Tief eingetaucht in die Seebadgeschichte Helgolands
Die Insel Helgoland feiert 200 Jahre als Seebad. Von Pioniergeist und Innovationen geprägt, bleibt die Hochseeinsel ein einzigartiges Reiseziel. Tourismus-Experte Dr. Martin Linne blickt im Gespräch auf historische und aktuelle Entwicklungen.
Seit 1998 ist Dr. Martin Linne im Tourismus vielfältig tätig. Er war Destinationsmanager auf Helgoland und in Wilhelmshaven sowie als Berater, Hochschuldozent und Forscher, Autor, Herausgeber und in seinem Beratungs-Unternehmen Tourismus-Lotsen tätig. Der in Elmshorn lebende Tourismus-Experte bleibt als Geschäftsführer des Wirtschaftsforums Helgoland der Insel eng verbunden. Im Interview mit Redakteurin Wiebke Kramp nimmt er Bezug zu historischen und aktuellen Entwicklungen des Seebades Helgoland. Das 200-jährige Jubiläum wird am Sonnabend (6. Juni 2026) groß auf der Hochseeinsel gefeiert.
Sie sind eingetaucht in die Seebadgeschichte Helgolands. Was sind dabei für Sie die spannendsten Erkenntnisse gewesen?
Auch wenn Helgoland 1826 nicht das erste Seebad war, so war Helgoland immer in verschiedenen Dingen Vorreiter. Die Art der ganzheitlichen Vermarktung und des Vertriebs von Jakob Andresen Siemens greifen Pauschalreisen vor, die erst ab 1841 in Mode kamen. Das erste Wellenbad, frühe Elektrizität, Innovationen im Schiffsverkehr, all das hat die Entwicklung Helgolands in den vergangenen 200 Jahren geprägt. Am meisten beeindruckt hat mich jedoch die Person des Seebadgründers: Er lebte für Helgoland. Er bezog Positionen für Helgoland und hatte doch immer große Widersacher auf der Insel. Man hatte ihn fast vergessen. Bis die Idee aufkam, ihm zum 100. Jubiläum des Seebades ein Denkmal zu stiften. Doch es gab kein Bild von ihm, sodass man nur noch mit einem Fantasie-Bildnis an ihn erinnern konnte. Das zeigt nämlich irgendeinen alten Fischer, obwohl Siemens ein junger 31-jähriger Bootsbauer war.
Gibt es auch Kuriositäten, auf die Sie im Laufe Ihrer Recherchen gestoßen sind, und mögen Sie uns diese verraten?
Es ist generell interessant, die alten Schriften zu lesen und mit heute zu vergleichen. Vieles scheint sich in 200 Jahren überhaupt nicht verändert zu haben. Und das, obwohl Helgoland ja nun von den massivsten Veränderungen überhaupt geprägt wurde. Kurios finde ich die Ausführungen von Paul Kuckuck, einem frühen Leiter der Biologischen Anstalt Helgoland, und seine Einstellung zu den Touristen. Die kommen bei ihm gar nicht gut weg. Herrlich schräg ist auch das Thema Seekrankheit: Man hat vor 200 Jahren zwar gewusst, dass Seekrankheit auftritt; doch die Medizin konnte das überhaupt nicht erklären. Stattdessen erfand man das Märchen, Seekrankheit diene dem Einleitungsprozess einer Badekur, der inneren Reinigung. Sie gehöre quasi dazu, wenn man eine Badekur machen will.
Zur Seebadgründung 1826 hat Helgoland als englischer Vorposten mit den Heilfaktoren Nordsee und Klima geglänzt sowie mit seiner Einzigartigkeit. Warum wurde es bei Eliten aus Wissenschaft, Kunst, Literatur und Adel ein so beliebtes Ziel?
Weil es eben so einzigartig war. Lange vor der Gründung des Seebades war Helgoland ein beliebtes Reiseziel, das einerseits durch die Qualität der reinen Seeluft alle anderen europäischen Seebäder ausstach. Andererseits war der schroffe Felsen im Meer für viele Menschen so besonders, dass die Romantik zum Treiber der Helgolandreisen wurde. Schon als einige Jahre früher in Cuxhaven das Seebad gegründet wurde, schwärmte man von Ausflügen nach Helgoland, die man auf keinen Fall versäumen dürfe.
