Während bundesweit über eine Million Strafverfahren unerledigt sind, bewältigen die Gerichte in der Region steigende Fallzahlen und die Umstellung auf die E-Akte. Foto: dpa/Arne Dedert
Während bundesweit über eine Million Strafverfahren unerledigt sind, bewältigen die Gerichte in der Region steigende Fallzahlen und die Umstellung auf die E-Akte. Foto: dpa/Arne Dedert
Überlastete Gerichte

E-Akte fordert Justiz im Kreis Cuxhaven: Wie viele Strafverfahren sind unerledigt?

von Denice May | 26.02.2026

Die Zahl unerledigter Strafverfahren hat einen neuen Höchststand erreicht. Laut Deutschem Richterbund sind Gerichte und Staatsanwaltschaften massiv überlastet. Wie sieht es beim Amtsgericht Cuxhaven und Otterndorf sowie beim Landgericht Stade aus?

Nach Angaben des Deutschen Richterbundes hat die Zahl der unerledigten Strafverfahren Ende 2025 erstmals die Marke von einer Million überschritten. Seit 2020 ist der Bestand offener Verfahren um fast 50 Prozent gestiegen. Der Bundesgeschäftsführer des Richterbundes, Sven Rebehn, spricht von einer strukturellen Überlastung der Justiz. Bundesweit fehlten rund 2000 Staatsanwälte und Strafrichter. 2025 mussten zudem 50 dringend Tatverdächtige aus der Untersuchungshaft entlassen werden, weil gesetzliche Fristen überschritten wurden. Doch wie stellt sich die Lage in der Region dar - an den Amtsgerichten Cuxhaven und Otterndorf sowie am Landgericht Stade?

Hohe Belastung im Amtsgericht Cuxhaven

Am Amtsgericht Cuxhaven sind im Jahr 2025 insgesamt 413 Strafverfahren neu eingegangen, einschließlich Ordnungswidrigkeiten und Jugendsachen. Zum 31. Dezember 2025 waren 261 Verfahren anhängig. Die Zahl der Hauptverhandlungen wird statistisch nicht gesondert erfasst. Nach Angaben von Direktor Andreas Frank verhandeln die Strafrichter "nahezu täglich, und meistens haben sie mehrere Verhandlungen am Tag". Die Situation beschreibt Andreas Frank deutlich: "Die Belastungssituation des Gerichts bewerte ich aktuell als sehr hoch." Ein wesentlicher Grund sei der Transformationsprozess hin zur elektronischen Aktenführung. Dieser sei "- ohne Übertreibung - eine Jahrhundertaufgabe, die die Justiz derzeit vor große Herausforderungen auf verschiedenen Ebenen stellt". Zugleich weist der Direktor darauf hin, dass die bestehende Belastungsstatistik diese zusätzlichen Aufgaben nicht abbildet, da sie "auf überholten Arbeitsabläufen" beruhe.

Mit Blick auf mögliche Lösungen wird er grundsätzlicher. "Der Umstellungsprozess auf elektronische Aktenführung muss schnell und sicher abgeschlossen werden", fordert er. Zudem sollten digitale Möglichkeiten konsequenter genutzt werden: "Insbesondere durch Vermeidung von Medienbrüchen und gegebenenfalls Einsatz geeigneter KI-Werkzeuge". Auch die Ausstattung müsse stimmen: "Die ausreichende personelle und sachliche Ausstattung der Gerichte muss gewährleistet sein." Darüber hinaus sieht Andreas Frank Anpassungsbedarf im Verfahrensrecht. "Die Verfahrensordnungen - insbesondere die Strafprozessordnung - müssen besser auf die digitale Aktenführung abgestimmt werden."

Leichter Anstieg, aber keine Rückstände in Otterndorf

Am Amtsgericht Otterndorf sind 2025 insgesamt 404 neue Verfahren in der Strafabteilung eingegangen. Zum Jahresende waren 105 Verfahren anhängig. Zum Vergleich: Am 31. Dezember 2024 lag der Bestand bei 83 Verfahren. Im Laufe des Jahres 2025 wurden 382 Verfahren erledigt. Auch hier wird die Zahl der Hauptverhandlungen statistisch nicht gesondert erfasst. Richterin Sabine Deutschmann verweist auf strukturelle Besonderheiten kleinerer Gerichte. "In kleinen Amtsgerichten kennt man die Angeklagten oft und kann Strafsachen zusammenlegen. Das fördert die Effizienz", sagt sie. Die Einführung der elektronischen Akte habe jedoch auch in Otterndorf zusätzliche Anforderungen mit sich gebracht. "Es sind anspruchsvolle Zeiten - auch wegen der massiven technischen Veränderungen im letzten Jahr durch die Einführung der elektronischen Akte", so Sabine Deutschmann. Aber: "Bisher kommen wir unter Aufbietung aller Kräfte mit der Belastung zurecht." Von strukturellen Rückständen will sie nicht sprechen. "Wir haben in der Strafabteilung keine Verfahrensrückstände", betont sie. Der leicht gestiegene Bestand erkläre sich dadurch, dass Verfahren "einige Monate laufen, bis wir sie erledigt haben". Zudem habe es im Zuge der Einführung der E-Akte Verschiebungen zwischen Eingängen und Erledigungen gegeben.

Viele Haftsachen und Großverfahren beim Landgericht Stade

Am Landgericht Stade wurden im Jahr 2025 insgesamt 255 neue Strafverfahren registriert. Zum 31. Dezember 2025 waren 237 Verfahren anhängig. Eine Statistik zur Zahl der Hauptverhandlungen wird nicht geführt. Der stellvertretende Pressesprecher des Landgerichts, Richter Benedikt F. Witte, beschreibt die aktuelle Situation so: "Die Strafkammern des Landgerichts Stade bewältigen derzeit eine Vielzahl anspruchsvoller Verfahren." Insbesondere "zahlreiche Haftsachen sowie Groß- und Umfangsverfahren, die sich über mehrere Monate erstrecken und eine hohe Verhandlungsdichte erfordern", würden "engagiert und mit großem Einsatz bearbeitet". Als Reaktion auf die gestiegene Arbeitsbelastung sei geplant, eine weitere Strafkammer einzurichten.

Im bundesweiten Vergleich auf niedrigem Niveau

Im bundesweiten Vergleich bewegen sich die Fallzahlen der Region auf einem deutlich kleineren Niveau. Dennoch zeigen die Angaben, dass die Arbeitsdichte auch vor Ort hoch ist. Während in Cuxhaven von einer "sehr hohen" Belastung die Rede ist, spricht man in Otterndorf von "anspruchsvollen Zeiten". Das Landgericht Stade verweist auf die besondere Intensität von Haftsachen und umfangreichen Verfahren. Bundesweit fordert der Deutsche Richterbund mehr Personal und Investitionen. Auch in der Region spielt die Digitalisierung eine zentrale Rolle. Die Umstellung auf die elektronische Akte nimmtaktuell zwar erhebliche Ressourcen ein, soll langfristig aber zu effizienteren Abläufen führen.

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Denice May

Redakteurin
Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

dmay@no-spamcuxonline.de

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