"Musik baut Brücken, wo Worte fehlen"
Auch die "Musikschule An der Oste" (Hemmoor) bewegt sich bei ihrer Tätigkeit im Spannungsfeld zwischen Fachkräftemangel und modernem Angebot. Im CN/NEZ-Interview wird deutlich, wie groß Aufgaben und Hürden sind.
Die Musikschullandschaft ist in Bewegung. Dort, wo die Begeisterung für Musik geweckt und gefördert wird, muss man sich zwangsläufig auch dem einen oder anderen Problem stellen. Steht ein Engpass bei der Unterrichtserteilung bevor oder ist er schon da? Ist die Finanzierung der Musikschulen abgesichert? Wie weckt man bei jungen und auch älteren Menschen das Interesse für das Erlernen eines Musikinstrumentes? CN/NEZ-Redakteur Egbert Schröder hörte sich bei der "Musikschule An der Oste" in Hemmoor um und sprach mit den Vorstandsmitgliedern Ralf Drossner (Vorsitzender), Michael Ketelhohn (2. Vorsitzender) sowie Jennifer Noack (Musikschulassistentin). In Hemmoor findet am Sonnabend, 27. Juni, übrigens auch das große Musikschulfest von 10 bis 17 Uhr statt.
An Musikschulen ist allgemein von einem "Fachkräftemangel" die Rede. Trifft das auch auf die "Musikschule An der Oste" zu - und wenn ja, wie äußert sich das konkret in der Unterrichtserteilung?
Ralf Drossner: Der Fachkräftemangel macht auch vor den Musikschulen nicht halt. Es wird zunehmend schwieriger, qualifizierte Musikpädagoginnen und Musikpädagogen zu gewinnen - insbesondere im ländlichen Raum. Aktuell gibt es einzelne Instrumentengruppen, in denen wir gerne ein Angebot schaffen oder erweitern würden, uns dafür aber die passenden Lehrkräfte fehlen. Ein wachsendes Thema ist zudem der Bereich der musikalischen Früherziehung und des Elementarunterrichts. Durch die Entwicklung hin zu verlässlichen Grundschulen entstehen zusätzliche Bedarfe. Gleichzeitig sehen wir darin aber auch eine große Chance: Je früher Kinder mit Musik in Berührung kommen, desto eher kann Begeisterung entstehen.
Nach Schätzungen und Berechnungen des Deutschen Musikrates gehen in den kommenden zehn Jahren bundesweit knapp 15.000 Musikschullehrerinnen und -lehrer in den Ruhestand. Nicht einmal ein Drittel dieser Stellen könne neu besetzt werden. Ist das auch bei der "Musikschule An der Oste" der Fall?
Jennifer Noack: Auch wir müssen uns mit dieser Entwicklung beschäftigen. Wir warten deshalb nicht ab, sondern versuchen aktiv, neue Wege zu gehen. Neben klassischen Stellenausschreibungen suchen wir gezielt den Kontakt zu jungen Musikerinnen und Musikern sowie Studierenden, beispielsweise im Umfeld der Hamburger Musikhochschulen. Unser Standort Hemmoor ist dabei attraktiv: Wir verfügen über eine gute Bahnanbindung und bieten ein Umfeld, in dem engagierte Lehrkräfte eigene Ideen einbringen und die Musikschule aktiv mitgestalten können.
Müssen Unterrichtseinheiten bereits wegen Lehrermangels gestrichen werden?
Michael Ketelhohn: Unser Ziel ist natürlich, möglichst viele Wünsche erfüllen zu können. In den klassischen Unterrichtsfächern wie Klavier, Keyboard, Gitarre oder Schlagzeug sind wir aktuell gut aufgestellt. Auch unser neuer Musikschulleiter bringt als Klavier- und Keyboardlehrer zusätzliche Kompetenz mit. Herausforderungen gibt es eher bei spezielleren Instrumenten und aktuell auch im Bereich der Blechblasinstrumente. Gerade hier möchten wir unser Angebot perspektivisch wieder ausbauen. Musiklehrerinnen und Musiklehrer sind für junge Menschen häufig auch Vorbilder - deshalb geht es nicht nur darum, Unterricht anzubieten, sondern die richtigen Persönlichkeiten dafür zu gewinnen.
