Dierk Borstel nimmt in Lamstedt die gesellschaftliche Mitte in die Verantwortung
In der Börderhalle Lamstedt spricht Professor Dierk Borstel über die Gefahren des Rechtsextremismus und die entscheidende Rolle der gesellschaftlichen Mitte im Widerstand gegen menschenfeindliche Ideologien. Ein Appell an Verantwortung und Courage.
Eigentlich sollte Prof. Dr. Dierk Borstel an diesem Abend im Bördehuus sprechen. Doch dafür war die Nachfrage zu groß. Die Veranstaltung "Rechtsextremismus: Die Gefahr im Verborgenen" musste in die Börderhalle umziehen - und selbst hier wird es eng. Jeder Stuhl war besetzt.
Der Politikwissenschaftler hat sich seit drei Jahrzehnten mit Rechtsextremismus beschäftigt. Gleich zu Anfang räumt er damit auf, dass auch er keinen Fünf-Punkte-Plan, kein Rezept gegen Rechtsextreme hat.
Stattdessen lenkt Borstel den Blick hin zu denen, die auf den Stühlen vor ihm sitzen. Zur gesellschaftlichen Mitte. Denn ob Rechtsextreme stärker werden, entscheidet sich für ihn nicht allein am rechten Rand. Sondern auch daran, wie viel eine demokratische Gesellschaft bereit ist, ihnen entgegenzusetzen.
Nicht die Symbole sind entscheidend
1997 begann Borstel beim Zentrum Demokratische Kultur, später arbeitete er bei EXIT Deutschland, einer frühen Ausstiegshilfe für Menschen aus der rechtsextremen Szene.
Bevor er über aktuelle Entwicklungen spricht, klärt er deshalb zunächst, was er unter Rechtsextremismus versteht. Die Vorstellung von einer demokratischen Mitte und Extremisten an ihren politischen Rändern greife ihm zu kurz. Sie erzeuge ein bequemes Bild - die Extremisten, das seien die anderen. Rechtsextreme Einstellungen seien aber schon seit Jahrzehnten auch in der Mitte der Gesellschaft verankert.
Der Kern liege in einer "Ideologie der Ungleichwertigkeit". Menschen werden Gruppen zugeordnet, diese wiederum werden mit unterschiedlichen Wertigkeiten versehen. Dem steht das Grundgesetz fundamental entgegen. Die Würde des Menschen sei nicht davon abhängig, was jemand leistet, woher jemand kommt oder welchen gesellschaftlichen Status jemand hat.
"Rechtsextremismus kann man hören"
Zum Rechtsextremismus werde diese Vorstellung dann, wenn eine Akzeptanz von Gewalt hinzukomme. Borstel verweist auf Forderungen, Deutschland müsse künftig 20 oder 30 Millionen Einwohner weniger haben. Wer eine solche Vorstellung formuliere, müsse beantworten, wie Millionen Menschen das Land verlassen sollen. Von einem freiwilligen Weggang könne kaum ausgegangen werden.
Und wie erkennt man Rechtsextremismus? Nicht unbedingt am T-Shirt, an einer Zahl oder einem einschlägigen Symbol. "Rechtsextremismus kann man hören", sagt Borstel.
Man müsse Menschen zuhören. Hinhören, wenn von "uns" und "den anderen" gesprochen wird. Wenn Menschen abgesprochen wird, dazuzugehören. Er unterscheidet dabei zwischen einer Alten und einer Neuen Rechten. Offen nationalsozialistisch orientierte Strukturen existierten weiterhin, auch in der Region, betont er. Für die derzeitigen Herausforderungen der Demokratie hält er jedoch die Neue Rechte für entscheidender.
Wenn einfache Antworten Sicherheit versprechen
Eine Erklärung für den Zulauf rechtsextremer findet Borstel in einer Welt, in der politische Steuerung schwieriger geworden ist. Nationale Politik könne längst nicht mehr jeden Lebensbereich kontrollieren. Genau dort liege eine Stärke der Neuen Rechten. Sie verspreche Kontrolle. Sie verspreche Sicherheit. Sie vermittle den Eindruck, das eigene Leben wieder überschaubar machen zu können.
Hinzu kämen reale Unsicherheiten wie Krieg, wirtschaftliche Sorgen und Migration. Probleme, für die es keine Antwort in einem Satz gibt. Der Klimawandel werde bestritten, Migration mit "Remigration" beantwortet. Komplexität schrumpft auf eine scheinbar eindeutige Lösung zusammen.
In Sachsen-Anhalt habe er zudem erlebt, mit welcher Leidenschaft sich Anhänger der AfD engagierten. Sie seien über Jahre durch die Dörfer gefahren, hätten Veranstaltungen organisiert, zugehört und Präsenz gezeigt. "Von den Demokraten ist keiner über die Dörfer gezogen", sagt Borstel. Man habe ihnen das Feld überlassen. Dieses "Brennen", diese Leidenschaft, sei etwas, das andere Menschen wahrnehmen.
Das Spiel mit der Neutralität
Ein Besucher spricht im Anschluss an den Vortrag die Rolle großer gesellschaftlicher Organisationen an. Er kritisiert, dass sich Institutionen, die eigentlich zur demokratischen Infrastruktur gehörten, bei einer Veranstaltung für Demokratie auf ein vermeintliches Neutralitätsgebot zurückzögen. Borstel greift den Begriff auf.
Parteipolitische Neutralität bedeute nicht, gegenüber menschenfeindlichen oder verfassungswidrigen Positionen keine Haltung einzunehmen. Gerade dort müsse widersprochen und benannt werden, was mit demokratischen Grundwerten nicht vereinbar sei. "Neutralität heißt nicht, keine Meinung zu haben", betont Borstel.
Was er stattdessen beobachtet, nennt er "vorauseilende Feigheit". Institutionen und Menschen täten bestimmte Dinge schon heute nicht, obwohl ihnen noch gar keine Konsequenzen drohten - aus Sorge, dass sich morgen jemand beschweren könnte.
Das entspricht letztlich genau dem Blick, mit dem Borstel den Abend begonnen hat. Nicht ausschließlich auf "die anderen" zeigen. "Ob wir den Kampf gewinnen, entscheiden nicht die Rechten, sondern wir."
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