Tante Enso - das sind die Stolpersteine auf dem Weg zum großen Ziel
Sellstedt, Sievern und bald Ihlienworth - Perlen auf der Erfolgsschnur des Bremer Lebensmittel-Startups MyEnso. Doch die Gründer der Genossenschaft, Thorsten Bausch und Norbert Hegmann, denken übers Cuxland hinaus. Und müssen mit Rückschlägen leben.
Es sind vor allem die kleinen Dörfer im ländlichen Raum, die Hegmann und Bausch, Gründer und gemeinsame Geschäftsführer von MyEnso, umsatzorientiert in den Fokus nehmen. Ein Einkaufsladen existiert in diesen Dörfern nicht mehr, ein Bäcker ebenso wenig. Und auch sonst sind Verkaufsstellen Mangelware. 300 Anteilseigner pro Standort müssen schon sein. Und sobald ein geeignetes Gebäude vorhanden ist, kann es alsbald losgehen.
Schwerpunkt des genossenschaftlich organisierten Unternehmens mit derzeit rund 25.000 Anteilseignern ist aktuell Schleswig-Holstein, Niedersachsen sowie das Dreieck zwischen Thüringen, Hessen und Bayern. Aber auch für Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, NRW sind diverse Standorte "in Eröffnung". Und Rheinland-Pfalz ist mit fünf geplanten Standorten schwer im Kommen.
Der erste Tante-Enso-Laden entstand in Blender
Die Sektkorken knallten bislang nicht nur in Sellstedt (2022), Sievern (2022) und Drangstedt (2023), sondern - knapp vier Jahre zuvor - auch in der 3000-Seelen-Ortschaft Blender im Landkreis Verden. Dort steht seit September 2019 der erste Tante-Enso-Laden. Mittlerweile verfügt man bundesweit über knapp 20 Standorte, bis Ende 2023 sollen weitere hinzukommen. 2024 soll ein Standort in Ihlienworth folgen.
Bausch rechnet nach eigenen Angaben damit, dass das Bremer Start-up am Jahresende deutschlandweit 40 Mini-Supermärkte auf seine Perlenschnur gezogen haben wird. Im März 2024 wolle man mit voraussichtlich rund 50 MyEnso-Läden den "Break-even Point" erreicht haben - also jenen Punkt, an dem man kostendeckend operiert.
Doch das soll es nicht gewesen sein: "Haushaltsversorger Nummer 1 für ländliche Regionen ist das Ziel, rund 600 Läden dieser Art werden dafür benötigt", sagt Bausch. So schätzt man in der Chefetage des Unternehmens, "das ist unser Ziel für 2031 bis 2032". Bis dahin soll sich auch der Jahresumsatz von derzeit 17 Millionen Euro im Jahr 2020 weiter vervielfachen.
Auch mit Unternehmen der Pflegebranche in Kontakt
Auf dem Weg zu diesem Ziel hat das Start-up sein Konzept zu Beginn auch mit zwei großen Unternehmen der Pflegebranche verfolgt: die Convivo Gruppe aus Bremen und die Augustinum Gruppe mit Sitz in München. Dies bestätigt Bausch und spricht von dem Angebot, "Senioren durch unsere Läden die Möglichkeit zu geben, sich im eigenen Haus mit Lebensmitteln zu versorgen". Während die Convivo-Gruppe in diesem Jahr Insolvenz angemeldet hat, bleibt die Kooperation mit den Münchenern bestehen. Mittlerweile gibt es Tante-Enso-Läden in Augustinum-Einrichtungen in München, Bad Neuenahr und Stuttgart.
Unerlässlicher Grundpfeiler im Geschäftskonzept von MyEnso sind finanzkräftige Investoren. Sie halten nicht nur große Pakete an Anteilen - manche von ihnen millionenschwer - sie kaufen auch preiswert geeignete Grundstücke, ziehen rasch Neubauten hoch oder gestalten Bestandsgebäude derart um, dass der jeweilige Mini-Supermarkt an den Start gehen kann. "Wir sind dabei immer nur Mieter", betont Bausch.
Selbst eine Mini-Mall mit Tante-Enso-Laden war mal geplant
Dabei denkt Enso über den Dorfladen hinaus. "Einem Ort fehlt es an mehr als nur an Lebensmittelnahversorgung: Bäcker, Apotheken, Finanzdienstleistung, aber vor allem das Zentrum als Treffpunkt und gesellschaftliche Mitte - alles fehlt", sagt Bausch. Deshalb hatte man in Blender noch bis Frühjahr dieses Jahres eine Tante-Enso-Mini-Mall geplant: mit Tante Enso, Bäcker, Café, regionalem Frischebereich, Marktplatz und sogar mit Jugendzentrum - alles auf insgesamt 800 Quadratmetern Fläche. Und direkt neben einem Neubaugebiet. Auch die Integrierung des Seniorenlebens habe Enso mit berücksichtigt. Ein Bauunternehmen aus Wien mit dessen Architekten wurde von den Bremern an den Start gebracht und stellte alternative Pläne vor. Doch aus der Mini-Mall wurde nichts, die Gemeinde erklärte die Zusammenarbeit mit dem Projektpartner im Frühjahr 2023 für beendet. Thorsten Bausch spricht auf Anfrage von einem "fehlenden gemeinsamen Nenner".
