
Fotos: Giesecke
„Museum Spurensuche“ – Lebensgeschichten am Fluss
Anfassbar wie nie
Gegenwart gesucht, Vergangenheit gefunden
An so einer Schülerbank habe ich
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auch früher gesessen. Das Tintenfass
war mein „Feind“. Ich schaffte
es, mit jeder Feder zu klecksen: ins Heft,
auf mein Kleid, an die Tapete ... Im „Museum
Spurensuche“ werden vergangene
Tage wieder lebendig.
Der Eintritt in den
Vorraum, die „kleine Kneipe“, überrascht
mit Gemütlichkeit. Beim Sitzen am Tisch
mit gestärkten Spitzentischdeckchen,
fühlt sich der Besucher wie bei Oma zu
Hause und eine vergessene Welt tut sich
auf: Dudelradio, Tonband, Harmonium
und Zither lassen Melodien im Kopf erwachen.
Ebenso wie die Musiktruhe. Die
faszinierte meinen Sohn mit zwei Jahren
so sehr, dass er, sobald er nur das Haus
betrat, „Opa Musi“ rief. So überrascht war
er, dass im Schrank Musik war. Ich sehe
mich auch beim Kaufmann Senf holen
und dabei mit großen Augen vor dem Bonsche
Glas stehen. Meiner Oma helfen, die
Wäsche durch die Wringe zu drehen und
Muster zu sticken. Und wie ich die Wärmflasche,
liebevoll von meinem Opa als
„heiße Tonne“ tituliert, ins klamme Bett
lege. Dort die Kiste mit Liederbüchern der
Oberndorfer Liedertafel samt Fahne. Man
sollte meinen, die Sänger kämen gleich
auf ein Bierchen herein. Die Scheiben
der Eingangstür sind mit so naturgetreuen
Fotos hinterlegt, dass man meint, man
schaue hinaus in die Dorfstraße bis zum
Deich.
Am Anfang war das WC ...
Das Museum begann mit der Toilette. Das
Dorf wünschte sich ein öffentliches WC. In
einem ehemaligen Kolonialwarengeschäft
wurde es in einem Nebeneingang installiert.
Die „Oberndorfer Heimatfreunde“
nutzten seit ihrer Gründung 1984 dessen
Hauptgebäude. Dort hatte man eine umfangreiche
Sammlung von Schätzen und
Kuriositäten aus alten Zeiten gesammelt.
Um daraus ein „anfassbares“ Museum zu
gestalten, bedurfte es eines tollen Teams,
dass sich aus 77 Mitgliedern des Vereins
aktiv einbrachte. „Allen voran hat uns
Barbara Schubert von der Kombüse mit
unheimlich viel Kreativität unterstützt“,
erzählt Mitglied Inge Köpke. Barbara
habe es geschafft, durch Verteilen von Flyern
eine beachtliche Summe gespendet
zu bekommen. Dazu gesellten sich Fördergelder
und öffentliche Mittel. Bis die
„ollen Klamotten“ systematisch geordnet
werden konnten, sollten acht Jahre vergehen
– bis zur Einweihung 2018. Anlässlich
der Dorferneuerung kam noch eine anhängende
Scheune dazu. Das oberste Ziel
vereinte alle: Spuren der Vergangenheit
sollten lebendig werden. Die Räumlichkeiten
wurden liebevoll ausgestaltet. Viele
kreative Vereinsmitglieder brachten sich
ein. Wie die Restauratorin, die sich um die
Bilder kümmerte.
Einkaufen wie Anno Domino – In einer
der vielen Schubladen eines ehemaligen
Bäckertresens kann man das Wareneingangsbuch
des damaligen Gemischtwarenladens
der Familie von Dollen entdecken.
Vom Stacheldraht über Nägel und
Eier bis zur Wolle konnte man dort alles
erstehen. Zu unterschiedlichen Preisen:
1912 kostete ein Ei 7 Pfennig. 1923 ließ die
Inflation den Preis bis 320.000.000.000 Trillionen
ansteigen.
Zahnschmerzen? – Die Praxis mit Stuhl
und Instrumenten wirkt nicht gerade einladend.
Großer Waschtag in Oberndorf – Stolz zeigen
die Bäuerinnen ihre gestickten Unterröcke;
Tisch- und Bettwäsche wehen auf
der Leine. Waschbrett, Wringe, Rolltuch,
Heißmangel und Bügeleisen lassen die
Mühsal der Hausfrauen erahnen.
Kurios – Die Waschkiste vom jungen Bäckerlehrling,
der in Cuxhaven seine Lehre
machte, wurde mit der Postkutsche
zum Waschen zur Mutti nach Oberndorf
gebracht. Die Anschrift stand auf dem