Die Seaforth Highlanders of Canada beim Dudelsack-Spielen und Marschieren in der Grimmershörn-Kaserne. Foto: Website Pipes for Freedom
Die Seaforth Highlanders of Canada beim Dudelsack-Spielen und Marschieren in der Grimmershörn-Kaserne. Foto: Website Pipes for Freedom
8. Mai 1945

Der Tag der Befreiung: Wie Cuxhaven das Ende der Nazi-Herrschaft erlebte

von Maren Reese-Winne | 08.05.2025

Als der Krieg endete, erlebte Cuxhaven Ungewöhnliches: Statt Zerstörung gab es plötzlich Butter und Öl im Überfluss. Doch hinter den Kulissen bereitete sich die Stadt auf eine kampflose Kapitulation vor, während die britischen Truppen näher rückten.

Ob sich die Cuxhavenerinnen und Cuxhavener am 8. Mai 1945, dem offiziellen Kriegsende in Europa, bewusst waren, dass hier gerade Weltgeschichte geschrieben wurde? Dass der Krieg - und mit ihm das Nazi-Regime - beendet war, ohne dass es noch zum befürchteten letzten Gefecht in Cuxhaven gekommen war?

Cuxhaven befand sich in den Wochen vor Kriegsende in einer äußerst brenzligen Lage. In Massen strömten die verbliebenen deutschen Truppen hierher, um sich über die Elbe nach Schleswig-Holstein abzusetzen.  Während britisch-kanadische Truppen ins Elbe-Weser-Dreieck vorrückten, forderten die Machthaber des NS-Regimes immer noch Verteidigung bis zum letzten Mann. Widerstand wurde gnadenlos mit dem Tod bestraft, wie auch die Hinrichtung der Helgoländer Widerständler kurz vor Kriegsende bewies. In der Nacht vom 14. auf den 15. April gab es noch einen schweren Bombenangriff auf Groden, die Innenstadt und Döse mit schweren Schäden und vielen Todesopfern.  

Cuxhaven im Zweiten Weltkrieg: Vor dem Geschäft "von Broock" in der Nordersteinstraße stand eine Sandkiste für den Fall, dass damit Feuer gelöscht werden musste.

Cuxhaven war bereits seit November 1944 Festung, Festungskommandant war Kapitän zur See Herbert Sorge. Die Festung sollte notfalls einer monatelangen Belagerung standhalten können. Am 7. April 1945 besiegelte Admiral Karl Dönitz, Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, das Schicksal der zu Festungen erklärten deutschen Häfen, Hitlers "Nero"-Befehl vom 19. März folgend. Den Alliierten sollte nichts überlassen werden - keine Industriebetriebe, Militäranlagen, Häfen, Kai- und Dockanlagen, Schleusen oder Kräne. Während für andere Orte die Anordnung wieder gelockert wurde, blieb für Cuxhaven die Totalzerstörung angeordnet. 

Die britischen Truppen stellten sich nicht nur auf Straßenkämpfe mit dem aus Hitlerjugend und Volkssturm bestehenden letzten Aufgebot ein, sondern rechneten auch mit Hinterhalten von Spezialeinheiten wie der 7. Fallschirmjäger-Brigade, von der sie wussten, dass sie auf dem Flugplatz in Nordholz zusammengezogen werden sollte.

Ein unschädlich gemachtes Geschütz in Grimmershörn. Foto: Zachary

Schützengräben und Panzersperren für den Fall der Fälle

Auf Kampfhandlungen war die Bevölkerung schon ab Mitte 1944 eingestellt worden. Zu Tausenden wurden zivile Kräfte und vor allem die in der Hitlerjugend organisierten Schüler neben der militärischen "Organisation Todt" zum Bau von Schützengräben und Panzersperren an die Küstenlinie Cuxhavens, aber auch den Hadelner Raum beordert. Junge Frauen wurden zu ihrer Versorgung oder in den Flugabwehrdienst herangezogen.

An der Moral gab es offensichtlich kein Rütteln: Die Nazipropaganda wirkte, der Gruppenzwang war übermächtig. Was Deserteuren und Verschwörern blühte, wurde über Presse und Rundfunk verbreitet.