So war es auch auf Föhr, als dort zuvor das Seebad gegründet wurde. Man kann es sich heute kaum noch vorstellen: Von Föhr aus wurden damals Ausflugsfahrten zu den frühen Grottenbeleuchtungen angeboten, weil das so einzigartig war. Heute hat Hamburg den Blue Port als Event. Vor 180 Jahren hatte Helgoland die Grottenbeleuchtung an der Westküste mit verschiedenen Feuern als ein sehr frühes, wenn nicht sogar das erste Event der Erlebnisinszenierung mittels Licht dieser Art.
Na ja, und es war eben auch der Zeitgeist. Reisen konnte sich nicht jeder leisten. Die Reise nach Helgoland war schon immer etwas Besonderes und irgendwann gehörte es einfach in den Kreisen dazu, einmal auf Helgoland gewesen zu sein. Man sah sich; man traf sich. Es wurden Anwesenheitslisten veröffentlicht. Da bekommt heute jeder Datenschützer Herzklabastern …
Haben Sie einen historischen Lieblingsgast und wer ist das?
Heisenberg und von Fallersleben haben eine große Strahlkraft für Helgoland entwickelt. Aber es gibt einen Lieblingsgast, der aus der neueren Zeit stammt und dennoch historisch ist. Ich erinnere mich oft an das Treffen mit Uwe Friedrichsen, für viele ist er Zalu, für mich der Uwe aus der Sesamstraße. Er reiste anlässlich von Singen, Atmen, Seeluft als Erzähler an und schmiss mich morgens per Telefon aus dem Bett, weil er mit der Anreise unzufrieden war. Da ist man schlagartig hellwach ... Aber wir hatten ein wundervolles Konzert in der Nordseehalle und lernten einen großen Star als tollen Menschen privat kennen. Das hat mich beeindruckt.
Als Tourismusexperte kennen Sie auch andere Destinationen an Nord- und Ostsee, wie wichtig sind bezahlbare Anreisen und Unterkünfte und was spielen Authentizität, Gastfreundschaft und Angebote für eine Rolle?
Das mit der Bezahlbarkeit ist so eine Sache. Ich höre auf Helgoland immer öfter, die Preise seien zu hoch. Merkwürdig daran ist, dass sich die extrem hochpreisigen Angebote am schnellsten verkaufen. Ich habe gerade vor kurzem recherchiert, was andere Tagesausflüge kosten. Die Fahrt mit der Brockenbahn im Harz: 86 Euro für Erwachsene. Da bekommt man kein ganztägiges Erlebnis. Der Hansa Park ist mit 42 Euro für Erwachsene vergleichsweise günstig. Die Erlebnisfahrt für vier Stunden auf der Cap San Diego anlässlich des Hafengeburtstags kostet 149 Euro - mehrfach ausgebucht. Es kommt mehr auf den Preis-Wert an, als auf einen billigen Preis. Es zählt, was der Gast mit dem Schiffsticket als Eintritt in die Erlebniswelt Helgoland geboten bekommt. Und es kommt auf das Besondere, das knappe Gut an. Und in dem Zusammenhang ist Helgoland nicht zu teuer. Die vielen einzigartigen Leistungsmerkmale müssten nur deutlicher herausgestellt werden.
Und schon sind wir bei den Schwachstellen: Authentizität und Gastfreundschaft. Da gibt es Nachholbedarf. Das liegt zum Teil an der deutschen Mentalität. Als wir in England waren, in Bath zum Beispiel, stand in dem alten römischen Bad: Please touch! Bei uns unvorstellbar. Unsere Jolle haben wir "feel free" genannt, weil wir damit überall aufgefordert wurden, Dinge einfach zu tun. Wir in Deutschland müssen alles regeln, viele Schilder aufstellen und immer den Zeigefinger erheben. Das erlebt der Helgoland-Gast gern mal auf der Düne, wenn er sich Robben nähert. Es ist richtig, Abstände einzuhalten. Ich habe aber selbst schon die Erfahrung gemacht: Man muss nur grundsätzlich in die Richtung der Robben gehen, schon wird man relativ unfreundlich auf ein Näherungsverbot hingewiesen. Da stimmt in meiner Auffassung die Verhältnismäßigkeit nicht mehr. Aber das ist nicht nur auf Helgoland so. Ein bisschen mehr englische Entspanntheit und dänische Leichtigkeit täten Helgoland schon gut.
Die Attraktionen Düne, Schwimmbad, Strände, Vogelklippen sind wetterabhängig. Solange das Blue House noch nicht fertiggestellt ist, bleiben bei Dauerregen nur die Angebote des Museums. Müsste auf einer wetterexponierten Hochseeinsel bei Schietwetter nicht flexibel reagiert werden, um den Gästen ansprechende Freizeitaktivitäten zu bieten?