Die Musikschularbeit wird nur zu einem Teil durch Gebühren finanziert. Ohne die Kommunen würde das Konstrukt nicht funktionieren. Müssen sich die Kommunen auf höhere Zuschüsse für diese freiwillige Auf- und Ausgabe einstellen?
Drossner: Eine Musikschule lässt sich nicht allein über Unterrichtsgebühren finanzieren. Ohne die Unterstützung der Kommunen wäre ein solches Bildungsangebot in der Fläche nicht möglich. Nach dem Tod unseres langjährigen Musikschulleiters Wolfgang Haack haben wir als Vorstand die Situation genutzt, um die Musikschule langfristig stabil aufzustellen. Gemeinsam mit den Samtgemeinden Börde Lamstedt, Hemmoor und Land Hadeln und dem Landkreis Cuxhaven wurden die Förderungen neu geregelt. Damit haben wir eine wichtige Grundlage geschaffen, um den Musikschulbetrieb auch in den kommenden Jahren sicherzustellen. Für einen ehrenamtlich arbeitenden Vorstand ist es entscheidend, dass eine solche Einrichtung auf einem verlässlichen Fundament steht.
Allgemein hört man, dass Musikschulen durch das sogenannte "Herrenberg-Urteil" aus dem Jahre 2024 zunehmend in die Bredouille geraten. Dabei geht es um die Arbeitsbedingungen für Honorarlehrkräfte an den Musikschulen. Diese müssten nun sozialversicherungspflichtig beschäftigt werden, um eine Scheinselbstständigkeit zu vermeiden. Wie wirkt sich das auf die Musikschule in der Praxis aus?
Drossner: Das Herrenberg-Urteil hat viele Musikschulen vor große Herausforderungen gestellt. Auch wir haben uns sehr frühzeitig mit den möglichen Konsequenzen beschäftigt. Vorstand und Musikschulleitung haben schnell gehandelt und unsere Lehrkräfte in sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse überführt. Das war organisatorisch und wirtschaftlich eine große Aufgabe, gibt der Musikschule und unseren Mitarbeitenden aber langfristig Sicherheit. Aus heutiger Sicht war es richtig, diese Entscheidung mit Weitsicht zu treffen, damit der Betrieb unserer Musikschule nicht gefährdet wird.
Abseits der Rahmenbedingungen für die Musikschularbeit stellen sich auch generelle Fragen: Warum sollte ich überhaupt ein Instrument erlernen? Was bewirkt Musik bei einem Menschen - bei jüngeren und auch älteren Menschen?
Ketelhohn: Musik ist weit mehr als das Beherrschen eines Instrumentes. Wer musiziert, entwickelt Konzentration, Ausdauer, Kreativität und Selbstvertrauen. Gerade Kinder erleben, dass regelmäßiges Üben und Durchhalten zu Erfolg führt - eine Erfahrung, die weit über die Musik hinaus wertvoll ist. Besonders wichtig ist das gemeinsame Musizieren. In einer zunehmend digitalen Welt schafft Musik echte Begegnungen. Kinder und Jugendliche lernen zuzuhören, Verantwortung zu übernehmen und Teil einer Gemeinschaft zu sein. Musik kennt keine Altersgrenze. Sie hält geistig beweglich, fördert Koordination und verbindet Menschen. Für mich ist Musik eine der schönsten Formen lebenslangen Lernens: Sie fordert uns, sie verbindet uns und sie schenkt Freude.
Wie kann die Musikschule dazu beitragen, dass Schüler und Schülerinnen nicht irgendwann die Lust verlieren, ein Instrument zu spielen, sondern auch langfristig dabeibleiben? Gibt es Wettbewerbe oder die Möglichkeit, in einem Orchester oder einer kleinen Band zu spielen?
