Am Hinterkopf eines siebenjährigen Jungen ist ein Cochlea-Implantat, eine Hörprothese, angebracht, das hochgradig Schwerhörigen und Ertaubten das Hören ermöglicht. Bei der Technik werden die Nervenzellen des Hörnervs elektrisch stimuliert. Dafür wird ein Elektrodenträger in die Hörschnecke eingeführt. Der äußere Teil besteht aus einem Mikrofon und einem Prozessor, der die Schallinformationen in elektrische Impulse umwandelt. Foto: Uli Deck
Am Hinterkopf eines siebenjährigen Jungen ist ein Cochlea-Implantat, eine Hörprothese, angebracht, das hochgradig Schwerhörigen und Ertaubten das Hören ermöglicht. Bei der Technik werden die Nervenzellen des Hörnervs elektrisch stimuliert. Dafür wird ein Elektrodenträger in die Hörschnecke eingeführt. Der äußere Teil besteht aus einem Mikrofon und einem Prozessor, der die Schallinformationen in elektrische Impulse umwandelt. Foto: Uli Deck
"Open Ohr"

Neue Höranlage stärkt Inklusion in Cuxhaven - Einweihung in der Stadtbibliothek

von Bengta Brettschneider | 26.11.2025

Die Stadtbibliothek Cuxhaven präsentiert eine neue Höranlage, finanziert durch die AOK, die nicht nur der Selbsthilfegruppe "Open Ohr" zugutekommt. Ein wichtiger Schritt zu mehr Barrierefreiheit und sozialer Teilhabe für Hörgeschädigte in Cuxhaven.

Von Hörschädigungen sind Menschen aller Altersgruppen betroffen - ältere Menschen mit altersbedingter Schwerhörigkeit, die häufig Hörgeräte nutzen. Menschen mit Cochlea-Implantaten. Und auch jüngere Menschen, etwa durch Lärmexposition oder angeborene Hörstörungen, benötigen oft spezielle Hilfsmittel oder Unterstützung, wie Gebärdensprache oder Hörgeräte.

Die Stadtbibliothek Cuxhaven wird am 27. November ein besonderes Gerät einweihen: Eine Höranlage, die in erster Linie der Selbsthilfegruppe "Open Ohr" zugutekommt, aber auch von anderen ausgeliehen werden kann. Die Veranstaltung beginnt um 18 Uhr, Nicolai Schlag liest aus seinem Buch "Ich hör' ja wohl nicht Recht" und die neue Technik wird direkt getestet.

Anne Bolte, Sprecherin der Selbsthilfegruppe "Open Ohr" des Paritätischen Cuxhaven, erklärt: "Wir sind als Anlaufstelle offen für alle Hörgeschädigten, von Schwerhörigen, einseitig Ertaubten bis hin zu Gehörlosen. Der Jüngste in der Gruppe war 21 und der Älteste über 80 Jahre alt."

13,3 Millionen Bundesbürger über 14 Jahre gelten als beim Hören beeinträchtigt. Foto: Stratenschulte / dpa

Hörschädigung ist mehr als nur ein Hörverlust

Bolte selbst ist hörgeschädigt aufgewachsen. "Ich habe lange gelernt, mich zwischen der Welt der Hörenden und der Welt der Gehörlosen zu bewegen. Gebärdensprache, Absehen von den Lippen, Restgehör - all das konnte ich kombinieren. Nachdem ich lange fast taub war, bekam ich mit 30 Jahren ein Cochlea-Implantat, das mir heute ein offenes Sprachverständnis ermöglicht." Nach dem Besuch einer "normalen" Schule und einem Abitur an einer Sonderschule für Hörgeschädigte studierte sie Veterinärmedizin und ist nun approbierte Tierärztin. In Cuxhaven gründete sie vor elf Jahren die Gruppe "Open Ohr".

