Multimedia-Geschichte

Cuxhaven: Wanderung im Winter-Watt - Reise zum Sahlenburger Loch

von Julia Anders | 29.01.2021

CUXHAVEN. Das Wattenmeer ist weltweit einzigartig. Besonders im Winter lässt sich ein faszinierendes Stück davon erleben. Eine multimediale Erkundungstour zwischen Sahlenburg und Neuwerk.

Hier geht‘s zur Multimedia-Story "Winter im Watt - Reise in Nordsee-Naturwelten"

Zieh dich warm an und trocken. Ich will mit dir durch das Sahlenburger Loch." Es ist ein kalter Januar-Tag. Vier Grad über Null sind angesagt, der Wind pustet mit 30 Stundenkilometern über die Küste. Und um Punkt 12 Uhr treffe ich Thomas Lehmann an der Rettungsstation in Sahlenburg. Da, wo normalerweise die Wattwagen nach Neuwerk abfahren. Thomas ist Wattführer und führt vor allem während der warmen Jahreszeit Touristinnen und Touristen durch das Gebiet, stellt ihnen Wattwürmer, Krabben und weitere Wunderwelten der Natur vor.

Das Wattenmeer imposant vor uns

Heute läuft er mir voraus. Das Ziel: Viel sehen, viel erleben und noch mehr lernen. Und möglichst nicht stecken bleiben. "Es ist generell keine schlechte Idee, dem Wattführer hinterherzulaufen", scherzt er. Zu diesem Zeitpunkt liegt das Watt geräuschlos, menschenleer und dadurch noch imposanter vor uns. Die zwei Lagen Kleidung, Mütze, Schal und Handschuhe ergänze ich mit hohen grünen Gummistiefeln und einer Regenhose. "Die ziehst du am besten über die Stiefel", rät er mir. "Das hält das Wasser besser ab." Mit großen Schritten und seiner gelbleuchtenden Jacke läuft er voraus, über den Sahlenburger Strand hinein ins Watt. Zwei Stunden haben wir Zeit, es ist Niedrigwasser. Mit einem tiefen Atemzug sauge ich die frische Meeresluft auf und bringe die große Regenhose mit mutigen Schritten ordentlich zum Rascheln.

Unesco-Weltnaturerbe

Seit 1986 steht dieses Gebiet zwischen Sahlenburg und Neuwerk unter Naturschutz. Der Boden besteht aus einem Gemisch aus Meeres- und Flussboden, wie Thomas erklärt. Elbe, Weser, Jade und Ems bringen ihre Sedimente in die Nordsee. "Die haben eine völlig andere Beschaffenheit als der normale Sandboden, den alle mit dem Meeresboden verbinden. Und das ist auch das, was unsere Tiere hier so gerne haben." Insgesamt über dreieinhalbtausend Quadratkilometer umfasst der niedersächsische Nationalpark Wattenmeer. Seit 2009 gehört er sogar zum Unesco-Weltnaturerbe. "Da sind wir Cuxhavener verdammt stolz drauf", erklärt Thomas und bricht mit seiner mitgebrachten Stechgabel einen Teil des Bodens auf.

Ein Wattwurm lässt sich kurz blicken, verschwindet jedoch kurz danach wieder im moddrigen Boden. "Auf einem Quadratmeter Wattboden leben im Sommer etwa 10 000 Lebewesen. Das ist extrem viel", betont Thomas. Etwa 1,6 Kilogramm Biomasse würden die kleinen Bewohner auf einem Quadratmeter auf die Waage legen. "Das ist die zweithöchste Zahl der Welt. Nur das Amazonas-Delta toppt uns mit 1,9 Kilogramm." Das gesamte Nordsee-Wattgebiet erstreckt sich von Den Helder in den Niederlanden über die westfriesischen und ostfriesischen Inseln, vorbei an Wilhelmshaven, Bremerhaven und Cuxhaven bis hoch nach Sylt. "Erst hinter der dänischen Landesgrenze in Esbjerg ist das Wattgebiet zu Ende. Das sind über zehntausend Quadratkilometer und damit ist es das größte zusammenhängende Wattgebiet der Welt."

