Ohne KI und Videosprechstunde geht's nicht: Was kommt im Gesundheitswesen auf uns zu?
Krankmeldung ab Tag eins, überlastete Arztpraxen, die für weniger Geld noch mehr leisten sollen: Über dies und vieles andere, was auf Patienten im Cuxland zukommt, hat unser Medienhaus mit Dr. Stephan Brune vom KVN-Bezirk Stade gesprochen.
Dr. Stephan Brune ist Vorsitzender des Bezirks Stade der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN). Diese koordiniert die ambulante ärztliche Versorgung für die Landkreise Stade, Cuxhaven, Osterholz, Rotenburg (Wümme) und Verden. Im Hauptjob führt der Mediziner zusammen mit Kollegen in Stade eine große Praxis für Kardiologie, Innere Medizin und Sportmedizin. Das Gespräch führte Redakteurin Maren Reese-Winne.
Herr Dr. Brune, die verpflichtende Krankmeldung ab dem ersten Tag ist in aller Munde. Auch bei Ihnen?
Ja, dazu gibt es jeden Tag mehrere Telefonate. Und der Vorschlag wird auch bei uns als überaus problematisch bewertet. Schon jetzt sind die Praxen übervoll und darüber hinaus mit Bürokratie überlastet. Die neue Regel wäre absolut problematisch vor allem für unsere hausärztlichen Kolleginnen und Kollegen. Auf sie kommt ohnehin schon mehr Arbeit zu, wenn sich der Vorschlag für ein Primärarztsystem durchsetzt. Dieses sieht vor, dass Patientinnen und Patienten immer als Erstes die Hausarztpraxis aufsuchen. Ein Modell, das ich im Gegensatz zur Krankmeldung ab Tag eins absolut befürworte.
Woher kommt der Ansturm auf die Praxen?
Zunächst ist das die Folge der demografischen Entwicklung. Generell ist der Krankenstand in Deutschland sehr hoch; deutlich höher als vor Corona. Das stellt die Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber vor ein Problem, das merken selbst wir in den Arztpraxen. Unter anderem dürfte es an der hohen Arbeitsbelastung liegen, dass die Menschen sich früher ausgelaugt und krank fühlen.

Was könnte dieser Tendenz - außer dem Versuch der Regulierung von außen - entgegenwirken?
Eine gesunde Lebensführung könnte das Aufkommen gesundheitlicher Beschwerden deutlich spürbar reduzieren. Prävention erfordert auch Eigeninitiative. Die skandinavischen Länder machen uns das positiv vor. Schon in der Schule müsste vermittelt werden, was dazugehört, angefangen beim Verzicht auf Nikotin und zu viel Alkohol. Leider fällt in der Schule auch der Sportunterricht zu häufig aus. Dabei müsste er sogar noch aufgestockt werden. Wir sehen auch eine rasante Zunahme des Übergewichts bei Kindern und Jugendlichen.
Wären Telemedizin und ganze Online-Portale ein Instrument, um die Lage in den Praxen zu entzerren?
Telemedizin finde ich grundsätzlich sinnvoll, aber nicht, um dort eine Krankmeldung zu erlangen. Die Hürde, sich dort krankzumelden, halte ich für sehr gering. Grundsätzlich sollte die Beurteilung beim Hausarzt liegen, der den Patienten kennt. Der Kontakt zur vertrauten Praxis jedoch könnte durchaus in einer Telefon- oder Videosprechstunde stattfinden. Das könnte auch zum Beispiel Migränepatienten vom Weg in die Praxis befreien. Organisatorisch könnte dies beispielsweise mit einer täglichen zeitlich beschränkten Videosprechstunde gelöst werden.
Bei welchen Vorgängen ist die Videosprechstunde gut umsetzbar?
Videosprechstunden werden in der Zukunft deutlich an Bedeutsamkeit gewinnen. Viele Vorgänge, zum Beispiel die Medikamenteneinstellung oder die Besprechung eines Langzeit-EKG oder einer Langzeit-Blutdruckmessung, müssen nicht unbedingt in der Praxis besprochen werden. Wir machen das bereits gemeinsam mit einigen Hausarztpraxen per Video. Allerdings müsste für diese Leistung noch eine gerechtere Honorierung festgelegt werden. Anbieter, die nur Telemedizin anbieten, halte ich außer in einigen wenigen Disziplinen für problematisch.
Welche Bedeutung wird die KI (Künstliche Intelligenz) angesichts der beschränkten Kapazitäten der Praxen einnehmen?
In der Beurteilung von Normalbefunden in der Mammografie ist die KI bereits richtig gut. Auch bei der EKG-Auswertung oder bei der Abmessung von Organen im Ultraschall ist sie zum Teil besser als ein Arzt. Ferner kann die KI zu einem wichtigen Instrument der Basisuntersuchung werden, um beispielsweise die Priorisierung in der Reihenfolge der Behandlung zu steuern.
