Moin Cuxhaven

Die Welt, von innen her betrachtet

von Jens Potschka | 24.03.2026

Seit Jahren begeistert die Kolumne "Moin Cuxhaven" die Leserinnen und Leser der Cuxhavener Nachrichten und der Niederelbe-Zeitung. Inzwischen sorgt die Rubrik auch auf cnv-medien.de für Unterhaltung. Heute: Die Welt, von innen her betrachtet. 

Ein Vater sitzt in seinem Sessel und will in Ruhe seine Zeitung lesen. Doch sein kleiner Sohn lässt ihn nicht, er quengelt, zieht, unterbricht. Schließlich nimmt der Vater eine Zeitungsseite mit einer Weltkarte, zerschneidet sie und gibt sie dem Kind. "So. Jetzt hast du etwas zu tun. Setz die Welt wieder zusammen."

Er lehnt sich zurück. Eine Stunde Ruhe, denkt er. Mindestens. Eine Viertelstunde später steht der Junge vor ihm. Die Karte ist vollständig. Jedes Stück am richtigen Platz. Der Vater klappt die Zeitung zu. "Hat dich deine Mutter in Geografie unterrichtet?" "Ich weiß nicht mal, was das ist", sagt der Junge. "Aber auf der anderen Seite war ein Foto von einem Mann. Den habe ich zusammengesetzt und dann stimmte auch die Welt."

Paulo Coelho hat diese Geschichte aufgeschrieben. Man sollte ihm dafür dankbar sein. Nicht weil sie neu wäre, sondern weil sie wahr ist. Der Junge hat nicht nach Kontinenten gesucht. Er hat nicht Asien an Europa gefügt, nicht Afrika unter Europa geschoben. Er hat einen Menschen zusammengesetzt - Stirn, Schultern, Hände - und dabei, fast nebenbei, die Welt gerettet. Das ist keine Metapher. Das ist ein Programm. Denn was ist eine Gesellschaft anderes als das Versprechen, dass der Einzelne zählt? Wir reden so viel über die Welt, über ihre Krisen, ihre Verwerfungen, ihre großen unbeherrschbaren Bewegungen. Und vergessen dabei, dass sie aus Gesichtern besteht.

Wer morgens mit dem Hund an der Kugelbake entlangläuft und dem Nachbarn kurz zunickt, der setzt ein Stück Welt zusammen. Wer im Stau auf der B73 nicht hupt, obwohl er es könnte - auch. Wer seiner Kollegin zuhört, obwohl die eigene Aufgabenliste brennt - erst recht. Die Welt ist kein abstraktes Puzzle. Sie gerät aus den Fugen, wenn Menschen aus den Fugen geraten. Wenn sie gestresst, gleichgültig und nur noch mit sich selbst beschäftigt sind. Der Junge hat nicht die Kontinente gesucht. Er hat den Menschen gesucht. Das ist die kürzeste Beschreibung von Gemeinschaft, die mir je begegnet ist.

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Jens Potschka

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Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

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