Die NS-Propaganda ließ keine Zweifel an den Anordnungen der Führung aufkommen - das Foto aus dem Privatalbum von Rita Woosnam zeigt einen Einsatz des "Bunds deutscher Mädel" am Stadtkrankenhaus Cuxhaven.

Plötzlich Lebensmittel im Übermaß

Mitte April 1945 erlebte die Cuxhavener Bevölkerung etwas sehr Außergewöhnliches: Plötzlich wurden riesige Mengen an Pflanzenöl, Butter und Butterschmalz, aber auch Tabak und Schweinehälften an sie verteilt. Tankwaggons mit Rüböl standen am Gaswerk, das Öl wurde in Badewannen abgelassen und dann eimerweise an die staunenden Cuxhavener verteilt. Es handelte sich um (eigentlich zur Margarineherstellung gedachte) Bestände des Zentralwehrmachtslagers in Wesermünde. Für die Verteilung habe sich auch der nationalsozialistische Bürgermeister Wilhelm Klostermann eingesetzt, berichtete später der damalige Stadtkämmerer Johannes Saul.

Bürgerausschuss bereitete kampflose Übergabe vor

Heimlich formierte sich im Cuxhavener Rathaus ein aus rund zehn bis zwölf Männern bestehender Bürgerausschuss. Neben Klostermann und Saul gehörten ihm auch der frühere Amtmann Karl Stolte (nach Kriegsende von den Besatzern als Oberbürgermeister eingesetzt) und Festungskommandant Herbert Sorge an. In diesem Kreis soll - aus guten Gründen "unter größtem Stillschweigen gegenüber der Bevölkerung" - die kampflose Übergabe der Stadt vorbereitet worden sein.

Britische Soldaten nach der Kapitulation im Kreisgebiet unterwegs, jetzt nicht mehr im Panzer. Foto: Woosnam

Johannes Saul in einem späteren Bericht: "Es waren von der SA oder SS Barrikaden in Groden und Altenwalde errichtet, um die Engländer aufzuhalten. Klostermann ist jedoch sofort rausgefahren und hat den Abbruch derselben angeordnet." Kommandant Herbert Sorge riskierte sein Leben, als er die bereits in den Kaimauern zur Selbstzerstörung installierten Sprengsätze heimlich wieder entfernen ließ.

Am 3. Mai 1945 wurde Cuxhaven zur offenen Stadt erklärt. Jede Kampfhandlungen war nun verboten. Im NSDAP-geführten Cuxhavener Tageblatt hieß es am am 5./6. Mai: "Der Festungskommandant, Oberbürgermeister, Kreisleiter der NSDAP und Polizeidirektor gaben am Freitagabend folgende Verlautbarung über den Drahtfunk Cuxhaven: Der Feind ist in den letzten Tagen der Stadt Cuxhaven nähergerückt. Es ist daher begreiflich, daß die Zivilbevölkerung beunruhigt und besorgt ist. Sie darf aber davon überzeugt sein, daß alle maßgeblichen militärischen und zivilen Dienststellen die Sorgen kennen, verstehen und teilen und daß nicht das geringste unterlassen wird, um der Bevölkerung jedes unnötige Opfer und Leid zu ersparen. (...)

In der Flakbatterie Drangst waren Schüler der Oberschule für Jungen an den Geschützen im Einsatz. Foto: Dantzer

Bloß nicht noch ein letztes Aufbäumen

Allen Panik- und Gerüchtemachern, die von der wirklichen Lage und von der unablässigen Sorge der Dienststellen um die Erhaltung unserer Stadt nichts wissen können, ist daher kein Glauben zu schenken. Die schweren Tage, die wir jetzt durchleben, können wir nur ertragen, wenn wir wie bisher vertrauensvoll zueinander stehen und wenn die Bevölkerung die aufreibende und verantwortungsreiche Arbeit aller militärischen und zivilen Dienststellen mit größter Hingabe und in vorbildlicher Haltung unterstützt."

