Vor Gericht in Nantes beteuerte der „Maskenmann“ seine Unschuld im Fall Jonathan. In Deutschland sitzt er bereits wegen dreifachen Kindsmordes lebenslang im Gefängnis. Foto: David Hecker Pool
Vor Gericht in Nantes beteuerte der „Maskenmann“ seine Unschuld im Fall Jonathan. In Deutschland sitzt er bereits wegen dreifachen Kindsmordes lebenslang im Gefängnis. Foto: David Hecker Pool
Fall Dennis aus Wulsbüttel

Nach Mordfall im Kreis Cuxhaven: "Maskenmann" auch in Frankreich verurteilt

05.06.2026

Der Fall um den "Maskenmann" erschütterte auch den Kreis Cuxhaven: Die Entführung und Ermordung von Dennis K. (9) aus dem Schullandheim in Wulsbüttel bleibt unvergessen. Nun wurde der Serienmörder auch in Frankreich zu lebenslanger Haft verurteilt.

Der sogenannte Maskenmann ließ bis zu seiner Verhaftung im Jahr 2011 Albträume wahr werden. Über Jahre hinweg überfiel der heute 55-jährige Martin N. kleine Jungen und missbrauchte sie. Drei von ihnen ermordete er nachweislich. 2012 wurde er in Stade zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Jetzt wurde auch in Frankreich ein Urteil gegen den Serienmörder gefällt: lebenslange Haft.

Martin N. musste sich vor Gericht in Nantes wegen des Mordes an dem damals zehnjährigen Jonathan im April 2004 verantworten. Der Junge wurde aus einem Schullandheim in Saint-Brevin-les-Pins in Westfrankreich entführt. Seine Leiche wurde wenige Wochen später entdeckt.

Im Prozess hatte der aus Bremen stammende Angeklagte eine Beteiligung am Tod des französischen Jungen mehrfach klar von sich gewiesen. "Ich habe das nicht getan", betonte er auch in seinem letzten Wort. Mangels konkreter Beweise plädierte die Verteidigung auf Freispruch.

Foto mit Pokemon-Plüschfigur hat sich ins Gedächtnis eingebrannt

Der Prozess erinnert an das tragische Schicksal von Dennis K. aus Osterholz-Scharmbeck. Das Foto des blonden Neunjährigen mit seiner Pokémon-Plüschfigur in den Händen hat sich ins Gedächtnis zahlreicher Menschen eingebrannt. Es zeigt Dennis mit ernstem Blick auf dem Bett sitzend. Als es am Abend des 4. September 2001 entstand, muss der Mörder schon auf der Lauer gelegen haben. Wenige Stunden später war der Neunjährige aus dem Schullandheim Wulsbüttel (Gemeinde Hagen im Bremischen im Kreis Cuxhaven) verschwunden.

Dennis war im September 2001 aus einem Schullandheim in Wulsbüttel entführt worden. Am 20. September wurde seine Leiche gefunden. Foto: Archiv

Noch gegen Mitternacht hat die Lehrerin den Jungen schlafend im Bett gesehen. Am nächsten Morgen ist er weg. Dennis verschwindet, wie er schlafen gegangen ist - barfuß, nur mit einem Pyjama bekleidet. Keiner der fünf Jungs, die mit ihm das Zimmer teilen, hat irgendetwas bemerkt. Das Gebäude war verschlossen, nur ein Fenster war auf Kipp geöffnet. Es sei völlig mysteriös, wie der Junge aus dem Schullandheim verschwinden konnte, sagte die Polizei damals. Die Bevölkerung steht unter Schock.

Pilzsammler finden Leiche erst zwei Wochen später

Eine beispiellose Suche beginnt. Über 200 Polizisten durchkämmen tagelang mit Spürhunden den Wald, Hunderte Jäger mit ihren Jagdhunden, Bundeswehrsoldaten und Feuerwehrleute helfen. Das ganze Dorf ist auf den Beinen. Ohne Ergebnis. Erst zwei Wochen später, am 19. September, findet ein Pilzsammler die kaum bekleidete Leiche des Jungen 40 Kilometer entfernt, in einem Gebüsch in der Nähe von Kirchtimke bei Zeven im Kreis Rotenburg/Wümme. Eine DNA-Analyse gibt die traurige Gewissheit: Bei dem toten Jungen handelt es sich um Dennis K. Der Junge wurde erstickt, nachdem er sexuell missbraucht worden war. "Wir werden Dennis nicht vergessen", sagte die damalige Pastorin Anke Diederichs bei der Beerdigung Ende September in Osterholz-Scharmbeck.

Tagelang wurde rund um Wulsbüttel nach Dennis gesucht. Dabei wurden auch Bundeswehrsoldaten aus Garlstedt eingesetzt. Foto: Archiv

Die Ermittler der anfangs 40-köpfigen Sonderkommission (Soko) "Dennis" machen sich daran, mehr als 2000 Spuren auszuwerten. Nach wenigen Wochen schält sich ein unheimliches Bild heraus, denn die Ermittler stoßen auf zahlreiche ähnlich gelagerte Missbrauchsfälle in Norddeutschland und sind sich sicher: Dennis war nicht das erste Opfer. Ein Serienmörder geht um in der Region, ein Triebtäter auf der Suche nach kleinen Jungen. Einer, der letztlich auch nicht vor Mord zurückschreckt.

