Diese fünf Gemälde erwarb Fernando Valero, ohne zu ahnen, dass sie von der fast vergessenen Bremerhavener Malerin Marie Bock stammen. Foto: Polgesek
Diese fünf Gemälde erwarb Fernando Valero, ohne zu ahnen, dass sie von der fast vergessenen Bremerhavener Malerin Marie Bock stammen. Foto: Polgesek
Ausstellung eines Zufallsfundes

Kunstschatz vom Trödelmarkt: Vergessene Malerin aus Bremerhaven wiederentdeckt

11.07.2026

Eigentlich wollte er nur Bilderrahmen kaufen - die Signatur der gerahmten Bilder ließ Fernando Valero jedoch stutzen. Die fünf auf einem Flohmarkt entdeckten Schätze werden nun in der Hansestadt ausgestellt.

"Das war ein Zufall", sagt Fernando Valero, der vor einem Jahr die Atelier-Galerie "Art Impressions" in der "Alten Bürger" 153 eröffnet hat. Seitdem lädt der gebürtige Ecuadorianer, der seit fast 30 Jahren in der Seestadt lebt und selbst Kunst macht, regelmäßig zu Ausstellungen ein. Dieses Mal präsentiert er seinen Fund vom Bremerhavener Trödelmarkt und dazu einige Ergebnisse seiner Recherchen.

Später hat Valero die Signatur neugierig gemacht

Fünf Ölgemälde hat Valero vor gut einem halben Jahr auf dem Flohmarkt bei Ikea entdeckt. "Mir gefielen die alten Rahmen", sagt er. Die Werke selbst schaute er sich gar nicht näher an. Im Paket mit weiteren - leeren - Rahmen - erstand er die Arbeiten. Den Preis verrät er nicht. Aber er erzählt, dass ihm später die Signatur auf den Gemälden aufgefallen ist: Marie Bock. So stand es auf den beiden Blumenstillleben und der Landschaftsmalerei, und auch die zwei Porträts, die einen Mann und eine Frau mittleren Alters zeigen, stammen von der Künstlerin. Die Stillleben und das Landschaftsgemälde zeigen ein gutes Gespür für Komposition, Licht und die Schönheit der Natur. Doch wer war Marie Bock?

Das farbenreiche Blumenstillleben zeigt Marie Bocks feines Gespür für Komposition, Licht und die Schönheit der Natur. Foto: Polgesek

Valeros Recherchen ergaben, dass es sich bei der Künstlerin um Catherine Wilhelmine Marie Bock handelt, geborene Thormälen. Sie wurde 1864 in Bremerhaven geboren, wohnte von 1898 bis vermutlich 1902 in Worpswede und war mit den Künstlerinnen Paula Modersohn-Becker und Clara Westhoff befreundet, die rund zehn Jahre jünger waren. Einige wenige Daten über sie sind in einem kurzen Wikipedia-Eintrag zusammengefasst. Bekannt ist auch, dass Bock im Dezember 1899 gemeinsam mit Paula Modersohn-Becker und Clara Westhoff die Möglichkeit erhielt, ihre Werke in der Kunsthalle Bremen auszustellen. Doch ihre Arbeiten - und auch die von Paula Modersohn-Becker - wurden heftig kritisiert, geradezu abgekanzelt. Der Maler und Kunstkritiker Arthur Fitger (1840-1909) schrieb für die Weser-Zeitung eine Kritik, in der er den beiden ihre künstlerische Qualität absprach. Einzig Westhoff wurde Talent bescheinigt.

Valero recherchiert in Archiven über das Leben von Marie Bock

Valero tat nach seiner Entdeckung zweierlei: Er ließ die Gemälde reinigen und forschte selbst zum Leben von Marie Bock. Zurzeit plant er die Veröffentlichung einer Broschüre, in der er seine Erkenntnisse zusammenfasst. Die Dieckell-Stiftung unterstützt das Vorhaben und die Ausstellung. "Ich habe ein halbes Jahr in Archiven recherchiert", schildert er. Im Bremerhavener Stadtarchiv hat er Informationen über die Hochzeit mit Emil Bock gefunden. 1884 heiratete die 20-Jährige den Schiffsingenieur. 1889 wurde Tochter Paula geboren. Aber Marie Bock verließ den Mann und ging mit ihrer Tochter für Kunststudien in privaten Damenakademien nach München und Karlsruhe. Der Besuch einer Kunsthochschule war Frauen damals nicht möglich. Später siedelte sie nach Worpswede. Wie es um die Ehe konkret stand, konnte Valero nicht herausfinden. Der berühmte Worpsweder Maler Heinrich Vogeler schrieb in seinen Erinnerungen: "Marie Bock war die Frau eines Schiffsingenieurs, der fast immerwährend auf See war. Sie lebte vereinsamt als Malerin mit ihrer kleinen Tochter in Worpswede."

Federzeichnungen für Buch von Carl Spitteler erstellt

Später verließ sie Worpswede, zog für den Besuch der Kunstgewerbeschule nach Berlin und 1906 wieder nach Bremerhaven in die Hafenstraße 96, wie Valero im Melderegister entdeckte. "Ich glaube, um ihren schwer kranken Mann zu pflegen", sagt er. Er fand die Todesanzeige, die Marie Bock 1911 für ihren Ehemann aufgab. Doch sie blieb nicht in der Stadt, lebte danach wieder in Berlin und später bei Tochter und Schwiegersohn in Pansdorf. Und sie arbeitete als Zeichnerin und Illustratorin, finanzierte ihren Lebensunterhalt aber auch mit Weißstickereien. Unter anderem sind ihre Federzeichnungen in dem 1906 erschienenen Buch "Prometheus und Epimetheus" von Carl Spitteler zu finden. Valero hat - für mehr Geld, als die Gemälde kosteten - in einem Antiquariat ein Exemplar der seltenen, ledergebundenen Erstausgabe aufgestöbert. "Nur 20 Stück wurden damals gedruckt", sagt er. Die Zeichnungen sind als Kopien ebenfalls in der Ausstellung zu sehen.

Kopien der Federzeichnungen ergänzen die Ausstellung zu Marie Bocks Werk. Foto: Polgesek

Doch Fernando Valeros Arbeit ist noch nicht beendet. "Ich möchte gerne mit Museen in Worpswede Kontakt aufnehmen und die Bilder dort zeigen", so Valero. Das Werk von Marie Bock, die 1957 starb, ist weitgehend verschollen. Bekannt ist ein Selbstbildnis von ihr, dazu ihr berühmtestes Gemälde "Die Uhr", das einer Worpsweder Kunststiftung gehört. Jetzt sind es fünf Gemälde mehr.

Bis August zu besichtigen

Die Ausstellung "Marie Bock" ist in der Galerie Art Impressions in der "Alten Bürger" 153 bis zum 8. August zu sehen. Geöffnet ist die Galerie donnerstags und freitags jeweils von 15 bis 18 Uhr.

Von Tobia Fischer

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