Ärzte-Ehepaar verlässt RVZ Nordholz und übernimmt bekannte Hausarztpraxis in Cuxhaven
Das Regionale Versorgungszentrum Nordholz steht vor einer Herausforderung: Weil das Ärzte-Ehepaar Thiele in Cuxhaven die Praxis eines verstorbenen Kollegen übernehmen wird, müssen zwei Hausarzt-Stellen neu besetzt werden. Die Suche hat begonnen.
Alle Beteiligten bewegte dasselbe Gefühl - zwei Herzen in einer Brust -, als am Dienstag bei einem Pressegespräch im Regionalen Versorgungszentrum (RVZ) Nordholz die Nachricht bekannt gegeben wurde: Das Ärzteehepaar Katja und Dr. Knut Thiele wird zum 1. Juli die ehemalige Hausarztpraxis Vanini in Cuxhaven übernehmen und das RVZ verlassen.
Völlig unerwartet war der Cuxhavener Hausarzt Peer Vanini im vergangenen Dezember verstorben. Von einem Tag auf den anderen war die große Hausarztpraxis (rund 2000 Patientinnen und Patienten) an dem Traditionsstandort in der Beethovenallee - mit der West-Apotheke im selben Gebäude - verwaist. Die Zeit der Übernahmeverhandlungen war für Knut und Katja Thiele (beide Fachärzte für innere Medizin) mit schlaflosen Nächten verbunden; nicht nur wegen der Entscheidung für die Selbstständigkeit, sondern auch wegen der Menschen und Strukturen, die sie im RVZ zurücklassen.
Zwischen Glückwünschen und Bedauern
Glückwunsch und Trauer lagen auch für den Dezernenten Friedhelm Ottens vom Landkreis Cuxhaven eng zusammen. Es sei der erste Rückschlag seit der Gründung des RVZ vor vier Jahren - allerdings nach einem bislang steilen Aufwärtskurs: Sowohl bei der haus- als auch bei der fachärztlichen Versorgung habe das RVZ alle Erwartungen bei weitem übertroffen und damit die Versorgung in der Region verbessert. Zur Sicherung dieser Versorgung trügen im übrigen auch Katja und Knut Thiele nach ihrer Entscheidung weiter bei, wenn auch an anderer Stelle.
Schwung nehmen für die Praxisgründung
Jungen Ärztinnen und Ärzten die Möglichkeit zu geben, im RVZ ohne Bürokratie und Schulden hausärztliche Erfahrung zu sammeln und so das Rüstzeug für eine Selbstständigkeit zu bekommen, sei ohnehin ein Grundgedanke bei der Gründung des Zentrums gewesen, gibt Friedhelm Ottens zu bedenken.
Die Sicherung der hausärztlichen Versorgung wird nach dem Abschied von Katja und Knut Thiele (vorerst sind sie aber noch da) dem ärztlichen Leiter Dr. Johannes Kossen und Kollegin Susanne Fricke obliegen. RVZ-Geschäftsführer Dr. Andreas Rühle ist zuversichtlich, dass diese eine Übergangszeit überbrücken können, wenn nicht gleich zum 1. Juli eine Verstärkung gefunden worden ist.
Weder Personalabbau noch Aufnahmestopp
Auch wirtschaftlich werde das RVZ diese Zeit überstehen, versichert der Geschäftsführer: Weder werde an eine Reduzierung der Flächen noch des Personals (im RVZ arbeiten - ohne die Ärzte - 21 Personen, die meisten in Teilzeit) gedacht. Nicht gerüttelt werde außerdem an der Einstellung neuer Auszubildender zum 1. August. Auch einen Aufnahmestopp für Patienten schloss Rühle aus.
Bürgermeister Jörg-Andreas Sagemühl (Wurster Nordseeküste) bedauert den Weggang des Ehepaars, bekräftigt aber die Unterstützung des Erfolgsmodells RVZ. So wie er nimmt auch Dr. Johannes Kossen die Herausforderung konstruktiv an: "Wir tun einfach so, als ob die Thieles in einem etwas längeren Urlaub seien." In einer solchen Situation das RVZ im Stich zu lassen, komme ihm - auch mit seinen 70 Jahren - nicht in den Sinn, versichert er. "Es macht noch Spaß."
Die Suche hat bereits begonnen
Die Suche nach Nachfolgerinnen oder Nachfolgern habe bereits begonnen, so Dr. Andreas Rühle. Unterstützt würden die Bemühungen durch das Ehepaar Thiele. Katja Thiele (45) weiß, dass ein RVZ-Modell attraktiv für Berufsstarter ist - und nicht nur für sie: "Viele streben niemals eine Selbstständigkeit an." Sie erinnert sich noch an ihren eigenen Start im Februar 2022, bei dem sie sich durch das RVZ-Team wunderbar unterstützt gefühlt habe. "Ich habe viel gelernt und bin dafür unendlich dankbar", sagt sie.
"Wettbewerbsgedanken völlig unangebracht"
Diese Kontakte will Dr. Knut Thiele (42) in der eigenen Praxis nicht abreißen lassen. Wettbewerbsdenken sei angesichts der Versorgungslage völlig unangebracht, findet er. Das Ehepaar geht davon aus, dass ein Teil des Patientenstamms den Weg an die Beethovenallee mitgehen wird.
Schon heute seien im Gesundheitswesen die Grenzen zwischen der Stadt Cuxhaven, Nordholz und dem gesamten Cuxland - der anhaltenden Unterversorgung geschuldet - fließend, so Friedhelm Ottens: "Der Bedarf ist unendlich und das Miteinander ist der einzige Weg", ist er überzeugt.
Die Entscheidung sei nach sehr konstruktiven Gesprächen mit Helle Vanini, der Witwe des verstorbenen Kollegen, gefallen, berichten die Eheleute Thiele. Sie freuen sich auf die neue Aufgabe in der etablierten Praxis im Herzen Cuxhavens. Selbst das Praxisteam stehe noch zur Verfügung.