Fahrbibliothek überrascht: Was Leser 2026 im Landkreis Cuxhaven erwartet
Seit 50 Jahren bringt der Bücherbus Lesefreude in entlegene Winkel des Landkreises Cuxhaven. Doch es sind nicht nur Bücher, die der Bus zu bieten hat. Im Jubiläumsjahr wartet eine besondere Überraschung auf die Leser.
Als am 6. Juli 1975 der erste Bücherbus des damaligen Landkreises Wesermünde seine Runde antrat, stand dahinter eine schlichte, aber weitreichende Idee: Die Bücher sollen zu den Menschen kommen, nicht die Menschen zu den Büchern. Fünfzig Jahre später ist diese Idee lebendiger denn je.
Katrin Toetzke, Leiterin der Fahrbibliothek Landkreis Cuxhaven, blättert beim Gespräch in vergilbten Pressemitteilungen. Eine davon trägt die Überschrift: "Startschuss für die neue Fahrbücherei". Der Satz könnte auch heute stehen. Damals hieß der Landkreis noch Wesermünde, der Bus war nagelneu, und die erste Leserin ließ sich für die Nachwelt fotografieren.
Damals wie jetzt gilt: Der Bus kommt zur Leserschaft. Er hält auf Schulhöfen, vor Kindergärten, an Dorfrändern und in kleinen Ortschaften, die sonst kein Kulturangebot in Reichweite haben, 100 Haltepunkte, alle 14 Tage angefahren, montags bis freitags von halb acht bis in den späten Nachmittag. 30.000 Kilometer im Jahr. Mehr als jede andere Fahrbibliothek in Deutschland.
Ein Team, zehn Touren
Kurz vor sieben Uhr früh holt der Fahrer den Bus aus der Garage. Dann wird beladen: Vormerkungen sortieren, Bestellungen heraussuchen, Computer hochfahren, im Winter vorheizen. Um halb acht geht es auf Tour. Zwei Fachkräfte an Bord, ein Fahrer, rund 3000 bis 4000 Medien im Gepäck. Zehn Routen verteilen sich auf zwei Wochen, von Uthlede im Süden, wo das Schild "Bremen 13 Kilometer" ins Auge fällt, bis hinunter nach Hechthausen, kurz vor der Kreisgrenze. Das Team zählt zehn Personen: zwei Vollzeitfahrer, ausgebildete Bibliotheksfachkräfte, eine Kulturmanagerin und eine Auszubildende. Jede Minute zählt. "Wir schieben manchmal wirklich um fünf Minuten die Haltezeiten hin und her, weil bei uns jede Minute so kostbar ist", sagt Toetzke.
Mehr als nur Bücher
Wer glaubt, in einem Bücherbus gebe es nur Bücher, irrt gewaltig. Die Fahrbibliothek führt rund 35.000 Medien: Romane, Sachbücher, Hörbücher, Kinderfilme, Tonies, Kamishibai-Erzähltheater, Themenkisten für Lehrer, Klassensätze inklusive Arbeitsmaterialien, Gesellschaftsspiele und sogar eine Saatgutbibliothek mit alten, samenfesten Sorten. Wer ein Buch nicht im Bestand findet, kann es über die App wünschen. Im vergangenen Jahr verzeichnete die Fahrbibliothek 184.000 Entleihungen, 70.000 Besucher und 42.000 Vormerkungen. Das bedeutet: 42.000 Mal wurde das richtige Buch am richtigen Tag zum richtigen Haltepunkt für die richtige Leserin mitgebracht.
Wenn Kinder rufen: "Bücherbus!"
Wer einmal erlebt hat, wie eine Schulklasse den Bus stürmt, versteht, warum Toetzke und ihr Team so begeistert bei der Sache sind. "Die stehen schon da und skandieren: Bücherbus, Bücherbus", erzählt sie. Der Besuch ist an vielen Schulen fester Bestandteil des Unterrichts. Kinder, die schon im Kindergarten dabei waren, kennen die Abläufe, wenn sie eingeschult werden. Ergänzend fährt das MoBiLe, ein kleiner Kastenwagen mit drei Fachkräften, die Kitas an, die nicht vom großen Bus bedient werden. Die Kolleginnen bleiben bis zu einer Stunde, lesen vor, spielen Kamishibai-Theater, alles komplett analog.