Das als Zukunftsmodell gestartete Regionale Versorgungszentrum (RVZ) in Nordholz ist in einen personellen Engpass geraten, nachdem ein Ärzte-Ehepaar in die Selbstständigkeit wechselt, eine Ärztin in den Ruhestand gegangen ist und der Ärztliche Leiter zum September gekündigt hat. Wie geht die KVN in Stade mit der Situation um?
Natürlich sind wir mit der Lage vertraut; die Wurster Nordseeküste ist hier jede Woche Thema. Ich halte es für ausgesprochen schwierig, dass kommunale Träger Arztpraxen betreiben wollen. Sinnvoller wäre die Förderung großer selbstständiger Praxen, gerne auch mit angestellten Ärztinnen und Ärzten, oder auch der Ankauf von Arztsitzen durch Kliniken. Wir selbstständige Ärzte sind erfahren darin, Einrichtungen mit einer extrem guten Kostenstruktur zu betreiben. Wir haben im KVN-Bezirk mehrere solcher Zentren, die mit großem Erfolg betrieben werden.
Seit dem Start wurde das RVZ als erfolgreiches Instrument gegen den Hausärztemangel angesehen. Der Landkreis Cuxhaven plant sogar eine Zweigstelle in Spaden.
Die Regionalen Versorgungszentren sind ein Vorzeigeobjekt, in das allerdings auch extrem viele Fördermittel geflossen sind. Finanziell halte ich sie auf Dauer nicht auskömmlich betreibbar. Auch als Steuerzahler sehe ich das ausgesprochen skeptisch.
Der Entwurf des GKV-Beitragsstabilisierungsgesetzes sieht auch eine Aufkündigung des bisherigen Terminservice- und Versorgungsgesetzes vor. Was bedeutet das?
Für die sogenannten Hausarztvermittlungsfälle, die den Patienten einen schnellen Weg in die Fachpraxen vermittelten, galt bislang eine extrabudgetäre, nicht gedeckelte Vergütung. Wenn das aufgehoben wird, droht dieses Angebot zusammenzubrechen. Ich fürchte, dass es dann schwierig werden wird, noch kurzfristige Termine zu erhalten. Was ist das Ergebnis? All diese Leute werden in die Notaufnahmen gehen, was wir uns alle nicht wünschen können. Insgesamt wird all dies noch mehr Kosten verursachen.
Wo sehen Sie noch Einsparpotenzial?
Im Vergleich zu vielen anderen Ländern halten wir noch sehr viele stationäre Betten in Krankenhäusern vor. Viele kleine Krankenhäuser sind teurer als zwei, drei große mit personeller und materieller Top-Ausstattung und entsprechender Qualität. Die Ambulantisierung ist berechtigterweise gewollt. Nun aber im ambulanten Bereich die Vergütung immer mehr zu beschränken und zu einer Budgetierung der Hausarztpraxen zurückzukommen, passt nicht zusammen.
Wo würden Sie sich Entlastung von bürokratischen Vorgängen wünschen?
Im Zusammenhang mit der Gewährung von Sozialleistungen ertrinken wir in Anfragen von Krankenversicherungen, Rentenversicherung, dem Landesamt für Soziales und verschiedener anderer Behörden. Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen unterliegen außerdem enormen Dokumentationspflichten. Wenn Menschen im System nur noch damit beschäftigt sind, ist das auf Dauer nicht mehr haltbar.
Viele Ärztinnen und Ärzte im Elbe-Weser-Dreieck stehen kurz vor dem Ruhestand. Was blüht uns bei der weiteren Versorgung?
Neben unserer Praxisbörse macht unsere Niederlassungsberatung einen sehr guten Job. Jeder, der sich selbstständig machen will, erhält bei uns die volle Unterstützung. Jedoch ist die Nachfrage geringer als die Zahl der Kolleginnen und Kollegen, die in naher Zukunft aufhören werden. Wir werden nicht alle Sitze nachbesetzen können. Das bedeutet, dass wir im Zulassungsausschuss alles daran setzen müssen, die weniger werdenden Personen gerecht im Bezirk zu verteilen.
Was müsste für eine stabilere Versorgung besser laufen?
Es werden in Deutschland einfach nicht genügend Ärztinnen und Ärzte ausgebildet. Die Absolventenzahl und die Zahl der Studienplätze sind viel zu gering. Viele entscheiden sich auf eigene Kosten für ein Studium im Ausland. Ich kann nur hoffen, dass viele so motiviert sind, später für ihre Facharztausbildung zurückkommen und sich später hoffentlich für eine Niederlassung zu entscheiden. Dies sollte konsequent gefördert werden.

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