Bangen um Jugendherberge in der Wingst: Zwischen Risiko und letzter Chance ...
Rettet die Gemeinde Wingst die Jugendherberge? Nach der Ankündigung des Jugendherbergswerkes, am Jahresende die Türen zu schließen, muss sich der Rat entscheiden, ob jetzt die Kommune einspringt. Doch dort zögert man.
Der Wille ist da, aber auch die Furcht: Was bedeutet es für die Gemeinde Wingst, wenn sie einspringt und den Betrieb der Jugendherberge weiterführt? Zum Jahresende will das Jugendherbergswerk Nordmark die Türen schließen. Jetzt laufen hinter den Kulissen Gespräche über ein Engagement der Gemeinde ab Jahresbeginn oder März 2027. Doch das Vorhaben ist umstritten.
Im Februar sickerte - wie berichtet - die Nachricht durch, dass der Herbergsbetrieb nach 88 Jahren eingestellt werden soll. Das Jugendherbergswerk führte dafür wirtschaftliche Gründe ins Feld und verwies in diesem Zusammenhang unter anderem auch auf einen hohen Investitionsbedarf für den Gebäudekomplex, der Platz für mehr als 200 Gäste aufweist.
"Gesamtnetz nicht belasten"
"Jugendherbergen, die dauerhaft nicht kostendeckend betrieben werden können, dürfen das Gesamtnetz nicht langfristig belasten. Somit ist die Schließung leider unumgänglich geworden", hatte Thies Grothe (Vorsitzender des DJH-Landesverbandes Nordmark) Anfang Februar erklärt. Er sprach von einer "Quersubventionierung", um den Betrieb in der Wingst zu ermöglichen. Es sei ein "zweistelliger Millionenbetrag" für eine Generalsanierung notwendig. Die Refinanzierung aus dem laufenden Betrieb wäre jedoch nicht möglich. Daher habe man sich "schweren Herzens" zur Schließung entschlossen.
Die Blütezeit der Jugendherberge in der Wingst ist lange vorbei. Von den 27.000 Übernachtungen zur Jahrtausendwende ist man dort inzwischen weit entfernt. In erster Linie handelt es sich um Schülerinnen und Schüler, die mit ihren Lehrern die Wingst ansteuern. Vor vier Jahren waren es nach der coronabedingten Delle noch knapp 18.000 Übernachtungen.
Von diesen Zahlen war bei der jüngsten Ratssitzung in der Wingst keine Rede mehr. Bei der "Tourismus GmbH Wingst" führt Dr. Pierre Grothmann Regie und hat sich - neben seiner Tätigkeit als Chef des Wingster Waldzoos - intensiv mit den Zukunftsperspektiven der Jugendherberge beschäftigt. Im Wingster Gemeinderat berichtete er von Verhandlungen mit dem Jugendherbergswerk. Der letzte Stand: Dort könne man sich vorstellen, dass die Kommune die Jugendherberge ab Jahresbeginn oder dem 1. März 2027 zunächst pachtfrei für drei Jahre betreibe.
Keine "Freudensprünge" im Kreishaus
Der Wingster Bürgermeister Patrick Pawlowski ergänzte, dass es Gespräche mit der Kommunalaufsicht (Landkreis) und der Samtgemeinde Land Hadeln gegeben habe. "Freudensprünge" habe es bei der Kommunalaufsicht angesichts der Übernahmepläne nicht gegeben. Über eine finanzielle Beteiligung der Samtgemeinde sei - so Pawlowski auf Nachfrage - bislang nicht konkret gesprochen worden. Er sehe in der Möglichkeit, in einer Art Testbetrieb drei Jahre lang die Zukunftsaussichten auszuloten, jedoch eine Chance: "Wir würden uns dadurch Zeit verschaffen." Die Gemeinde werde sicherlich nicht eine "Blackbox" übernehmen.
Risiko würde auf Gemeinde übergehen
Grothmann erklärte, dass ein erster Vertragsentwurf vorliege, der zum einen eine dreijährige Pachtfreiheit, aber zum anderen auch die "Übernahme der unternehmerischen Risiken" in dieser Zeit durch die Wingst vorsehe. 2023/2024 habe es rund 16.000 Übernachtungen gegeben: "Wir gehen jetzt einmal von einer Basis von 12.000 Übernachtungen aus."
Zugleich schränkte er jedoch ein, dass es problematisch sei, von einer verlässlichen Grundlage zu sprechen. Dies wohl auch vor dem Hintergrund, dass das Herbergswerk bereits Stornierungen vorgenommen habe, da eigentlich der Betrieb zum Jahresende eingestellt werden solle. Daher habe man in der Wingst inzwischen eine Liste mit rund 500 Schulen zusammengestellt, die kurzfristig kontaktiert werden könnten und sollten, falls die Gemeinde einspringt.
SPD moniert fehlende Kalkulationen
Aber geschieht das? Insbesondere in der SPD-Fraktion wurde auf der Ratssitzung Kritik laut, dass den Ratsmitgliedern keine Zahlen vorliegen würden. Für Fraktionschef Michael Schlobohm ist es zudem fraglich, warum die Wingst die Jugendherberge in eine Gewinnzone von angeblich 150.000 bis 200.000 Euro führen solle, wenn dies das Herbergswerk nicht geschafft habe: "Wieso sollten wir besser wirtschaften können?"
Dr. Pierre Grothmann kennt zwar Zahlen, aber betonte gleichzeitig: "Ich kann auch nicht in die Glaskugel blicken." Zugleich verwies er auf einen Zeitdruck, unter dem das Projekt stehe. Neben der Akquise von Besuchergruppen gehe es auch um das Personal, das dort beschäftigt werden müsste. Daher sei es fraglich, ob sich erst der neue Rat nach seiner Konstituierung im November mit diesem Thema beschäftigen könne oder ob es dann schon zu spät sei. Es müsse eine Planungssicherheit geben, um agieren und um Besucher werben zu können.
Eine Entscheidung fiel auf der Ratssitzung in dieser Woche jedoch (noch) nicht.
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