Täter zeigte sich stets schwarz gekleidet und mit einer Sturmhaube

Die Soko "Dennis" erstellt ein Profilbild des Täters. Er soll zwischen 30 und 40 Jahre alt, auffallend groß und stets schwarz gekleidet sein. Immer zeigt er sich den Kindern mit einer Wollmütze, einer Sturmhaube, über dem Gesicht. Der Mann mit der Maske. So geschickt im Umgang mit Kindern, dass keines seiner Opfer schreit, auch wenn er sie aus voll belegten Schlafsälen entführt. Die Ermittler gehen davon aus, dass der Täter mit Kindern arbeitet oder gearbeitet hat.

Ab Anfang der 90er bis Anfang der 2000er Jahre schlug das Phantom immer wieder zu. 40 Missbrauchsfälle listete die Polizei auf. Der "Maskenmann" kam stets nachts. Er schlich sich in Kinderzimmer, Schullandheime und Zeltlager. Seine Vorgehensweise war immer gleich: Der Täter spionierte die Objekte aus, besaß Schlüssel oder ließ sich in den Gebäuden einschließen. Er weckte die Jungen vorsichtig, lockte sie aus den Zimmern oder belästigte sie dort.

Lange führte der Mann ein Doppelleben, ohne dass jemand Verdacht schöpfte. Tagsüber kümmerte er sich als Betreuer auf Ferienfreizeiten und in Heimen um seine Schützlinge. Nachts verwandelte er sich in den "Maskenmann".

Die Verhaftung des Täters gelang erst im Jahr 2011

Die Ermittler sind überzeugt, dass der Täter in drei Fällen seine Opfer ermordete: 1992 entführt er den 13-jährigen Stefan J. aus einem Internat in Scheeßel und bringt ihn um. Sein nächstes Opfer, den achtjährigen Dennis R., holt er 1995 nachts aus einem Zeltlager bei Schleswig. 2001 tötete er Dennis K. "Die bisherige Energie des Täters lässt leider befürchten, dass seine Aktivitäten auch nach dem Tod von Dennis weitergeführt werden", sagte im November 2001 der Soko-Leiter Uwe Jordan.

Erst 2011 konnte Martin N. in Hamburg, wo er lebte, festgenommen werden. Er gestand die Taten. 2012 wurde er vom Stader Landgericht wegen dreifachen Kindesmordes und weiteren sexuellen Missbrauchsfällen zu einer lebenslangen Haft bei besonderer Schwere der Schuld mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Das härteste Urteil, das die deutsche Justiz vergeben kann.

Französische Fahnder haben Martin N. seit 2008 im Visier

Doch die Polizei war bereits damals überzeugt, dass der ehemalige Jugendbetreuer für weitere Morde verantwortlich ist - so an dem zehnjährigen Jonathan 2004 in Frankreich. Qualvolle 22 Jahre nach der Tat saßen die Angehörigen von Jonathan, der selbst inzwischen Vater kleiner Kinder hätte sein können, dem Angeklagten im Landgericht Nantes gegenüber. Da der Fall des kleinen Jonathan Parallelen zur Tatserie in Norddeutschland aufwies, untersuchten die französischen Fahnder bereits seit 2008, ob der Deutsche für die Tat in der Bretagne infrage kommen könnte. Konkrete Beweise wie DNA-Spuren wurden aber nicht gefunden.

Ein französischer Landwirt beobachtete zwischen dem Zeitpunkt des Verschwindens von Jonathan und dem Auffinden seiner Leiche abends einen Wagen mit deutschem Kennzeichen in der Nähe eines Teichs, der dort anscheinend etwas ausladen wollte, dann aber wegfuhr. Der Landwirt war mit seinem Schäferhund unterwegs. Und 2017 berichtete ein Mitgefangener, Martin N. habe ihm gestanden, in Frankreich ein Kind getötet zu haben - und dabei auch von einem Zeugen berichtet, der mit einem Schäferhund unterwegs war. Dabei handelte es sich um ein Detail, das nie in der Öffentlichkeit kommuniziert worden war.

Während des Prozesses in Nantes waren französische und deutsche Ermittler sowie psychiatrische Sachverständige befragt worden, die den Angeklagten während einer vorübergehenden Verlegung in eine französische Haftanstalt befragt hatten. Außerdem sagten der französische Zeuge und per Videoschalte auch der Mithäftling aus, der ihn belastet hatte. Der "Maskenmann" selbst hatte während des Prozesses an etlichen Tagen umfänglich Antwort auf die Fragen des Gerichts gegeben - und zugleich Einblicke in seine verstörende Welt gegeben.

Von Tobia Fischer

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