Noack: Der Schlüssel liegt darin, Musik nicht nur als Unterrichtsstunde zu verstehen. Die Begeisterung entsteht häufig genau dann, wenn junge Musikerinnen und Musiker erleben, was sie gemeinsam mit anderen erreichen können. Deshalb möchten wir Wege vom Einzelunterricht hin zum gemeinsamen Musizieren schaffen - ob in Ensembles, Bands, Orchestern oder Musikvereinen. Dort entstehen Freundschaften und Erlebnisse, die Menschen oft ein Leben lang begleiten. Auch Auftritte und Wettbewerbe spielen eine wichtige Rolle. Dabei geht es nicht nur um Platzierungen, sondern darum, Ziele zu haben, Fortschritte zu erleben und Selbstvertrauen zu entwickeln. Die Musikschule versteht sich als Brücke zwischen Ausbildung und aktivem Musikleben in unserer Region.
Warum sollte man auch im Erwachsenenalter noch ein Instrument erlernen und erste Musikstunden nehmen? Kann ich das als "50+" überhaupt noch in einem überschaubaren Rahmen leisten? Wie geht man die Sache am besten an?
Drossner: Ganz klar: Ja. Musik kennt kein Alter. Es geht nicht darum, möglichst schnell perfekt zu werden, sondern Freude an Musik zu entwickeln. Erwachsene bringen sogar viele Vorteile mit: Sie entscheiden sich bewusst für ein Instrument, haben Geduld und Lebenserfahrung. Viele erleben schon nach kurzer Zeit, wie motivierend es ist, die ersten Stücke spielen zu können. Wichtig ist ein einfacher Einstieg: beraten lassen, Instrumente ausprobieren und gemeinsam schauen, was zu den eigenen Interessen passt. Niemand muss täglich stundenlang üben - entscheidend sind Regelmäßigkeit und Freude. Viele sagen irgendwann: "Ich wollte das eigentlich schon immer einmal machen." Dann ist genau jetzt der richtige Zeitpunkt.
Inwieweit kann Musikschulunterricht zur Inklusion und Integration beitragen?
Ketelhohn: Musik verbindet Menschen unabhängig von Herkunft, Sprache, Alter oder persönlichen Voraussetzungen. Beim gemeinsamen Musizieren zählt nicht, wo jemand herkommt - entscheidend ist, was gemeinsam entsteht. In Ensembles und Gruppen erlebt jeder: Meine Stimme zählt. Nicht alle spielen das Gleiche, aber jeder trägt zum gemeinsamen Ergebnis bei. Das ist ein wunderbares Bild für unsere Gesellschaft. Unser Anspruch als Musikschule ist es, möglichst vielen Menschen Zugang zur Musik zu ermöglichen. Musik baut Brücken, wo Worte manchmal fehlen.
Seit dem Tod von Wolfgang Haack ist die Position des Leiters der "Musikschule An der Oste" vakant. Wann kommt es zu einer Neubesetzung und welche inhaltlichen Weichenstellungen sind mit dem Wechsel für die Musikschularbeit zu erwarten?
Drossner: Die Suche nach einer neuen Musikschulleitung hat gezeigt, dass der Fachkräftemangel auch Führungspositionen betrifft. Uns war wichtig, nicht einfach eine Stelle zu besetzen, sondern eine Persönlichkeit zu finden, die die Musikschule weiterentwickeln möchte. Nach einem intensiven Auswahlprozess freuen wir uns sehr, dass Rolf Fritz zum 1. August die Leitung der "Musikschule An der Oste" übernehmen wird. In der Übergangszeit wurde die Musikschule durch den Vorstand gemeinsam mit unserer Musikschulassistentin Jenni Noack geführt. Dabei war uns wichtig, nicht nur den Betrieb aufrechtzuerhalten, sondern die Musikschule weiter sichtbar zu machen und weiterzuentwickeln. Ein schönes Beispiel dafür ist unser "Tag der offenen Tür" am Sonnabend (27. Juni): Ab 10 Uhr startet ein Musikinstrumentenflohmarkt, ab 12 Uhr spielt "Cuxland Brass" auf der Außenbühne und von 14 bis 17 Uhr präsentieren Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler das vielfältige Angebot unserer Musikschule. Wir laden alle herzlich ein, vorbeizuschauen, Instrumente kennenzulernen und die Freude an Musik selbst zu erleben.

CNV-Newsletter
Wissen, was im Cuxland los ist: Alle wichtigen Nachrichten aus der Stadt und dem Landkreis Cuxhaven direkt in Ihr Postfach. Hier für den CNV-Newsletter anmelden.