"Kriegsführung ändert sich": So reagieren die Nordholzer Marineflieger
Bei den Marinefliegern in Nordholz werden millionenschwere Beträge investiert. Der Kommandeur des Marinefliegerkommandos, Flottillenadmiral Broder Nielsen, ist sicher: "Das ist kein Luxus, sondern eine sicherheitspolitische Notwendigkeit."
An der Brisanz der Sicherheitslage in Europa ließ der frisch ernannte Flottillenadmiral Broder Nielsen beim Pressetermin in Nordholz am Mittwoch keinen Zweifel. Über Russlands Angriffskrieg in der Ukraine hinaus sei die Bedrohung der maritimen Sicherheit und kritischer Infrastruktur Teil einer vornehmlich von Russland ausgehenden Zermürbungstaktik. Ziel: die NATO und die EU zu zerbrechen und die innere Stabilität zu destabilisieren.
Das alles sei nicht neu - "Muskelspiele hat es immer gegeben" - aber die Qualität habe sich verändert, die Konfrontation sei hoch technisiert und aggressiver geworden. Vor dem Hintergrund seien die millionenschweren Investitionen in Nordholz keineswegs Luxus, sondern "eine sicherheitspolitische Notwendigkeit".
Drei der acht in den USA bestellten Seefernaufklärer des Typs P-8A "Poseidon" sind bereits in Nordholz eingetroffen, weitere zwei sollen noch 2026 hinzukommen; die anderen drei ebenso baldmöglichst. Der Kommandeur hofft zudem auf eine weitere Haushaltsentscheidung in den nächsten Monaten, die die Bestellung vier weiterer dringend benötigter P-8A ermöglicht. Zum Infrastrukturausbau zählten neben dem Bau großer Hangars auch neue Simulatoren für die P-8A.
Nordholz soll zum größten NH-90-Standort weltweit werden
18 Mehrzweckhubschrauber des Typs NH-90 "Sea Lion" haben den SAR-Hubschrauber "Sea King" abgelöst; im Zulauf befindet sich der NH-90-Bordhubschrauber als Nachfolger des "Sea Lynx". Über 30 davon sollen zusammen mit dem Sea Lion Nordholz einmal zum größten NH-90-Standort weltweit machen.
Auch der Vertrag für die Beschaffung von Drohnen des Typs MQ9B "Sea Guardian" ist unterzeichnet. Für Broder Nielsen sind damit die Chancen - und die Notwendigkeit - der Beschaffung unbemannter Systeme noch längst nicht ausgeschöpft. Notwendig wäre das beispielsweise auch für den Bereich der Hubschrauber, um die Risiken gefährlicher Einsätze kurz über der Wasseroberfläche zu minimieren. "Kriegsführung ändert sich", so der Fachmann, Drohnen seien dabei ein prägender Faktor. Diese Möglichkeiten gelte es konsequent zu erschließen. Wobei der Einsatz unbemannter Systeme nicht etwa bedeute, dass diese auch ohne menschliche Steuerung auskämen.

Beschaffung und Bauarbeiten würden flankiert durch eine Fort- und Ausbildungswelle ungekannten Ausmaßes, die die Kräfte teilweise bis in die USA und in andere Länder führten. Eine unabdingbare Maßnahme: "Technik kann man kaufen, Einsatzbereitschaft muss man lernen." Im Zuge der "Personen- und Materialsynchronisation" solle der Personalbestand von zurzeit etwa 2500 Personen (davon rund 300 Zivilbeschäftigte) in Nordholz auf bald 2800, später dann bis zu 3500 Beschäftigte wachsen.
"Es ist eine Operation am offenen Herzen"
"Und das alles im laufenden Betrieb", hebt Nielsen hervor. "Es ist eine Operation am offenen Herzen." Die Professionalität und Ausdauer seiner Leute verdiene allerhöchste Anerkennung: "Ich bin auf die Truppe wirklich stolz." Ihr schreibe er auch große Verdienste an seiner Beförderung zum Admiral zu: "Ich habe das ja nicht alleine geschafft."
Der Weg zu alter Stärke folgt auf eine Phase, in der die Marinefliegerei fast schon preisgegeben worden wäre. Der Kauf der betagten P3-C-Seefernaufklärer aus den Niederlanden habe sich im Nachhinein als Glücksfall erwiesen. Sie bewahrten die Marineflieger vor der Reduzierung auf Suchaufträge und Überwachung der Ölverschmutzung. Nur dank der P3-C sei die Fähigkeit der U-Boot-Jagd in die heutige Zeit gerettet worden, so Nielsen.

Diese Fähigkeit sei heute wieder wichtiger denn je; denn die U-Boot-Jagd sei ein "Katz- und Maus"-Spiel, das immer komplizierter wird." Im Verbund mit Marinefliegern der Bündnispartner - mit denen die Zusammenarbeit sehr gut sei -, eigenen Fregatten und U-Booten überwachen und sichern die deutschen Marineflieger vornehmlich die Seegebiete im Nordatlantik, in Nord- und Ostsee, verfolgen insbesondere die Wege russischer U-Boote und müssen dabei technisch und taktisch auf der Höhe der Zeit sein.
Deutschland ist bei der U-Boot-Jagd Weltspitze
"Deutschland ist bei der U-Boot-Jagd Weltspitze, wir haben da sehr kompetente Industriepartner", unterstreicht Nielsen. Auch für die aktuellen Herausforderungen stünden hervorragend aufgestellte Unternehmen bereit - fähig dazu, Erfordernisse aufzugreifen und innerhalb kürzester Zeit in technische Innovation umzusetzen. Zu den Herausforderungen zähle auch die Sicherung der Bundeswehrstandorte vor dem Abfluss sensibler Daten sowie der Schutz vor Angriffen und Ausspähen von außen, etwa durch Drohnen. Selbst die Betrachtung der Datensicherheit im Zusammenhang mit E-Fahrzeugen aus chinesischer Produktion werde dabei nicht ausgenommen.
Die Gratulationen zu seiner Beförderung aus den umliegenden Gemeinden spiegelt nach Nielsens Erfahrung auch die enorme Bedeutung des Marinefliegerstandorts für die gesamte Region wider - inklusive der Industriebetriebe, die sich unmittelbar daneben ansiedeln wollen. Nielsen ist überzeugt, dass auch der personelle Zuwachs gelingen wird: "Wir bieten eine tolle internationale Ausbildung, moderne Infrastruktur, hochattraktive Arbeitsplätze." Die Sinnfrage brauche sich ohnehin keine Soldatin und kein Soldat zu stellen.
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