Angekommen im kalten Norden: Junge Frauen und ihr Neuanfang im Wohnheim Cuxhaven
Ein Frauenwohnheim in Cuxhaven wurde in den 1960er-Jahren Heimat für junge Gastarbeiterinnen. Hier begegneten sie strengen Regeln und neuen Chancen, teilten Heimweh und Zimmer, während sie in der Fischindustrie arbeiteten. Das sind ihre Geschichten.
Der Wind weht vom Hafen herüber und kriecht unter den Mantel der jungen Frau, die im Herbst 1969 mit einem Koffer vor dem Backsteinbau im Cuxhavener Elfenweg steht. Hinter ihr liegen Tage im Zug, Grenzkontrollen, Abschiede. Vor ihr: ein schmales Bett, ein Spind, ein Flur voller fremder Stimmen. Schritte hallen über Linoleum, irgendwo klappert Geschirr. Mariska Uhlig war 18 Jahre alt, als sie in Cuxhaven ankam. In ihrer Heimat in Serbien war es noch warm gewesen, hier oben an der Nordsee schlug ihr Kälte entgegen - und alles war neu in ihrem neuen Zuhause, dem Frauenwohnheim.
Das Frauenwohnheim wurde 1926 eröffnet. Gedacht war es als Unterkunft für junge, meist ledige Arbeiterinnen, die in der Cuxhavener Fischindustrie Arbeit fanden. Viele kamen aus unterschiedlichen Teilen Deutschlands an die Küste. Nach dem Zweiten Weltkrieg veränderte sich das Bild: Zwischen den 1950er- und 1970er-Jahren lebten hier vor allem Gastarbeiterinnen aus Italien, Spanien, Portugal, der Türkei und dem damaligen Jugoslawien. 1975 wurde das Heim geschlossen. Hundert Jahre nach seiner Eröffnung lassen die Erinnerungen ehemaliger Bewohnerinnen und Zeitzeugen das Haus noch einmal lebendig werden.

Mariska Uhlig wuchs im kleinen Dorf Krustic nahe der ungarischen Grenze auf. Die Schule endete nach der achten Klasse, Perspektiven für Mädchen waren begrenzt. Die Familie war arm, sie arbeitete als Hausmädchen für einen Hungerlohn. Mit 17 erhielt sie bei einem Besuch ihrer Großeltern in Slowenien das Angebot, bei der großen Firma Gorenje zu arbeiten - viele Verwandte waren dort beschäftigt. Doch ihre Mutter verbot ihr, dortzubleiben. Mariska beschloss, spätestens mit ihrer Volljährigkeit zum Arbeiten fortzugehen.
Sie meldete sich bei einer deutsch-jugoslawischen Delegation, die Arbeitskräfte für Deutschland vermittelte. Vor der Ausreise wurden die jungen Frauen eingehend medizinisch untersucht - nur gesunde Bewerberinnen wurden zugelassen. In München erfolgte die Verteilung auf Industriezweige und Regionen. Für Mariska ging es in den hohen Norden, nach Cuxhaven, zur Firma Seeadler in die Fischindustrie.

Ihre erste Unterkunft war die sogenannte Halle 10: ein Sechsbettzimmer mit Frauen verschiedener Nationalitäten. Die Enge, die Unruhe, die abendlichen Besuche von Freunden mancher Mitbewohnerinnen belasteten sie. Nach anderthalb Monaten bat sie um eine andere Unterbringung - und zog ins Frauenwohnheim am Elfenweg.
Dort herrschten klare Regeln. Ein Pförtner kontrollierte den Eingang. Im Erdgeschoss wohnten Paare, in den oberen Stockwerken ausschließlich Frauen. Männer hatten im Frauentrakt keinen Zutritt. Eine Hausdame, von den Bewohnerinnen "Patrona" genannt, sorgte für Ordnung und einen geregelten Tagesablauf.
Gekocht wurde im Keller. Wer den Herd nutzen wollte, musste einen Groschen einwerfen, um Strom zu bekommen. Besonders gern erinnert sich Mariska Uhlig an das gemeinsame Kochen mit ihren Freundinnen Dragica und Jovanka. Eingekauft wurde in der damals noch bestehenden Lebensmittelabteilung bei Karstadt. Geschlafen wurde in Etagenbetten, jede Frau verfügte über einen abschließbaren Spind für ihre persönlichen Dinge. Es gab einen Gemeinschaftsraum mit Fernseher, Caro-Kaffee gehörte zum Alltag. Gebadet wurde in Wannen auf dem Flur - kostenfrei, wenn auch nicht immer makellos sauber.

Integrationsangebote oder Sprachkurse existierten nicht. Wer bleiben wollte, musste sich selbst zurechtfinden. Mariska Uhlig lernte schnell Deutsch und half anderen als Dolmetscherin. Ursprünglich hatte sie geplant, nur einige Jahre zu bleiben, Geld zu verdienen und in ihre Heimat zurückzukehren. Doch sie lernte einen gebürtigen Cuxhavener kennen, zog 1972 aus dem Wohnheim aus, heiratete und bekam eine Tochter.

Auch jenseits der Arbeiterinnen war das Haus ein Ort der Begegnung. Friederike Wollny erinnert sich an Aufenthalte als Kind in den Jahren 1955/56. Ein Lehrer aus Lippe hatte ihrem Vater von der Möglichkeit erzählt, dort günstig Ferien zu verbringen. Für die sechsköpfige Familie war das erschwinglich. In ihrer Erinnerung taucht ein Zimmer mit vier doppelstöckigen Eisenbetten auf, Waschräume auf dem Flur und der große Essraum gleich links hinter dem Eingang mit Essensausgabe. Später kehrte ihr Vater, Lehrer in Lipperreihe, mit Schülerinnen und Schülern wieder hierher zurück. Das Wohnheim war damit zeitweise auch ein einfaches Ferien- und Gruppenquartier.

Magnus Wegele hatte indirekt mit dem Heim zu tun. Mehrere Mitarbeiterinnen seiner Firma wohnten dort, zudem war er mit dem Sohn eines Verwalterpaares befreundet, das das Haus leitete, als viele junge Frauen aus Italien und Spanien einzogen. Die Ankunft der ausländischen Arbeiterinnen zog zahlreiche junge Männer an, die versuchten, über die Rückseite Einblicke in Sozialräume wie Duschen oder Umkleiden zu erhaschen. Um das Gelände zu sichern, wurde ein großer schwarzer Schäferhund mit dem Namen "Erlo vom Elbübergang" angeschafft. Nachts bewachte er an einer langen Kette das Grundstück. Nicht selten mussten der Verwalter oder sogar die Polizei Männer aus misslichen Situationen befreien.

Die Erinnerungen zeigen: Das Frauenwohnheim im Elfenweg war ein Ort strenger Regeln und zugleich ein Raum neuer Möglichkeiten. Hier lebten junge Frauen fern ihrer Familien, arbeiteten hart in der Fischindustrie, schickten Geld nach Hause und lernten, auf eigenen Beinen zu stehen. Sie teilten Zimmer, Rezepte, Heimweh und Zukunftspläne. Auch wenn das Heim im Jahr 1975 geschlossen wurde, sind die Geschichten der Zeitzeuginnen geblieben.
