Leeres Boot in Cuxhaven: Was es über uns verrät
Seit Jahren begeistert die Kolumne "Moin Cuxhaven" die Leserschaft der Cuxhavener Nachrichten und der Niederelbe-Zeitung. Inzwischen sorgt die Rubrik auch auf cnv-medien.de für Unterhaltung. Heute geht es um ein leeres Boot und was es uns verrät.
Es gibt Geschichten, die wirken wie ein Kieselstein in der Jackentasche: klein, unscheinbar, aber man greift immer wieder danach. Eine davon handelt von einem Mönch, einem See und einem Boot. Das Boot stößt gegen sein eigenes, der Mönch wird wütend, will den Verursacher zur Rede stellen, bis er erkennt: Das andere Boot ist leer. Ein leeres Boot. Mehr nicht.
Man könnte meinen, das habe mit Cuxhaven wenig zu tun. Aber vielleicht gerade hier. Wo der Wind Türen zuschlägt, Fahrräder umwirft und Termine verweht. Wo man vor der Baustellenampel steht und überzeugt ist, dass die Welt heute beschlossen hat, gegen einen zu arbeiten. Jemand schneidet uns im Verkehr. Ein Nachbar grüßt nicht. Die Kassiererin wirkt kurz angebunden. Und sofort bevölkern wir das leere Boot mit Gestalten unserer Fantasie: dem Rücksichtslosen, der Unhöflichen, dem Gleichgültigen. Wir schreiben ihnen Absichten zu, Motive, manchmal ganze Charakterbiografien. Dabei wissen wir nichts. Vielleicht hatte der Autofahrer einen schlechten Tag. Vielleicht trug der Nachbar seine Sorgen nicht unter dem Arm, sondern auf den Schultern. Vielleicht war die Kassiererin einfach müde. Vielleicht war das Boot leer.
Die moderne Welt bietet erstaunlich viele Möglichkeiten, sich zu empören. Kaum ein Smartphone, in dem nicht ein kleiner Zornvorrat für den Tag lagert. Wir leben in einer Zeit, die aus jedem Anstoß gern einen Angriff macht. Dabei wäre die Gegenfrage manchmal hilfreicher: Was, wenn das Boot leer ist? Was, wenn nicht alles gegen uns gerichtet ist? Was, wenn der Nebel nur dichter ist, als wir glauben?
Cuxhaven kennt den Nebel. Er nimmt den Dingen ihre Konturen, aber nicht ihre Wirklichkeit. Vielleicht gilt das auch für die Menschen. Nicht alles, was uns stößt, will uns verletzen. Und vielleicht liegt darin eine unerwartete Freiheit: nicht in der Fähigkeit, den anderen zu ändern, sondern in der Entscheidung, nicht jede Kollision zur Kränkung zu erklären.
Der Mönch auf seinem See lernte das an einem leeren Boot. Wir lernen es vielleicht an der Supermarktkasse, auf der Cuxhavener Straße oder beim Blick aus dem Fenster auf einen Tag, der anders verläuft als geplant. Manchmal ist die Welt kein Gegner. Manchmal treibt einfach nur ein leeres Boot vorbei.
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