Schutz und Umweltbildung

Geschützt wird das Gebiet vor allem durch Aufklärung. Diese liegt auch in den Händen des Wattenmeer-Besucherzentrums, kurz WattBz. "Man ist ja generell eher dazu bereit, etwas zu schützen, was man wirklich kennt, was man versteht", so Bernhard Rauhut, Leiter der Zentrums in Sahlenburg. "Es sind sehr viele Menschen sehr froh darüber, dass es noch Bereiche gibt, wo sie sich in der Natur frei bewegen können, wo sie Naturerfahrungen machen und sich abseits des Trubels aufhalten können", sagt er. "Besonders im Winter kann man diesen speziellen Eindruck, diese Ruhe, diese Stimmung wahrnehmen. Dann fühlt man sich noch stärker verbunden mit diesen Naturgewalten. Bei stürmischem Wetter im Watt zu stehen, das hat etwas ganz Eigenes."

Besonders ein Winter-Watt-Phänomen ist ihm in den fast 25 Jahren in Cuxhaven im Gedächtnis geblieben: "Wenn das Watt zugefroren war und sich Eisschollen auftürmten." Auch wenn das inzwischen aufgrund des Klimawandels nicht mehr so häufig vorkomme. Zum Schutz des Watts betreibt Rauhut mit seinem Team Umweltbildung und klärt die Besucherinnen und Besucher über die Besonderheiten auf. "Das Wattenmeer ist ja nicht nur ein Nationalpark mit gesetzlichem Schutz, sondern es ist auch Welterbe. Man hat also erkannt, dass es etwas ganz Außergewöhnliches ist. Und es steckt ja auch das Wort ,Erbe‘ darin. Man will es also weitergeben an die nächste Generation. Und damit das geschieht, muss man nicht nur die Werte erhalten, sondern möglichst auch das Verständnis für diese Werte wecken. Das ist letztlich auch Aufgabe unserer Einrichtung." 

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Der Alltag ganz fern

Unsere kleine Wattwandergruppe bewegt sich inzwischen immer weiter weg vom Festland. Die Luft wird immer frischer, der Blick immer klarer. Und unser Alltag verschwimmt immer mehr in den Pfützen im Watt. Raus aus unseren Köpfen. Die ständige Veränderung des Wattenmeers durch Wind, Wellen, Ebbe und Flut, mit dieser an der Oberfläche kaum wahrnehmbaren Vielfalt, die sich in der Tiefe versteckt.

"Die Menschen auszusperren, ist nicht der richtige Weg"

Eines der Kriterien der Unesco sei neben der Biodiversität auch die geologische Veränderlichkeit, die Dynamik gewesen, so Rauhut. Während ich durch tiefes und flaches Watt wate, geht mir ein Gedanke nicht aus dem Kopf: Müsste man das Ökosystem zu dessen Schutz nicht eher allein lassen? Mein gelber Begleiter hält dagegen. Die Menschen auszusperren sei nicht der richtige Weg. Und auch Bernhard Rauhut vertritt diese Meinung: "Man muss Menschen möglicherweise lenken, kanalisieren, von sensiblen Bereichen fernhalten", erklärt er mir. "Die Dimension des Wattenmeers ist jedoch dermaßen groß, dass es die Einflussnahme an einigen Hotspots, wie hier in Cuxhaven, meiner Ansicht nach verkraften kann." Hinzu kämen Regeln, die Menschen befolgen können, um das Watt zu schützen. An diese Regeln solle man sich jedoch nicht nur halten, "weil man Sorge hat, dass der Polizist um die Ecke kommt. Sondern vielleicht auch, weil man es begriffen hat und einsieht, dass man sich an diese Regeln halten muss, damit diese Werte erhalten bleiben."

Immer deutlicher spüren wir den rauen Wind an unseren Ohren. Die Kamera habe ich im Rucksack verstaut. Vollends sauge ich die Umgebung auf, lasse mich von ihr einnehmen. "Ich möchte, dass du hier was erlebst", ruft mir Thomas zu. Mit Erfolg.

