Blick von der Empore auf „Triosence" und das voll besetzte Kirchenschiff der Kulturkirche im Stadtteil Süderwisch. Foto: Potschka
Blick von der Empore auf „Triosence" und das voll besetzte Kirchenschiff der Kulturkirche im Stadtteil Süderwisch. Foto: Potschka
Stehende Ovationen für Jazz-Trio

"Triosence" verzaubert die Kulturkirche in Cuxhaven-Süderwisch

von Jens Potschka | 10.07.2026

In der Kulisse der Kulturkirche in Cuxhaven-Süderwisch präsentiert "Triosence" ihr zehntes Album und öffnet eine Klangwelt voller persönlicher Geschichten und musikalischer Hommagen. Ein Abend, der die Zuhörer auf eine emotionale Reise mitnimmt.

Der Flügel steht aufgeklappt vor dem Altar, als warte er selbst auf seinen großen Auftritt. Ein Kontrabass liegt am Boden, rechts türmt sich ein Schlagzeug mit unzähligen Percussion-Instrumenten zu einer kleinen Klanglandschaft. Gut 130 Zuhörer haben sich ins Kirchenschiff im Stadtteil Süderwisch gedrängt, viel mehr passt nicht hinein. Dann betritt "Triosence" die ungewöhnlichste Bühne ihrer Tour, um ihr zehntes Album vorzustellen, "Stories of Life", zugleich ein Jubiläum nach 25 Bandjahren.
Drei Veranstalter haben sich für diesen Abend erstmals zusammengetan: der Moby's Culture Club Cuxhaven, der Verein Jazz und Folk Cuxhaven sowie Kulturyard. Kurz nach der Begrüßung sitzen drei Meister ihres Fachs in der Kulturkirche und lassen von der ersten Minute an keinen Zweifel daran, warum die Formation seit Jahren zu Europas gefragtesten Jazzformationen zählt. Bernhard Schüler am Flügel ist der ruhige Erzähler des Abends, doch sobald seine Hände die Tasten berühren, verwandelt er sich. Seine Füße tanzen unter dem Instrument einen eigenen, kaum sichtbaren Rhythmus, der rechte bedient das Pedal, der linke wippt im Takt mit, während sein Gesicht jede Wendung der Musik spiegelt.

Perkussionist Tobias Schulte bezieht auch das Taufbecken der Gnadenkirche in Süderwisch mit in sein virtuoses Spiel ein. Foto: Potschka

Wie aus drei Instrumenten ein Atem wird

Omar Rodriguez Calvo am Kontrabass wechselt mühelos zwischen Zupfen und Bogenstrich, treibt die Stücke mit dunklem, warmem Ton voran und übernimmt in seinen Soli eine fast tänzerische Leichtigkeit, die seinem sperrigen Instrument niemand zutrauen würde. Und Tobias Schulte, der Perkussionist mit dem wohl größten Instrumentarium des Abends, bezieht sogar das Taufbecken der Kirche in sein Spiel ein, eine Holzplatte deckt es ab, seine Sticks und Hände holen daraus Klänge, die man in einem Gotteshaus so nicht erwartet hätte. Was die drei aber wirklich auszeichnet, ist nicht ihr virtuoses Können allein, sondern wie sie einander zuhören, wie ein Blick genügt, um eine Phrase gemeinsam zu beenden, wie aus drei Instrumenten ein einziger Atem wird.

Komponieren als musikalisches Tagebuch

Statt ein Tagebuch zu führen, setzt sich Bernhard Schüler regelmäßig ans Klavier. Wenn ihn etwas aufwühlt, dann lässt er die Musik durch sich fließen. So entsteht der harmonische, lyrische Song-Jazz, der charakteristisch ist für "Triosence". Auch das Stück "Lale Minna", geschrieben für das Patenkind seiner Lebensgefährtin, benannt nach einem Mädchennamen, den es kein zweites Mal auf der Welt geben soll. So entstand auch "Taminas Lullaby", ein Schlaflied für seine eigene Tochter, das er ihr schon im Mutterleib vorspielte.

Mit leidenschaftlichem Ausdruck am Flügel entfaltet Bernhard Schüler in der Kulturkirche Cuxhaven-Süderwisch seine emotionale Klangwelt. Foto: Potschka

Rechts der Bühne, gleich neben Tobias Schulte, hängt ein Gemälde: Ein Mann mit freiem Oberkörper blickt darin still auf einen See bei Göteborg, im Hintergrund erahnt man eine zweite Gestalt im Sommerkleid. Es ist ein Bild von Schülers 2023 verstorbenem Onkel Rainer Hoffmann, in seiner stillen Melancholie nicht unähnlich den Bildern Edward Hoppers. Wer während des Konzerts immer wieder zu diesem Gemälde hinüberschaut, versteht schnell, warum Hommage an den Onkel die treffendste Beschreibung für das gesamte neue Album ist. Zu jedem Stück hat ein Schüler ein Gemälde seines Onkels ausgesucht, der gegen den Widerstand seiner bürgerlichen Lehrerfamilie in jungen Jahren in die schwedische Wildnis zog. Der Song "Dear Rainer" ist die musikalische Verbeugung vor diesem Vorbild, getragen von Schülers warmem Anschlag und einem Kontrabasslauf, der wie ein Nachruf klingt, traurig und versöhnlich zugleich.

Mit leidenschaftlichem Spiel am Kontrabass verzaubert das Jazz-Trio "Triosence" die Kulturkirche Cuxhaven-Süderwisch und nimmt das Publikum mit auf eine emotionale Klangreise. Hier Omar Rodriguez Calvo am Kontrabass. Foto: Potschka

Auch die Herkunft der Band bekommt ihren Moment: 1999 gegründet in einem Proberaum bei Kassel, widmet "Triosence" den Brüdern Grimm den Song "G. Brothers", eine augenzwinkernde Verneigung vor den berühmtesten Söhnen der Stadt. Nach der Pause wird es tänzerischer, "Marrakesch Swing" und "3-4 Fun" bringen Latin- und Weltmusik-Anklänge ins Kirchenschiff, Calvo und Schulte treiben sich hier gegenseitig zu immer neuen Ideen an, während Schüler mit perlenden Läufen darüber webt. "Odd Times" spielt mit ungeraden Taktarten, geschrieben im ersten Corona-Lockdown, und öffnet damit auch klanglich neue, etwas sperrigere Räume, die das Trio mit spürbarer Lust am Risiko durchmisst. Zum Abschluss sorgt "Taurus Line" noch einmal für archaischen Groove, erdig und kraftvoll, bevor die Zugabe das Publikum endgültig von den Bänken holt.

Stehende Ovationen für ein Leben in Tönen

Was diesen Abend besonders macht, ist die Nähe, mit der Schüler seine Geschichten teilt, und die Selbstverständlichkeit, mit der seine beiden Mitmusiker diese Geschichten in Klang übersetzen. Kein Klischee vom distanzierten Jazzmusiker, sondern drei Erzähler, die Verlust, Vaterschaft und Trauer offenlegen und daraus Musik von großer Klarheit und technischer Finesse formen. Das Publikum in der Kulturkirche folgt ihnen auf dieser Reise durch ein Leben in Tönen und dankt ihnen am Ende mit lang anhaltendem Applaus und stehenden Ovationen.

Bernhard Schüler, Omar Rodriguez Calvo und Tobias Schulte (v.l.) verschmelzen im Kirchenschiff zu einer musikalischen Einheit. Foto: Potschka

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Jens Potschka

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Cuxhavener Nachrichten/Niederelbe-Zeitung

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