Ist sie gelangweilt, müde oder setzt sie auf den Mitleidsfaktor? Der Gesichtsausdruck dieser Bordeaux-Dogge kann vielfältig interpretiert werden. Tierpsychologin Petra Assmann setzt in solchen Fällen auf eine umfassende Analyse. Dabei geht es nicht nur um Charakter und Temperament des Hundes, sondern auch um sein Lebensumfeld. Foto: Assmann
Ist sie gelangweilt, müde oder setzt sie auf den Mitleidsfaktor? Der Gesichtsausdruck dieser Bordeaux-Dogge kann vielfältig interpretiert werden. Tierpsychologin Petra Assmann setzt in solchen Fällen auf eine umfassende Analyse. Dabei geht es nicht nur um Charakter und Temperament des Hundes, sondern auch um sein Lebensumfeld. Foto: Assmann
Expertin gibt Tipps

Wie sich Depressionen bei Haustieren zeigen und was Halter tun können

04.04.2023

Die Katze verweigert den Thunfisch, der Hund lässt sein Lieblingsspielzeug links liegen - das ähnelt den Symptomen, die Menschen bei einer Depression zeigen. Aber lässt sich das tatsächlich vergleichen? Und noch wichtiger: Was können Halter tun?

Petra Assmann aus Sievern kennt Depressionen bei Tieren aus ihrer mehr als 20-jährigen Praxis nur allzu gut. Als studierte Tierpsychologin hat die 61-Jährige nicht nur ein Buch geschrieben über die Denkwelten von Mensch und Hund, sondern weiß auch von zahlreichen Fällen aus dem Landkreis Cuxhaven und darüber hinaus zu berichten. Anhand dieser Beispiele wird immer wieder klar: Tiere werden auch seelisch krank. Und das hat zumeist mit dem jeweiligen Halter zu tun.

Können Tiere tatsächlich Depressionen bekommen?
Ob Hund, Katze, Pferd oder Meerschweinchen - im Prinzip ja. Selbst wenn es zunächst schwierig zu deuten ist, ob es sich nur um simple Stressreaktionen, eine vorübergehende Stimmungslage oder tatsächlich um eine Depression handelt.

Welche Merkmale kennzeichnen eine "tierische" Depression?
Die Symptome sind sehr vielschichtig und für sich genommen nicht aussagekräftig genug. Fest steht jedoch: Es handelt sich um die gleichen Merkmale, die auch beim Menschen auftreten können: Appetitlosigkeit, Antriebsverlust, Rückzug, Freudlosigkeit, Teilnahmslosigkeit. Von einer Depression wird erst dann gesprochen, wenn der Zustand mehrere Wochen andauert und mehrere klassische Symptome aufweist. Um mal beim Hund zu bleiben: Bello liegt seit Längerem nur noch apathisch herum auf dem Sofa und will nicht mehr zum Auslauf. Man sieht dem Tier an, dass es in seiner augenblicklichen Lebenssituation unglücklich ist.

Was sollte der Besitzer tun, wenn sein Haustier derlei Anzeichen entwickelt?
Experten empfehlen zunächst den Ausschluss von gesundheitlichen Ursachen. Einem Antriebsverlust können unterschiedliche Probleme des Bewegungsapparates zugrunde liegen. Dann hat das Tier Schmerzen und will sich deshalb nicht bewegen. Es ist gut, solche oder andere organische Ursachen zunächst durch einen Besuch beim Tierarzt auszuschließen. Ist dies geschehen und die beschriebenen Auffälligkeiten ändern sich nicht, lohnt es sich, im Gespräch mit einem Tierpsychologen einmal tiefer einzusteigen.

Wo können Ursachen für eine Depression bei Tieren liegen?
Unterforderung oder Überforderung gehören sicherlich zu den Ursachen. Beides sorgt bei Tieren für Stress. Aber auch der Verlust von Bezugspersonen, von einen gewohntem Umfeld sowie Fehler im Umgang dürfen nicht vergessen werden. Wenn sich ein Haustier dauerhaft falsch verstanden fühlt, kann es eine depressive Symptomatik entwickeln. Beispiel: Wenn ein Hund von seinen Besitzern genötigt wird, viel sportiver zu sein, als seine Rasse, sein Alter und seine Gesundheit es zulassen, obwohl er sich ausruhen müsste, dann zeugt das nicht vom Verständnis des Tieres. Es kommt darauf an, den Zustand eines Tieres zu verstehen. Genauso verhält es sich bei Unterforderung, wenn zu wenig miteinander getan wird.

Also hat der Mensch auch Schuld daran, wenn "sein" Tier krank wird, beziehungsweise eine Depression entwickelt?
Um Schuld geht es nicht. Es geht um das grundlegende Verständnis, dass ein Haustier auch ein Sozialpartner ist, den man in seinem Wesen verstehen und entsprechend behandeln muss. Auch der Hund ist kein Erfüllungsgehilfe des Menschen. Das Tier hat eigene Talente, eigene Bedürfnisse. Wenn man beispielsweise einen Vierbeiner, der von Natur aus gerne rennt, weil er über Generationen hinweg als Jagdhund gezüchtet worden ist, zumutet, nur im Haus und Garten zu bleiben, dann wird er sich zunächst auflehnen, vielleicht aggressiv oder apathisch werden, aber in jedem Fall krank. Das ist beim Menschen ähnlich: Wenn man einem talentierten Nachwuchsfußballer, der für sein Leben gern dem runden Leder nachjagt, einen Schachcomputer als Alternativbeschäftigung schenken würde, dann würde er unglücklich werden.

Dem Menschen helfen bei Depressionen mitunter Tabletten. Ist das bei Tieren auch so?
Das geht auch, zum Beispiel bei Tieren, die schwer traumatisiert sind. Aber Tabletten sollten nur begleitend eingesetzt werden. Wichtig ist eine individuelle Therapie bei einem Verhaltenstherapeuten. Und dabei geht es nicht um das Erlenen von Kommandos wie "Sitz" oder "Platz", es geht um das tiefe Verständnis des Wesens von Tieren. Grundsätzlich wichtig ist es auch, dass Haustiere Spaß haben sollten. Sie sollten zum Beispiel mit "Herrchen" oder "Frauchen" mal durch die Natur toben - das befreit Mensch und Tier, bringt alle zum Lachen und setzt Glückshormone frei. Tiere leben im Hier und Jetzt.

Wer Petra Assmann erreichen will, schreibt am besten eine Mail an: mail@assmann-hundetraining.de

Von Andreas Schoener

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