Biosphären-Gedanke

Eine weitere, aktuelle Entwicklung sei der sogenannte "Biosphären-Gedanke", ergänzt Biologe Rauhut. "Das Wattenmeer ist ja nicht nur ein Nationalpark und Welterbe. Es ist auch Unesco-Biosphärenreservat. Und dieser Biosphärenregion fehlt im Moment noch so eine richtige Entwicklungszone, was zum Biosphären-Gedanken dazu gehört." Die bestehe aus einer Kernzone, die streng geschützt sei, und einer Entwicklungszone, für die die Unesco erwartet, dass Modelle für gutes Zusammenleben zwischen Mensch und Natur gefunden werden.

Nur ein paar Austernfischer

Thomas und ich sind inzwischen an einer Stelle im Watt angekommen, die mich eher an einen tiefen Flusslauf in den Bergen erinnert. Nur, dass ich den Boden nicht erkennen kann und praktisch ins "Braune" hineinstakse. Meinen Leitmann stört das nicht. Ohne zu zögern setzt er einen Schritt nach dem anderen. Und ich hinterher. "Das wird ein Abenteuer", diese Worte aus unserem Vorgespräch dringen mir ins Gedächtnis. Auch dass er mich zuvor gefragt hatte, wie groß ich denn sei. "1,58 Meter, wieso?", hatte ich ihn verdutzt gefragt. Auch wenn meine Beine gerade fast zur Hälfte verschwunden sind und ich immer öfter stecken bleibe, wird das alles zur Nebensache. Selbst der leichte Regen fällt mir kaum auf. Zu still, zu weit, zu schön ist die Umgebung. Liefe dieser breit grinsende, leuchtend gekleidete Mann nicht neben mir her, hätte ich das Gefühl, vollständig allein zu sein. Meilenweit ist niemand zu sehen, nur ab und an lässt sich in der Ferne eine Gruppe Austernfischer blicken. "Weißt du, was das Besondere an denen ist?", fragt mich mein Begleiter. "Erst hört man sie, dann sieht man sie."

Sahlenburger Loch

Nach unserem kurzen Marsch durch den Priel erreichen wir "Land". Eine kleine, künstlich aufgeschüttete Stein-Insel mitten im Watt. "Du hast gerade das Sahlenburger Loch durchquert, herzlichen Glückwunsch", grinst mich Thomas an. Überrascht, etwas stolz und mit großen Augen schaue ich mich um. In der Ferne entdecke ich das älteste Gebäude Hamburgs, den Leuchtturm auf Neuwerk. Die Steine unter uns wurden zur besseren Anbindung zwischen Insel und Festland aufgeschüttet. In diesem Moment dienen sie als Rastplatz - und für eine natürliche Schatzsuche. Thomas präsentiert eine pazifische Auster, überwuchert von Miesmuscheln und mit einer Geschichte. "Nachdem um 1930 durch Krankheit und Überfischung die Europäische Auster im Bereich der deutschen Nordsee ausgestorben war, kultivierten die Niederländer in den 60er-Jahren die Pazifische Auster an der Oosterschelde. Sie wächst rasant, ist widerstandsfähiger und lässt sich einfach züchten." Das Tier passte sich dem neuen Lebensraum an, mit Folgen: "Wir versorgen jährlich zwölf Millionen Seevögel hier bei uns. Muscheln sind deren Hauptnahrung. Durch die pazifische Austernschale kommen deren Schnäbel jedoch nicht durch." Als Folge verbreitet sich die Auster und verdrängt die Miesmuschel. Ein Eingreifen des Menschen und die Entfernung der Auster als invasive, fremde Art sei wegen des Naturschutzes nicht möglich.

Zurück zum Festland

Auf unserer Erkundungstour bleibe ich kurz im Watt stecken. Mit gekonnten Handgriffen zieht Thomas mich aus der braunen Masse wieder heraus. Man merkt, er macht das nicht zum ersten Mal. Während das Wasser langsam steigt, treten wir den Heimweg an. "Hier gehe ich nicht mehr weg", lächelt der Mann in Gelb.

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Julia Anders

Volontärin
Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

janders@cuxonline.de

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