Für viele Mitglieder der Gruppe sei es anstrengend, Alltagssituationen zu meistern. "Selbst für Hörgeräteträger ist Kommunikation Hochleistungssport. In öffentlichen Räumen, bei Gesprächen oder Lesungen, ist es oft ein Kampf, alles richtig zu verstehen", so Bolte.

Die Gruppe "Open Ohr" trifft sich einmal im Monat. "Der Kern besteht aus etwa acht festen Teilnehmern, insgesamt stehen 27 Personen in unserem Verteiler", sagt Bolte. Sie erzählt, dass die Treffen als Austauschplattform dienen. Besprochen werden Alltagssituationen und Erlebnisse, wie zum Beispiel Erfahrungen mit Musik. Es tut gut, Entscheidungen über Hörgeräte oder Cochlea-Implantate in einer Gruppe gleich Betroffener zu diskutieren. Bei technischen Fragen findet sich in der Gruppe fast immer jemand, der sie beantworten kann.

"Es geht darum, sich gegenseitig zu stärken, Ideen zu teilen, zu wissen: Ich bin nicht allein mit meinem Problem." Manche der Teilnehmer kommen nur ein- oder zweimal, wenn der Leidensdruck besonders groß ist. Die Gruppe bietet Impulse, Beratung und ein Netzwerk - oft auch, um formale Hürden wie das Beantragen von Hilfen beim Integrationsamt oder die Beschaffung technischer Ausstattung anzugehen.

Auch Menschen mit Hörgerät profitieren von der Höranlage. Ziel ist, dass jeder die Stimmen direkt und in der richtigen Lautstärke hört, während störende Nebengeräusche reduziert werden", erklärt Anne Bolte. Foto: Boris Roessler

Technik öffnet Türen

Die neue Höranlage wird von der AOK Niedersachsen finanziert und überreicht. Sie arbeitet mit mehreren Mikrofonen und individuellen Empfängern, die nahezu alle Hörgeräte und Cochlea-Implantate unterstützen. "Ziel ist, dass jeder die Stimmen direkt und in der richtigen Lautstärke hört, während störende Nebengeräusche reduziert werden", erklärt Anne Bolte.

Die Anlage kann für barrierefreie Veranstaltungen von Selbsthilfegruppen und gemeinnützigen Organisationen unentgeltlich ausgeliehen werden. Solche Technik sei in Cuxhaven bisher selten. "Selbst in großen öffentlichen Räumen wie dem Stadttheater oder dem Schloss Ritzebüttel fehlen oft technische Möglichkeiten, um Barrierefreiheit wirklich umzusetzen. Es ist immer noch so, dass der Betroffene selbst die Initiative ergreifen muss - und das kostet Energie."

Mehr als sichtbare Barrieren

Bolte betont, dass Inklusion mehr ist als Rampen oder Rollstuhlfahrertauglichkeit. "Die Menschen sehen die Hörbehinderungen nicht. Sie bemerken sie nicht und vergessen, wie anstrengend Kommunikation sein kann. Wir möchten, dass die Stadt, öffentliche Einrichtungen und Arbeitgeber sich bewusst machen: Barrierefreiheit betrifft auch das Gehör."

Für Anne Bolte ist die Arbeit mit der Selbsthilfegruppe persönlich motiviert. "Ich möchte das Gefühl weitergeben, dass man in einer Gemeinschaft Unterstützung findet. Dass man seine eigenen Strategien entwickeln kann und positive Impulse bekommt." Sie ergänzt: "Es geht nicht nur um Hörgeräte oder Technik, sondern um soziale Teilhabe. Dass Menschen sich trauen, zu kommunizieren, auch wenn es schwerfällt. Das ist die eigentliche Herausforderung."

Die Lesung am 27. November wird ein erster Schritt sein, die neue Höranlage praktisch zu erleben - und das "offene Ohr" für alle in Cuxhaven zu demonstrieren.

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Bengta Brettschneider

Volontärin
Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

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