. Konnten Sie mitgestalten? Wie barrierefrei wird die Halle für Aktive und Zuschauer?
Von Anfang an, also mit Beginn der ersten Planungen, wurde unser Beirat beteiligt. Die neue Halle wird für Aktive und für Zuschauer barrierefrei sein. Nicht nur, dass es ausreichend Behinderten-WCs gibt und ein Aufzug vorhanden ist; mit dem "Glasfußboden" (Spielfeld) wird auch eine barrierefreie Spielfläche geschaffen.
Sie waren wesentlich am barrierefreien Umbau des Kreistags-Saals beteiligt. Wie gefällt Ihnen das Ergebnis und welche öffentlichen Räume und Gebäude sollten als nächstes verändert werden?
Auch hierbei wurde unser Beirat von Anfang an eingebunden. So haben wir durch unsere Beratung für die bauliche Barrierefreiheit gesorgt, insbesondere, dass es eine "Hublift-Treppe" zum Erreichen der Bühne, eine elektrisch höhenverstellbares Rednerpult, einen rollstuhlgeeigneten Teppichboden, Hör-Ringschleifen (für Hörbehinderte) und automatische Türöffnersysteme zum Sitzungsaal und der Zuschauertribüne gibt. Auf der Tribüne wurde Platz für Rollstuhlnutzer geschaffen. Wir wurden sogar beim Aussuchen des Mobiliars beteiligt. Als nächstes wird der Haupteingang zum Kreishaus barrierefrei gestaltet, Zug um Zug dann das ganze Gebäude.
Alle öffentlichen Verwaltungen sollten barrierefrei erreichbar sein und auch innen barrierefrei sein. In jeder Kommune sollte es an zentralen Plätzen öffentliche WC Anlagen mit Behinderten-WC geben, die unabhängig von Öffnungszeiten genutzt werden können.
Was haben die Menschen im Landkreis Cuxhaven vom Inklusionsbeirat? Wie können sie mitmachen und wo ihre Anliegen einbringen?
Für alle Menschen sind wir Ansprechpartner. Dabei geht es nicht nur um bauliche Barrierefreiheit. Inklusion ist viel mehr. Wir geben Hilfe zur Selbsthilfe, stellen Kontakte her, sind oft der "Türöffner". Wir beraten und informieren bei Problemen und unterstützen, soweit es uns möglich ist. Wichtig dabei: Wir dürfen keine Rechtsberatung machen und tun dies auch nicht. Menschen können zu unseren öffentlichen Sitzungen kommen, dort Informationen erhalten, Fragen stellen. Leider wird davon wenig Gebrauch gemacht. Telefonisch und per E-Mail sind wir fast immer erreichbar. Wir geben der Politik "Denkanstöße" zur Verbesserung der Situation behinderter Menschen. Anfang 2027 erfolgt die Neuwahl des Beirates, der Landkreis wird dazu rechtzeitig aufrufen. Interessierte können sich dann zur Wahl stellen.
Wofür wird am 5. Mai, dem Europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung, gekämpft und wird es auch Aktionen im Landkreis geben?
Es wird unsererseits keine Aktion geben, mangels "Manpower" und Finanzmittel. Wir kämpfen jeden Tag für Inklusion, ehrenamtlich, manchmal sieben Tage in der Woche.
Zur Person
Jürgen Wintjen aus der Wurster Nordseeküste ist seit sechs Jahren Vorsitzender des Kreis-Inklusionsbeirats. Vor dem Renteneintritt war er 30 Jahre lang Vertrauensperson für behinderte Menschen in der Bundesagentur für Arbeit. Als nächste Beirats-Projekte auf Kreisebene nennt er unter anderem Erleichterungen für die Entsorgung von Inkontinenz-Hilfsmitteln, die Schule am Meer und barrierefreien Wohnungsbau. Das Pendant des Inklusionsbeirats ist in der Stadt Cuxhaven der Beirat für Menschen mit Behinderungen.