Ein letztes Aufbäumen, womöglich noch durch aufgestachelte Hitlerjungen oder "Werwolf"-Partisanen, hätte den Verantwortlichen jetzt noch gefehlt. In der letzten Ausgabe des nur noch mit einer Seite erscheinenden Tageblatts kündigte der Festungskommandant am 7. Mai den Einmarsch der britischen Truppen für denselben Tag ab 14 Uhr an. "Jede unfreundliche oder feindliche Handlung gegen die Besatzungstruppe wird schwerste Schäden für die gesamte Volksgemeinschaft haben", warnte Sorge an. Jeder Volksgenosse sei verpflichtet, "unbesonnene Elemente zu überwachen und ihnen mit allen Mitteln entgegenzutreten".

In der Nacht vom 14. auf den 15. April 1945 erhielten Häuser in Döse (hier: Emmastraße 13) noch einen Volltreffer. Es gab Todesopfer. Foto: Käte Börger-Reese

Britischer Feldfotograf hielt Szenen fest

Erst seit einigen Jahren sind im Imperial War Museum in London Fotos zugänglich, die das weitere Geschehen dieses Tages in Cuxhaven zeigen: In langer Schlange postierten sich die britischen Panzer in der Neufelder Straße, während Herbert Sorge die Scots Guards in Neuhaus empfing und mit ihnen die Bedingungen der Kapitulation verhandelte. Zu sehen ist auch, wie er danach - flankiert durch britische Soldaten - auf einem Panzer Platz nimmt.

Von der dann folgenden Fahrt durch die britischen Linien, in die Stadt und durch die Straßen mit dem eisern vorausblickenden Festungskommandanten - für ihn eine Demütigung 1. Klasse - haben zahlreiche Zeitzeugen berichtet. Die Besatzer nahmen als erstes den vollbesetzten Minensucherhafen ein und fuhren dann weiter zu den Kasernen und militärischen Stellungen der Stadt.

Der nordirische Soldat und Fotograf Charles S. Perry Zachary hielt 1946/47 die Zerstörung der militärischen Einrichtungen in Cuxhaven (hier die Batterie Grimmershörn, hinten die Kugelbake) im Bild fest. Fotos: Zachary

Ein Foto zeigt das Zusammentreffen von deutschen und britischen Kräften vor dem Haus Atlantik am Bahnhof. Das Marinehauptquartier wurde in Dölle's Hotel eingerichtet. 7000 deutsche Soldaten sollen sich nach Angaben der Briten in der Stadt befunden haben.  

Parallel zur Eroberung der Stadt Cuxhaven übernahm das 5. Bataillon der Coldstream Guards die Entwaffnung der gefürchteten 7. Fallschirmjägerdivision in Nordholz. Es stellte sich heraus, dass viele der dazugehörigen Soldaten sich noch in großer Zahl Altenwalde, Oxstedt und Midlum befanden. Sie wurden zur Entwaffnung und Internierung zum Flugplatz beordert, ohne dass es noch zu den Kampfhandlungen gekommen wäre.

Letzter Funkspruch aus Cuxhaven

Erst im Jahr 2020 gab der britische Geheimdienst bekannt, dass am 7. Mai 1945 die letzte mit der Enigma-Verschlüsselungsmaschine erstellte Nachricht der Wehrmacht von Cuxhaven aus im geheimen deutschen Militärfunknetz "Brown" versendet wurde. Sie meldete die Ankunft der britischen Truppen in Cuxhaven. Dann hieß es: "Ab sofort wird Funkverkehr eingestellt - Wünsche euch nochmals alles Gute - Leutnant Kunkel", gefolgt von den Worten: "Für immer geschlossen - alles Gute - auf Wiedersehen." Aufgefangen wurde die Nachricht auf dem Landsitz Bletchley nördlich von London.

Die 5th Camerons am 24. Mai 1945 an der Marinebadeanstalt. Foto: http://www.keep-em-moving.co.uk/page15new.html
The Seaforth Highlanders of Canada in der Grimmershörn-Kaserne. Die Schottenröcke sind vielen Zeitzeugen in Erinnerung geblieben. Foto: Website "Pipes for Freedom"
Der Adoptivsohn des Fotografen Harry Glocke Otto (vorn mit Pistole) verstarb beim Bombenangriff am 14. April 1945. Foto: Hans-Jürgen Horn

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Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

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