Soweit ich mich zurückerinnere (bis 1974) hat es nicht so viele In-Door-Aktivitäten auf Helgoland gegeben wie heute: zwei Bunker, die kleinen Hummerbuden am Museum, die Vogelausstellung vom Verein Jordsand, die Stöber-Hummerbunden am Binnenhafen, Anna's Art Affair. Und wenn das Blue House dann irgendwann die Lücke des Aquariums schließt, ist es gut. Muss eine Insel, die über so viele natürliche Sehenswürdigkeiten verfügt, zusätzlich künstliche Attraktionen schaffen? Sollten wir nicht noch mehr darauf bauen, dass das Inselerlebnis zu jedem Wetter und zu jeder Jahreszeit einzigartig ist? Das geht aber schlecht, wenn tagsüber im Winter kaum ein Café geöffnet hat oder nur Raucherkneipen vorhanden sind.

Könnte in Ihren Augen die wieder in die Diskussion geratene Landverbindung zwischen Insel und Düne der Zukunftssicherung Helgolands als Destination dienen oder sind es andere Dinge, die in den Fokus genommen werden müssen?
Wenn es wirklich richtig gemacht wird, ist es absolut sensationell. Ich halte eine genial gemachte Lösung mit dem Weitblick im Sinne des Ansporns des Wiederaufbaus für richtig. Viele strukturelle Probleme der Insel ließen sich mit diesem Geniestreich auf einmal lösen. Ohne das wird es sehr schwer werden. Dabei darf man aber nicht mit der Demut und Bescheidenheit aus der Zeit des Wiederaufbaus denken. Marktvisionär und Mut zum großen Wurf wäre mein Vorschlag. In dem Fall hilft "think big!" und vor allem "think ganzjährig!". Schließlich muss sich eine solche Investition genauso schnell amortisieren wie vergleichbare Investments auf dem Festland. Gleichzeitig wäre eine strukturelle Veränderung hin zur "neuen Welt des Tourismus" notwendig. Das "Produkt" Helgoland, das heute verkauft wird, basiert im Kern noch fast unverändert auf den Fehlentwicklungen der 1930er-Jahre. Hier fand die Vermassung erstmals statt, hier wurde der Fokus auf den Tagesgast gelegt. Und so begann der Tourismus auch nach der Freigabe mit einer improvisierten Shopping-Meile auf der Düne. Ein munteres "Weiter so!" kann es nicht geben. Helgoland muss die strukturellen Probleme grundlegend angehen. Und dabei ist es fast egal, ob die Verbindung zustande kommt oder nicht. Ich sehe aber keine Alternative mehr.
Was läuft in Ihren Augen zurzeit gut auf Helgoland?
Ich finde es hervorragend, dass sich die Nachfrage immer mehr hin zum längeren Aufenthalt verschiebt. Ich weiß, dass es die Reeder schmerzt, dass die Ticketverkäufe von früher heute nicht mehr realisierbar sind. Die Urlauberankünfte bilden seit vielen Jahren einen kaum wahrgenommenen Trend. Seit 1996 steigen diese Zahlen der Urlaubsgäste stetig an. Noch nie haben so viele Menschen auf Helgoland übernachtet, wie beständig seit 2010.
Und wo darf gerne noch nachgebessert werden?
An sehr vielen Stellen. Die Frage der Verkehrsanbindung muss grundlegend überdacht werden. Es kann nicht sein, dass Schiffe gelegentlich keinen Liegeplatz zugewiesen bekommen. Es kann nicht sein, dass es keine zentrale Passagierabfertigung mit professionellen Strukturen (Unterstand, WC, Café, Serviceschalter etc.) gibt, sondern nur dezentrale, improvisiert wirkende Strukturen.
Die Insel braucht noch mehr zeitgemäße Hotelangebote. Versuche, dies zu ändern, sind in den letzten Jahrzehnten immer gescheitert. Teils zum Vorteil wie in den 1960ern, teils zum Nachteil der Insel. Die Insel braucht mehr Gastronomie und dies auch verlässlich im Winter, sonst braucht es den Winterfahrplan bald nicht mehr. Und: Die Insel braucht eine Strategie! Wie will man den Tourismus in den nächsten zehn, 20 oder gar 30 Jahren ausrichten, damit alle am selben Strang ziehen können? Meine Hoffnung: Mit der Diskussion einer richtig gut geplanten Verbindung zwischen Insel und Düne wird die Notwendigkeit der strategischen und konzeptionellen Planung allen bewusst werden. Und wenn allein das das Ergebnis des nun angestoßenen Prozesses wäre, hätte Helgoland schon viel gewonnen.
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