Bewegende Filmvorführung in Cuxhaven: Tausende Briefe blieben 27 Jahre lang versteckt
Tausende Solidaritätsbekundungen erreichten nach dem Brandanschlag von Mölln (1992) die Adressaten nie: Der Film "Die Möllner Briefe" löste in Cuxhaven einen intensiven Austausch mit der Regisseurin und dem Überlebenden Ibrahim Arslan aus.
Fast 200 Jugendliche aus mehreren Schulen in Stadt und Kreis verfolgten am Freitag den Dokumentarfilm "Die Möllner Briefe" in zwei Sälen des Bali-Kinos in Cuxhaven, und das in Anwesenheit der Regisseurin Martina Priessner. Bei der öffentlichen Abendvorstellung stand dann auch der Überlebende des Brandanschlags vom 23. November 1992 Ibrahim Arslan Rede und Antwort.
Für ihn ist Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit zum Instrument geworden, das grausame Geschehen zu verarbeiten. Das generationenübergreifende Trauma seiner Familie ist ein Thema dieses Films, der sich aber auch in besonderer Weise mit einem geradezu unglaublichen Versäumnis beschäftigt.
Großmutter konnte nur ein Enkelkind retten
Der Film beginnt mit der Chronologie der Ereignisse in der Anschlagsnacht. In der aufgeheizten Zeit gleich nach der deutschen Einheit richteten sich Hass und Misstrauen häufig gegen Asylbewerber und Migranten. Am 23. November 1992 warfen zwei Neonazis nachts Brandsätze in zwei von türkischen Familien bewohnte Häuser in Mölln. Neun Menschen erlitten zum Teil schwere Brandverletzungen. Im Haus der Familie Arslan kämpfte Großmutter Bahide Arslan (51) um das Leben ihrer Enkelkinder, trug als erstes den siebenjährigen Ibrahim in nasse Handtücher gewickelt in die Küche - seine Rettung. Auf dem Weg zurück wurde sie durch herabstürzende Deckenbalken getroffen, sie verbrannte in den Flammen. Ihre Enkelinnen Ayşe Yilmaz (14) und Yeliz Arslan (10) starben an Rauchvergiftungen.

Was darauf folgte, wird im 2018 entstandenen Dokumentarfilm "Der zweite Anschlag" beschrieben. Der zweite Anschlag, damit ist das anhaltende Misstrauen der Gesellschaft, aber auch der Behörden beschrieben: Konnte es denn wirklich sein, dass sich die Täter nicht, wie von den Behörden vermutet, in ihren Reihen befanden, sondern dass Deutsche diesen Mord begangen hatten? Nach der Renovierung musste die Familie wieder ins selbe Haus einziehen.
"Diese Geschichte muss erzählt werden"
Bei einer Vorführung lernte Martina Priessner 2020 Ibrahim Arslan kennen und hörte dabei erstmals von den Möllner Briefen: Tausenden von Beileidsbekundungen aus ganz Deutschland, die durch Zufall im Möllner Stadtarchiv aufgefunden worden waren - Trauerkarten, von Kindern gemalte Bilder, Schambekundungen ("Wir sind nicht alle so. Aber ich schäme mich").
Warum diese - alle einzeln fein säuberlich mit einer eigenen Archivnummer versehen und dann in Kartons verpackt - 27 Jahre lang versteckt worden sind, ist die große Frage des Films "Die Möllner Briefe". Für Martina Priessner war klar: "Das ist eine Geschichte, die erzählt werden muss." Ibrahim Arslan dazu: "Unsere größte Sehnsucht ist es, unsere Geschichte zu erzählen, weil der Schmerz uns sonst erstickt."
Buchstäblich: Sein chronischer Husten hörte erst auf, seit er sich für Aufklärung und Toleranz einsetzt. Eindringlich beschreibt der Film, wie das Trauma sogar in Familienmitgliedern fortsetzt, die erst Jahre nach der Tat geboren worden sind - so wie Schwester Yeliz, die den Namen ihrer verstorbenen großen Schwester erhielt.
Der zum Zeitpunkt des Anschlags acht Monate alte Bruder Namik wurde von seiner Mutter Hava in die Tiefe geworfen und von Helfern aufgefangen, bevor sie selbst aus dem Fenster sprang. Neben den körperlichen kamen die seelischen Verletzungen und das unstillbare Verlangen, die Kinder um jeden Preis vor weiterem Leid zu schützen. Kein Draußenspielen nach der Schule, Mutter und Vater gaben sich beim Weg von und zur Arbeit die Klinke in die Hand, damit die Kinder nur nie allein waren. Offen beschreibt Namik, wie sich um ihn herum aus Angst und Sprachlosigkeit ein auch in Kilos messbarer körperlicher Schutzschild entwickelte.
Solidaritätswelle erreichte die Adressaten nicht
Lebensläufe hätten anders verlaufen können, wenn die Solidaritätswelle die Adressaten erreicht hätte. Martina Priessner: "Menschen, die so etwas erleben, fühlen sich wahnsinnig allein gelassen." Eine Studentin informierte Ibrahim Arslan 2019 über die von ihr durch Zufall entdeckten Briefe, "unsere Briefe", wie er sofort wusste. Es stellte sich heraus, dass die Stadt sogar Antwortschreiben an Hunderte Absender geschickt hatte. Wie sie auf die Idee gekommen sein mag, sich als Adressat persönlicher Genesungswünsche an die im Krankenhaus liegenden Opfer zu fühlen, bleibt ungeklärt.
Im Film konfrontiert Ibrahim Arslan den aktuellen Oberbürgermeister und den Stadtarchivar (denselben wie damals) mit Fragen, informiert andere Überlebende, besucht Absenderinnen der Briefe und kämpft für die aktive Beteiligung der Opfer an den alljährlichen Gedenkfeiern. In der Familie stehen das Leid der Mutter und der Geschwister im Vordergrund. Die Briefe hat die Familie inzwischen an das Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland e.V., DOMiD) in Köln übergeben.

Dieser Film lässt nicht kalt
Immer tiefgehender wurde die Fragenflut an Regisseurin Martina Priessner nach dem Film. Warum schweigt der damalige Möllner Oberbürgermeister? Wiederholt sich gerade alles, womöglich sogar noch schlimmer? Und: "Was halten Sie eigentlich von der AfD?"
Am Sonnabendabend wurde der Film nochmals in Hagen im Bremischen gezeigt. Veranstalter waren gemeinsam die Stadt und der Landkreis Cuxhaven als Partnerschaften für Demokratie im Bundesprogramm "Demokratie leben!" Aus dessen Mitteln wurden die Veranstaltungen auch finanziert. Die Vorstellungen in Cuxhaven wurden in Kooperation mit der Regionalen Arbeitsgruppe "Gegen Vergessen - Für Demokratie" durchgeführt.
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