Seit 2007 gibt es den Cuxland-Leseschatz in Zusammenarbeit mit dem Service-Club Soroptimist International: Bücherkisten, die halbjahresweise durch die Grundschulen wandern. Jedes Buch hat drei Fragen, jede richtige Antwort bringt einen Stempel in die Schatzkarte. Mehr als 5000 Kinder haben, bislang mitgemacht. Ein Mädchen sagte Toetzke einmal, sie habe durch den Leseschatz die Welt der Bücher entdeckt. Vorher habe sie nur ferngesehen. Jetzt lese sie, und das sei viel, viel schöner.
Die Stammkundin mit dem Fahrrad
Für viele Menschen im ländlichen Landkreis ist der Bücherbus der einzige regelmäßige kulturelle Anlaufpunkt. Manche kommen zu Fuß, manche mit dem Fahrrad, manche mit dem Auto. Es gab sogar Kundinnen, die zu Pferd kamen. Gerade für Senioren und mobilitätseingeschränkte Menschen ist der Bus weit mehr als eine Ausleihstation. Er ist Treffpunkt. Wenn er ausfällt, klingelt im Büro das Telefon. "Manche machen in den Ortschaften dann auch selbst Telefonketten", erzählt Toetzke. Es gibt Nutzerinnen und Nutzer, die als Kind in den Bücherbus kamen und heute mit ihren eigenen Kindern einsteigen. Toetzke selbst ist seit 27 Jahren dabei.
Der neue Bus kommt aus Finnland
Der jetzige Bus aus dem Jahr 2010 hat seine Dienstjahre redlich abgeleistet. Fast eine halbe Million Kilometer, und irgendwo ist immer etwas kaputt. Der Nachfolger ist bereits im Bau, bei der finnischen Firma Kiitokori, die zu den besten Herstellern von Sonderfahrzeugen Europas zählt. Das Chassis kommt von Scania. Der neue Bus wird knapp drei Meter länger, innen geräumiger und erstmals mit Klimaanlage ausgestattet sein. Elektroantrieb schied nach Prüfung aus: 30.000 Kilometer im Jahr, keine Möglichkeit zum Zwischenladen. Die Wahl fiel auf HVO, einen aus aufbereitetem Pflanzenöl gewonnenen Kraftstoff, der bei Bedarf durch Diesel ersetzbar ist. Die Übergabe soll das Finale des Jubiläumsjahres werden, das Toetzke klug als Schuljahr denkt: Es beginnt nach den Sommerferien und endet im Sommer 2026 mit dem Aufbruch in eine neue Ära.
Service als Haltung
Wer nicht selbst stöbern möchte, bekommt einen Stapel ausgesuchter Bücher hingestellt. Viele ältere Leserinnen und Leser schätzen genau das: ankommen, die alten Bücher abgeben, sagen, was gefallen hat, und dann mit einem neuen Paket wieder gehen. "Möchten Sie erst schauen?", fragen die Fachkräfte. "Nein, nein, das ist aber gut, was Sie ausgesucht haben." Für Kinder bis 17 Jahre ist die Ausleihe kostenlos, für Erwachsene gilt eine niedrige Jahresgebühr. Dafür bekommt man Zugang zu 35.000 Medien, einer App, einem digitalen Katalog und dem persönlichen Buchempfehlungsservice eines engagierten Teams, das seinen Job schlicht liebt. "Für uns steht Service an erster Stelle", sagt Katrin Toetzke.
Der Bus fährt weiter. Und an den Haltepunkten, wo ein Grüppchen auf dem Gehweg wartet, weiß man inzwischen, was das bedeutet: Der Bücherbus kommt gleich.
Jubiläumsjahr der Fahrbibliothek: Ein Ausblick
Das Jubiläumsjahr der Fahrbibliothek des Landkreises Cuxhaven läuft als Schuljahr von den Sommerferien 2026 bis Sommer 2027. Geplant sind unter anderem Give-aways für Kinder und Erwachsene zu den ersten Touren nach den Sommerferien, ein Preisrätsel rund um den Bücherbus für Grundschulkinder, ein Malwettbewerb sowie eine Kinder-Challenge. Teilnahme am Green-Screen-Filmpreis, Lesungen an Schulen, ein Goldenes Ticket, versteckt im Bücherbus, mit besonderem Gewinn, Bücher in Muttersprachen zum Internationalen Tag des Kinderbuches, Teilnahme am Kulturstrand Cuxhaven mit Kamishibai-Vorführungen, ein Gästebuch für alle Leserinnen und Leser und als großes Finale: die Eröffnung des neuen Bücherbusses.







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