Nach Wolfsattacken im Kreis Cuxhaven: Zukunftsängste beim Ostedeich-Schäfer
Bei Wolfsangriffen in der Börde Lamstedt kamen zwei Dutzend Schafe ums Leben. Welche Folgen hat das mittel- und langfristig? Ein "Weiter so" gibt es für den Schäfer nicht. Die Attacken könnten zudem auch finanzielle Folgen für die Bürger haben.
Frank Mählmann ist sichtlich niedergeschlagen. Er sitzt am Küchentisch in Oberndorf, hält eine Tasse Kaffee in der Hand und denkt an die Geschehnisse der letzten Tage. Zwei Dutzend Schafe aus seiner Herde sind von Wölfen gerissen worden. Viel Schlaf hat er seitdem nicht bekommen, dafür aber zunehmend Zweifel. Lohnt sich die Deichschäferei an der Oste überhaupt noch? Die bürokratischen Auflagen sind hoch, der geforderte Schutzzaunbau in der Praxis nicht zu realisieren. Geben er und vielleicht auch andere Schäfer auf, trifft das auch Tausende Grundstückseigentümer; der Ostedeichverband schlägt Alarm.
Der 61-Jährige ist hauptberuflicher Schäfer. Rund 1200 Tiere gehören zu seiner Herde, die an Elbe und Oste das Gras kurzhält. Die Schafe sind keine Deko unserer Küstenregion, sondern sie sorgen durch ihren tiefen Biss für eine kurze Grasnarbe, treten keine Löcher in den Deichkörper, sondern stabilisieren vielmehr das Bollwerk gegen die Flut.
Maschinen statt "goldenem Tritt"?
Mit ihren kleinen Hufen verdichten sie den Boden schonend und verhindern das Entstehen von Löchern oder Auflockerungen. Vom "goldenen Tritt" ist immer wieder die Rede. Schwerere Tiere wie Kühe sorgen nicht für diesen Effekt. Eine maschinelle Bearbeitung des Deiches durch Balkenmäher oder Motorsensen ist ebenfalls nicht annähernd so wirksam, dafür aber personal- und kostenintensiv. Möglicherweise bleibt dem Ostedeichverband (Hemmoor), der für eine Schutzdeichlänge von 70 Kilometern zuständig ist, künftig aber dieser wesentlich teurere Einsatz von Mensch und Maschine in großen Teilbereichen nicht erspart.
Mählmann ist einer der Ostedeichschäfer, die ihre Tiere mit dem beginnenden Frühjahr zum Deich bringen und dafür eine Deichschutzentschädigung vom Verband erhalten. Rund 20 Kilometer deckt er mit 450 Tieren normalerweise ab. Aber was ist schon normal, wenn mehrere Wölfe viele seiner Schafe über Kilometer hinweg regelrecht durch die Gegend hetzen, sie töten oder so schwer verletzen, dass sie eingeschläfert werden müssen? Der Oberndorfer hatte den ersten Schock des Wolfsangriffs in der vergangenen Woche noch nicht verdaut, als es am Sonntag dieselbe Herde in Stinstedt erneut traf. Diesmal am Morgen, als die Sonne schon aufgegangen war ...
Krisenmodus bestimmt den Alltag
Was folgte, war und ist eine nervenaufreibende Abfolge an Gesprächen und organisatorischen Maßnahmen. An ein Durchschnaufen ist bei dem Schäfer nicht zu denken. Klingelt das Handy, ist er wieder von einem Moment auf den anderen voll im Krisenmodus. Um 4 Uhr ist die Nacht ohnehin vorbei. Mählmann fährt dann zum ersten seiner insgesamt acht Winderweiden-Standorte, um zu sehen, ob alles in Ordnung ist. Die Angst fährt mit.
Er würde sich gerade in dieser Zeit Hilfe von Behörden wünschen, aber stattdessen nagt an ihm die Ungewissheit, wie es denn weitergehen soll. Er vermisst klare behördliche Vorgaben auch für die nahe Zukunft. Wie soll er denn die Forderung nach einem "Grundschutz" für seine Herde erfüllen? Eine Zaunanlage 30 Zentimeter in der Erde verankern und gleichzeitig knapp einen Meter hoch elektrifizieren, damit der Wolf diese angebliche "Hürde" nicht überwinden kann - wie realistisch, wie teuer und wie nachhaltig ist das? Mählmanns Schafe grasen schließlich nicht wochenlang auf einer bestimmten Fläche. Immer wieder müssen in kurzen Abschnitten abschnittsweise Zäune umgesetzt werden. Doch wenn er den Grundschutz nicht gewährleistet? Dann bekommt er Ärger, verliert Ausgleichsansprüche und muss sich auch noch in Teilen der Bevölkerung mit dem Vorwurf auseinandersetzen, sich angeblich nicht genügend um seine Tiere zu kümmern. Ein Teufelskreis: "Das ist einfach nicht zu finanzieren und zu leisten."
Droht eine Beitragsexplosion?
Aber müsste da nicht der Ostedeichverband zumindest auf dem 20 Kilometer langen Abschnitt, den Mählmann bewirtschaftet, eingreifen? Geschäftsführer Thorsten Ratzke sieht für eine umfassende Einzäunung keine Möglichkeit. Der Verband sei zwar für den Schutzdeich an der Oste grundsätzlich zuständig, erhalte aber für laufende Maßnahmen keine Mittel. Sollten Schäfer abrücken, würde sich der finanzielle Aufwand durch den dann notwendigen maschinellen und personellen Aufwand kostenmäßig verdreifachen, wenn er denn angesichts der eingeschränkten Erreichbarkeit der Deiche überhaupt zu leisten wäre. Da die Grundstückseigentümer in der Region den Verband finanzieren, rechnet er in einem solchen Fall mit einer deutlichen Beitragsanhebung. "Das trifft dann alle", sagt Ratzke.
Frank Mählmanns Gemütslage schwankt zwischen der Sorge um seine Schafe ("...ich weiß nicht, wie viele trächtige Schafe nach den beiden Vorfällen auch noch verlammen") über die bürokratischen Hürden bis hin zur Zukunftssicherung seines Betriebes. Er wirkt ratlos. Er ist verunsichert: "Wie es jetzt aussieht, werde ich meine Tiere nicht mehr auf den Ostedeich treiben", sagt er. Für Oberdeichgräfe Werner Schröder ist das, wenn es tatsächlich so eintrifft, eine Hiobsbotschaft. Er sagt: "Das wäre ein Problem - und zwar ein sehr großes."
