Kommentar zum MVZ Cuxhaven: Unmittelbar Betroffene vor vollendete Tatsachen gestellt
Das Vorhaben, das Medizinische Versorgungszentrum Rohdestraße Cuxhaven aufs Land zu verlagern, als schlichten Umzug zu bezeichnen, ist eine Verharmlosung, die die Sorgen der Patienten ignoriert - findet unsere Kommentatorin.
Das Vorhaben, das Medizinische Versorgungszentrum Rohdestraße deutlich vor die Tore der Kreisstadt zu verlagern, als schlichten Umzug zu bezeichnen, ist eine der größten Verharmlosungen, die ich seit Langem gehört habe. Vielmehr greift dieser Beschluss tief in die Lebenswelten der zumeist älteren Bevölkerung Cuxhavens ein, für die der Weg nach Otterndorf nicht mal schnell mit dem Auto zurückgelegt ist, schon gar nicht mit den körperlichen Gebrechen, die sie ja zu den Fachärzten im MVZ führen. Warum kann das nicht ehrlich gesagt werden?
Für Cuxhaven - einwohnerstärkste Stadt und größte Einzahlerin bei der Kreisumlage - bedeutet ein Abzug von so viel medizinischer Kapazität und Kompetenz einen Schlag ins Kontor und schwächt die Struktur ausgerechnet in einer Zeit des Aufbruchs. Für Patienten bedeutet der Verlust einen schmerzhaften Eingriff in ihr persönliches Netzwerk, das ihnen Sicherheit und Stabilität verleihen soll.
Das MVZ ist perfekt mit dem Bus zu erreichen, nah an den Geschäften, der Stadtsparkasse und selbst am Bahnhof, gänzlich anders als der Otterndorfer Krankenhausstandort. Patienten, die für eine Darm- oder Magenspiegelung sediert worden sind, müssen anschließend persönlich abgeholt werden und dürfen die Praxis nicht allein verlassen. Für den Fall, dass keine Familienangehörigen da sind, mag eine Taxifahrt bisher im Stadtgebiet noch erschwinglich gewesen sein - bei einer Fahrt durch den Landkreis sieht das schon ganz anders aus. Vielleicht sollte man sich jetzt schon Gedanken über einen Shuttle machen, um manche Patientengruppen nicht völlig abzuhängen.
Dr. Henrik Lüder ist Durchgangsarzt nach Schul-, Wege- und Arbeitsunfällen - was er bis April 2027 noch auffängt, wird danach unweigerlich zusätzlich in der Notaufnahme der Helios-Klinik Cuxhaven landen.
Warum kein Bekenntnis dazu, dass das alles viel Geld kostet? Warum keine öffentliche Diskussion, warum keine bekannt gewordenen Versuche, auf andere Weise die Kosten am Standort zu reduzieren, wie hoch die auch sein mögen. Der hinter den Kulissen aus allein betriebswirtschaftlichen Gründen gefasste Beschluss, der selbst unmittelbar Betroffene aus heiterem Himmel erreicht hat, hinterlässt keine guten Gefühle. Kein Wort des Bedauerns ist gefallen.

Die Frage, was uns die gesundheitliche Versorgung wert sind, war nicht nur bei den ersten Privatisierungswellen relevant, sondern sie ist aktueller denn je. Cuxhaven und das Cuxland haben die Folgen der Kommerzialisierung des Krankenhaus- und Gesundheitswesens bereits ausreichend zu spüren bekommen - das Bestürzende ist, dass es hier nicht um einen großen Klinikkonzern oder anderweitige "Heuschrecken" geht, sondern um den Landkreis Cuxhaven.
Wäre von einem öffentlichen Träger nicht eine vielschichtigere Abwägung zu erwarten, die auch den gesellschaftlichen Frieden einbezieht? Wo Menschen an die politischen Ränder abwandern, braucht es Signale von Stabilität und Sicherheit und nicht das Gegenteil. Zumal das Schlimmste noch bevorsteht, nämlich die am 1. Januar in Kraft tretenden Reformen im Gesundheitswesen, die Insidern zufolge die Versorgungsstruktur empfindlich treffen und zahlreiche Facharztpraxen zur Aufgabe bewegen werden.
Sicherlich soll der Rückzug des MVZ dazu dienen, in diesem Haifischbecken, in dem sich auch das Otterndorfer Krankenhaus befindet, wenigstens die vorhandenen Strukturen zu sichern - die nüchterne Vorgehensweise aber hinterlässt noch viele Fragen.
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