Begeisterung übers Konzept auch in Schnega
Den Tante-Enso-Laden in Blender gibt es nach wie vor, sehr zur Freude von Bürgermeister Patrick Rott: "Wir sind in unseren kleinen Dörfern auf Nahversorgung angewiesen", sagt der Christdemokrat. Zu den Entwicklungen rund um die Mini-Mall möchte sich Rott nicht äußern.
Auch in Schnega (Landkreis Lüchow-Dannenberg) ist Tante Enso wichtiger Bestandteil des dörflichen Lebens. Bürgermeisterin Annegret Gerstenkorn: "Für die Versorgung der älteren Bevölkerung ist der Dorfladen mit Poststelle wichtig, durch die Einkaufsmöglichkeit rund um die Uhr ist er auch attraktiv für junge Familien und Berufstätige", erklärt die Christdemokratin. Im vergangenen Monat habe es zwar kurzfristig Engpässe im Angebot einiger Produkte gegeben, doch die Grundversorgung, unter anderem mit regionalen Produkten, sei immer sichergestellt gewesen.
Mittlerweile rollen die Versorgungslaster wieder
Von Versorgungsengpässen, die zustande gekommen sind, weil sich eine Zahlung über rund zweieinhalb Millionen Euro von einem Unternehmer verzögert hatte, der am Start-up Anteile im Gesamtwert eines "unteren zweistelligen Millionenbetrags" erworben hatte, wissen auch die Ortsbürgermeister der Tante-Enso-Standorte im Cuxland. Mittlerweile läuft die Belieferung mit Lebensmitteln über eine Bremer Spedition und über regionale Händler wieder reibungslos. Immer wieder rollen entsprechende Fahrzeuge vor.
Dennoch kommt das Bremer Unternehmen nicht überall so gut voran, wie man es angekündigt beziehungsweise sich gewünscht hat. Beispiel Lintig: Obwohl die Zahl der notwendigen Anteilseigner mit rund 350 deutlich überschritten ist, fehlt nach wie vor die passende Betriebsstätte in Lintig. Diverse Bestandsgebäude und auch Grundstücke wurden besichtigt und bewertet, doch bislang war nichts dabei, was passen könnte. Dies bestätigt Thorsten Bausch. Der Standort alte Feuerwehr Lintig sei mittlerweile aus dem Rennen, weil es Schwierigkeiten bezüglich der Parkplätze gegeben habe, ein Teil des Gebäudes auf ein Nachbargrundstück rage, die Nachbarschaft nicht ganz glücklich mit dem Standort gewesen sei und der Umbau enorm teuer geworden wäre. Weitere Bauland-Angebote aus der Ortschaft wurden allesamt gesichtet, würden sich wegen der aktuell sehr hohen Baukosten jedoch nicht rechnen können, erklärt der Geschäftsführer, ohne die Standorte zu nennen. Am Montag, 19. Juni, 19.30 Uhr, will Bausch die auf "ihren" Tante-Enso-Laden wartenden Lintiger auf dem Sportplatz im Ort über den Stand der Dinge informieren.
Fühler in Richtung Köhlen und Kührstedt ausgestreckt
Das Bremer Unternehmen streckt seine Fühler indes unbeirrbar weiter aus, unter anderem auch in andere Ortschaften von Geestland. Zum Beispiel nach Köhlen. Möglicherweise interessant erscheint Bausch und seinem Team das Gelände, auf dem sich derzeit noch Gasthof Scheper befindet. "Dazu lässt sich gar nichts sagen, denn hier schauen wir erst einmal gemeinsam mit der Stadt, ob das für alle Sinn macht und ob das überhaupt geht", gibt sich Bausch bedeckt. In Kührstedt haben Ortsbürgermeister Carl Hildebrandt und der Ortsrat schon Gespräche mit MyEnso geführt. "Zwei Grundstücke könnten wir für Neubauten anbieten", sagt der Christdemokrat, aber bislang habe man noch keine Rückmeldung aus Bremen erhalten. "Für uns in Kührstedt wäre Tante Enso gut", sagt Hildebrandt, "uns fehlt jede Infrastruktur zur Nahversorgung." Enso hätte für den Standort in Kührstedt bereits einen weiteren Partner an der Hand, sagt Bausch: "Der Bäcker vom Tante-Enso-Standort in Drangstedt kann sich gut vorstellen, mit Tante Enso auch nach Kührstedt zu erweitern."
Von Andreas Schoener