Verlust und Neubeginn: Was wir vom Hirsch über Reife lernen
Seit Jahren begeistert die Kolumne "Moin Cuxhaven" die Leserinnen und Leser der Cuxhavener Nachrichten. Inzwischen sorgt die Rubrik auch auf cnv-medien.de für Unterhaltung und Information. Heute geht es um "Was wir vom Hirsch über Reife lernen".
Der Hirsch, so heißt es, legt sein Geweih einmal im Jahr ab. Nicht feierlich. Nicht symbolisch. Es fällt einfach. Zurück bleibt ein Tier, das plötzlich leichter ist, als es sich selbst kennt. Ohne das, was es kenntlich macht. Ohne die vertraute Schwere, die ihm - zumindest von außen - Bedeutung verlieh. Diese Leichtigkeit ist kein Triumph. Sie ist Verunsicherung. Wo zuvor etwas ragte, ist nun Leere. Und Leere begegnen wir selten ohne Misstrauen. Doch während der Verlust noch sichtbar ist, arbeitet im Inneren bereits etwas Unaufgeregtes. Das neue Geweih entsteht nicht aus Hoffnung oder Willen, sondern aus allem, was war: dem harten Winter, der Ruhe, der Bewegung, den Kämpfen, dem Überleben. Nichts davon war umsonst, alles war Vorbereitung.
Auch wir Menschen kennen diese Zeiten. Wir verlieren Rollen, Titel, Beziehungen, Selbstbilder - all das, woran wir uns festgehalten haben, um uns zu erklären. Ihr Verlust fühlt sich selten nach Entwicklung an, eher nach Rückzug, nach Blöße. Doch vielleicht ist das ein Irrtum unserer Perspektive. Vielleicht wächst Reife nicht dort, wo wir glänzen, sondern dort, wo wir aushalten. Wo wir nicht sichtbar stärker werden, sondern tragfähiger. Die Natur verhandelt solche Prozesse nicht symbolisch. Sie illustriert nichts. Sie tut einfach, was nötig ist.
Und irgendwann trägt der Hirsch wieder ein Geweih. Größer. Schwerer. Nicht, weil er gekämpft hätte, sondern weil er geblieben ist. Vielleicht liegt darin eine stille Zumutung an uns: dass nicht alles, was sich auflöst, Verlust ist. Und nicht alles, was uns fehlt, wirklich fehlt.